Orchesterfuzzis sind die schlimmsten

Bahnfahren ist eigentlich klasse, es gibt nur zwei Nachteile: Die Unpünktlichkeit der Bahn und die Mitfahrenden. Gemeinhin gelten Horden von Schulkinder auf Klassenfahrt, marodierende Bundeswehreinheiten auf dem Weg in die Heimat, Nichtigkeiten austauschende Sinnloshandytelefonierer und halbtaube, dafür um so lauter über ihre Krankheiten redende Omas als die unangenehmsten Mitreisenden. Seit heute vormittag weiss ich, dass dies unhaltbare Vorurteile sind.

Schlimmer sind zwei Mitglieder eines Orchesters, die sich die gesamte Bahnfahrt von Berlin nach Hamburg über unterschiedliche Interpretationen von Rachmaninow, über unfähige Dirigenten („bei X spielt immer nur die Hälfte, die bekommen nie mit, wen er meint, da verpasst jeder seinen Einsatz“ – „hoho“), über die Kollegen mit der Geige („Geiger spielen sich immer so auf, denken echt, sie sind die wichtigsten“ – „ja, dabei hat letztens Y beim Konzert sehr schräg gespielt“), über andere Orchester („die aus St. Petersburg sind bei russischen Komponisten absulute klasse, aber wenn die mal Schubert spielen sollen, dann wird das nur schief, das können die einfach nicht.“) oder über Komponisten („bei Mozart hat man es leichter, da sind immer alle begeistert, aber wenn bei Beethoven auch nur eine Note falsch gespielt wurde, dann wird man sofort verrissen.“) unterhalten.

Ich verstehe ja die Begeisterung, aber kann man nicht trotzdem mal die Fresse halten und ein Buch lesen, von mir aus auch irgendwas mit Noten? Bei der nächsten Reservierung werde ich bei der Bahn nachfragen, ob Orchesterfuzzis mitreisen. Als Warnhinweis für meine Leser: Der Rädelsführer trug eine leuchtend gelbe Jacke und einen Geigenkasten. Der Mann ist gefährlich und redet selbst beim Aussteigen ununterbrochen weiter.

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9 Antworten auf „Orchesterfuzzis sind die schlimmsten“

  1. Aber noch schlimmer als bahnfahrende Musiker sind Moblogger mit unterbelichtetem Cam-Handy ;-)

  2. Besser über Rachmaninov erzählt zu bekommen, als (stellen wir uns hier viele böse kombinationswörter vor)-Blogger über Blogs erzählen hören zu müssen. Und dass die Geigen sich immer wichtig fühlen stimmt ja auch. Diese Pferdehaarmusiker. Wichtigtuer. Sei froh, dass sie kein Buch mit Noten dabei hatten (bzw. auspackten). Sie hätten ihre Instrumente genutzt und du hättest diesen Eintrag nie geschrieben.

  3. In meinem Wagen ist von Wittenberge bis Hamburg ein ganzes Jugenorchester mitgereist. Noch Fragen?

  4. Also meine wunderwaffe gegen alle Störenfriede in der Bahn ist ja ein mit Kopfhörern bestücktes Musikabspielgerät und dann Augen zu und so halb dösen.
    Nur leider sind meine Batterien immer alle sobald der Ausflug der Kindergartengruppe auftaucht!

  5. die schulklasse ist bei mir mitgefahren. bis dammtor. vorsichtig formuliert: den postpubertären kieler jungs und mädchen überkam die panik, als sie mitbekommen haben, dass der zug in dammtor nur eine minute aufenthalt besaß, nachdem bereits das einsteigen im ostbahnhof fünf minuten gedauert hat.

    ich glaube, ich habe mich irgendwo hinter berlin-spandau gleich an die tür gestellt um in hamburg-dammtor als erster aus dem wagen springen zu können.

  6. wirklich auch nicht sagen können!Orchesterfuzzis sind die schlimmsten
    Bahnfahren ist eigentlich klasse, es gibt nur zwei Nachteile: Die Unpünktlichkeit der Bahn und die Mitfahrenden…

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