Internetwahlkampf 2006

Nico —  27.11.2004

In einem Gespräch mit der Süddeutschen Zeitung zeigt Mario Voigt von der Konrad-Adenauer-Stiftung einen Trend hin zur Nutzung des Internets im Wahlkampf auch in Deutschland auf.

sueddeutsche.de: Sie haben das Internet als besonders wichtige Innovation bezeichnet.

Voigt: Im Vergleich zum Fernsehen hat das Internet klare Vorteile: Es ist schnell, die Botschaft ist ungefiltert und es ist preiswert. Im kommunikativen Bereich kann man Text, Audio und Video verknüpfen. Das hat dazu geführt, dass die Internet-Seiten der Kampagnen in den USA voll in die Wahlkampfstrategien integriert sind.

Da die Programme in ihrer ganzen Breite im Internet zur Verfügung standen, konnten sich die Kandidaten bei Partei-Veranstaltungen darauf beschränken, auf das Online-Angebot hinzuweisen. Das hat man bei deutschen Politikern bis heute noch selten erlebt.

Ich bin da ja eher Pessimist. Ich glaube nicht, dass das Internet 2006 eine Rolle für die Parteien spielen wird. Als konkretes Beispiel kann man einen Blick auf die Homepage des Bundestagsabgeordneten Horst Seehofer werfen. Durchaus ein bekannter Politiker, aber wenn diese Homepage Teil einer Wahlkampfstrategie werden soll, dann würde mich das Konzept dahinter doch brennend interessieren. Derweil suche ich immer noch die Email-Adresse auf der Homepage, um mit Herrn Seehofer Kontakt aufzunehmen…

Ich glaube, dass gerade der Aspekt der ungefilterten Botschaft den hierarchisch strukturierten Parteien Probleme bereitet. Die Parteiführung will das letzte Wort haben, daher bringt das Internet eher die Skeptiker in den Parteien auf den Plan, die Kontrollfreaks, die alles authorisieren wollen, was als Parteimeinung den Weg auf einen Bildschirm finden könnte.

Voigt:[…]Ein wichtiger Trend ist auch die Personalisierung der Wahlkampfseiten. Man konnte bei den US-Parteien zum Beispiel eine Startseite einrichten, von der man individuell begrüßt und mit bestimmten gewünschten Informationen ? etwa zur Bildungspolitik ? versorgt wurde. Auch wurden die Leute aufgefordert, einen eigenen Wahlkreis zu organisieren. Dadurch gelang es den Kampagnen, kleine, bereits bestehende Netzwerke anzuzapfen.

sueddeutsche.de: Einen Trend zur Personalisierung im Internet spürt man auf vielen, vor allem kommerziellen Seiten auch schon in Deutschland. Aber bislang nicht bei den Parteien.

Voigt: Es wird 2006 auch eine Wahlkampagne aus deutschen Wohnzimmern geben.

Meine Prognose: Es wird langweilige Pressemitteilungsblogs von 10 sog. Top-Politikern geben, wo alle paar Wochen ein Chat angepriesen wird, flankierend dazu wird es eine Handvoll Foren geben, in dem jeder Recht hat, der die Parteimeinung vertritt.

Wie rückständig man in Deutschland in Sachen Online-Kampagnen ist, kann man an campact.de sehen. Kein Blog, kein Wiki, aber einen Newsletter. Wow. Was 1998 bewährt war, muss 2004 nicht schlecht sein. Ich kann mitmachen, indem ich den Newsletter abonnieren, Spenden oder die Kampagne weiterempfehlen darf. Super.

Auch 2006 wird das Internet nicht so genutzt werden, wie es derzeit möglich ist. Wir werden weiter die langweilige digitale Version der Hochglanzbroschüre sehen, die wir am Infostand auch schon nicht mitnehmen wollten.

6 responses to Internetwahlkampf 2006

  1. ansonsten wäre der text ja auf 3 seiten, das viele clicken wollte ich meinen lesern ersparen. :)

    das ist in der tat ein elender ansatzpunkt, daher meine ich auch, dass die parteien sich mehr wandeln und öffnen müssen, um wieder für breitere schichten interessant zu werden.

  2. Wenn Herr Seehofer keine Reply-fähige Adresse angibt, sag der SPD bescheid, die können ihn dann per Organklagerecht abmahnen lassen. Es sei denn die Seite wäre rein privater Natur.

  3. och nö, das ist schlechter stil.

  4. Wenn die Parteien nicht bloggen, dann sollten vielleicht die Blogger eine Partei gründen … die Deutsche Blogger Partei (DBP).

  5. ah ja. und was soll das bringen? wo ist die gemeinsame Plattform?

  6. Nico, Du hast leider sooooooo recht. Vor allem, was die Kontrollfreaks angeht.