Vor 15 Jahren – als ich ein gefragter Analyst der Lage in Deutschland war

Nico —  9.11.2004

Heute vor 15 Jahren sass ich vor der Glotze, ungläubig auf Dan Rather starrend, der vom Fall der Berliner Mauer berichtete. Ich sass in Des Moines, Iowa, und konnte es nicht fassen. Mein Heimatort Mölln lag nur 15 km von der deutsch-deutschen Grenze entfernt, aber ich war ein Kontinent weiter und durfte alles im Fernsehen ansehen.

Die Schülerzeitung hat natürlich einen längeren Text zum Thema gebracht, zu dem auch ich befragt wurde, so a la „wie fühlst Du dich, jetzt, wo Du wiedervereinigt bist?“, worauf ich aber keine tolle Antwort parat hatte. Vom Hocker bin ich allerdings gefallen, als ich die Zeichnung neben dem Artikel gesehen hatte. Deutschland West und Ost, die Grenze ist auf, ein Auto fährt gen Westen. So weit so gut. Nur die hohen Berge im Norden und das viele Wasser im Süden liessen mich dann doch an den Geographie-Kenntnissen des Zeichners zweifeln. Krass fand ich auch, dass in der Vorstellung vieler Mitschüler die Berliner Mauer quasi die komplette Grenze zwischen Ost und West darstellte, irgendwie verlief die Mauer von Norden nach Süden und dabei quer durch Berlin.

Die nächsten Monate waren geprägt von der Frage nach meinem Gefühlszustand, meine Zweifel wurden nur schwer verstanden. Es war ziemlich schwer, den Fragenden annähernd begreifbar zu machen, was die Wiedervereinigung bedeuten würde, zumal ich ja nun auch nicht der intimste Kenner Ostdeutschlands war, da ich dort keinerlei Verwandschaft hatte.

Für mich war die Grenzöffnung erst im Sommer 1990 greifbar, wobei das Prägende nicht die Freude war, sondern das Genervtsein über die Trabikolonnen auf dem Weg zum Aldi.

2 responses to Vor 15 Jahren – als ich ein gefragter Analyst der Lage in Deutschland war

  1. Eine „Berliner Mauer“ von der Ostsee bis fast nach Prag kenne ich auch noch. In Form von auf eine Papplandkarte geklebten Pfeifenputzern. Aus einem Referat in „American History“. Mein Einwand wurde vom Lehrer niedergebügelt, der froh war, dass die Schüler überhaupt mal kreativ referierten. – Der gleiche Lehrer begründete übrigens den tosenden Beifall zu „Ich bin ein Berliner“ damit, dass der Präsident wegen eines Versprechers ausgelacht wurde, schließlich sei Berliner ein „Marmeladenbrötchen“. *sigh* traurig aber wahr. Und der ist heute Prof. an einer Privatuni.

  2. @Martin : Die Reaktion auf „Ich bin ein Berliner“ wird wohl oft missverstanden. Hier bei uns in UK wurde uns auch schon gesagt, dass die Leute wegen dem ‚Marmeladenbroetchen‘ gelacht haetten.
    Tja, so gefaehrlich ist Aussenpolitik.