Populismus und Demokratie in den USA

Nico —  20.01.2005

Im Feuilleton der ZEIT findet sich heute ein Artikel mit dem fragenden Titel Ist Amerika noch eine Demokratie? des intalienischen Intellektuellen Paolo Flores d’Arcais. Der Autor zieht sehr interessante Schlussfolgerungen, aber der gesamte Text sollte gelesen werden:

Wenn die populistischen Dämonen, metaphorisch gesagt, »zu den Waffen rufen«, dann ist die Waffe häufig der reale Krieg. Jeder Populismus bedarf eines äußeren Feindes, um die liberale Logik auszuhebeln und innere Gegner in »Verräter« zu verwandeln. Der Krieg schließt den antidemokratischen Kreis des Populismus und heiligt seine Bestandteile: Die Gemeinschaft wird zu einer »großen Familie« (oder gar zur »Firma«) verklärt, mit einem »Vater« an der Spitze. Es gilt die Logik des Gehorsams. Der Dissens, der das demokratische Zusammenleben begründet, wird kriminalisiert und Konformismus zur Bürgertugend.

Dieser Konformismus breitet sich gerade in der ländlichen Welt Amerikas aus. Er ist deshalb so gefährlich, weil seine moral values einen totalitären Anstrich haben und Minderheiten in Ausgeschlossene verwandeln. Der Einzelne wird zur Zugehörigkeit erpresst; er darf sich der »Herde« nicht verweigern. Gerade sein Selbstverständnis als Individuum ist der Mehrheit suspekt. Auch hier gilt: Wer die Nation zu einer großen »Armee« degradiert und glaubt, sie könne sich auf ein frevelhaftes »Gott ist mit uns« berufen, der verkehrt den Willen der Gründerväter und den Geist der Verfassung in sein Gegenteil.

Immer häufiger sind daher Staaten, die wir als Demokratien bezeichnen, in Wirklichkeit Demokratien im Niedergang. Und es ist keineswegs ein bloßer Albtraum, wenn man fürchtet, Westen und Osten, erste Welt und zweite Welt würden unmerklich auf ein neues »Entwicklungsmodell« zusteuern: auf einen Kapitalismus ohne Demokratie. China und Russland schlagen jeweils auf eigene Weise diesen Weg bereits ein; das Amerika der Fundamentalisten und des Ölmagnaten Bush (um nicht vom kleinen Italien mit seinem Berlusconi-Regime zu reden) könnte auf sanftere Weise folgen.

Ältere Semester können natürlich den Artikel auch ausdrucken, lesen und abheften, wenn’s denn beim Erkenntnisgewinn hilft.

[via: Ist Amerika noch eine Demokratie? [Hopstock]]