unqualifiziertes Weimar-Genöle

Nico —  1.03.2005

Dieser Tage wurden mal wieder die Arbeitslosenzahlen verkündet, diesmal wohl recht ungeschönt und viel zu hoch. 5,2 Milionen Einzelschicksale. Da gibt es viele, die nun meinen, dies habe Dimensionen wie im Jahr 1933 angenommen. Diese Warnung wird verknüpft mit dem Hinweis, dass rot-grün abgewirtschaftet habe. Diese Warnung ist allerdings kompletter Blödsinn, weil die Lebensverhältnisse 1933 und 2004 nicht zu vergleichen sind. Der Hinweis übrigens auch. Mario Scheuermann betreibt hier FUD vom Feinsten, angepriesen als Warnruf der Vernunft. Da gibt es allerdings Leute, die mehr vom Thema verstehen.

Der Historiker Hans Mommsen hat angesichts der Rekordarbeitslosigkeit vor Vergleichen mit den Krisenzeiten der Weimarer Republik gewarnt. Die hohen Arbeitslosenzahlen und rechtsextreme Wahlerfolge in den neuen Bundesländern hätten „nichts miteinander zu tun“.

„Die Massenarbeitslosigkeit Anfang der dreißiger Jahre und jetzt sind überhaupt nicht vergleichbar“, sagte der Wissenschaftler der „Stuttgarter Zeitung“ . Auch die materiellen Verhältnisse, unter denen Arbeitslose lebten, hätten sich völlig verändert. In der Weltwirtschaftskrise habe Arbeitslosigkeit „eine klare Notlage bedeutet, was heute in dieser Form nicht zutrifft“. Mommsen gilt als einer renommiertesten Kenner der Weimarer Republik und der Geschichte des Nationalsozialismus. [TAH]

Dieses ewige Weimar-Genöle kann ich nicht mehr hören. Wir haben in Deutschland mit strukturellen Problemen zu kämpfen. Das ist ja nun wirklich bekannt. Hartz IV und die Agenda 2010 sind die von der Regierung unternommenen Schritte, die nicht gerade behutsame Massnahmen darstellen, um die Menschen wieder in Lohn und Brot zu bekommen. Niemandem ist geholfen, wenn immer wieder auf angebliche Weimarer Verhältnisse hingewiesen wird. Das Gegenteil ist der Fall. Mut für die Zukunft, Sicherheit für die nächsten Jahre gilt es zu vermitteln. Dann steigt auch der Konsum wieder, der nun mal einer der Fundamente einer Konsumgesellschaft ist. Wenn aber immer vor der Zukunft gewarnt wird mit dämlichsten Vergleichen a la „1933 war das ähnlich!“, dann wird wohl kaum Zuversicht entstehen.

10 responses to unqualifiziertes Weimar-Genöle

  1. Ach Nico,
    warum muss immer gleich alles unqualifiziert sein, was unbequem ist und nicht ins eigene Weltbild passt. Dieses Land hat abgewirtschaftet. Da beisst die maus keinen faden ab. Kein vernünftiger Mensch in der Industrie und im Mittelstand denkt daran hier noch etwas zu investieren, alle wollen nur noch eins: weg! Aber es können halt nicht immer und alle. Der Jobabbau geht weiter auf jenseits von 6 Millionen Arbeitlosen. Und in den Wachstumsländern Mitteleuropas drehen alle Wirtschafts- und Finanzminister Hans Eichel eine lange, lange Nase. Nimm doch einfach mal die Wahrheit zur Kenntnis statt einem (ehrenwerten und verständlichen) Wunschdenken nachzuhängen.

  2. guck, da geht das Genöle weiter… da kenne ich ja einige unvernünftige Menschen, die Deine Wahrheit auch ignorieren. warum bist du denn noch hier, wenn alles so schlecht ist? Wenn eh nichts besser werden wird?

  3. Meines Erachtens nach liegt die derzeitige Krise zu einem nicht unerheblichen Maß an den Auswirkungen der „Politik der ruhigen Hand“. Erinnert Euch an Schröders besonnene Politik des Nicht-Reagierens auf internationale wirtschaftspolitische Entwicklungen Ende der 90er bzw. Anfang 2000.
    Die ausbleibenden Konjunkturprogramme führten doch erst zu dem Chaos, in dem wir heute sitzen!
    3%-Hürde? Kein Problem, die packt Deutschalnd immer!
    Arbeitslosenzahlen? Auch hier sind wir Rekordhalter!
    Abbau von Sozialleistungen? Wir arbeiten dran!
    Abbau der Lohnnebenkosten? Denkste! Wo kommen wir denn dahin?
    So macht Schröder Deutschland interessant!

  4. Es ist ein wenig kurzsichtig und bezeichnend, die Schuld an der Situation in Deutschland einer einzigen Partei/Regierung zuzuschieben. Tatsache ist, dass in Deutschland seit Jahrzehnten von allen Parteien/Regierungen auf die jetzige Situation hin gearbeitet wurde.
    Zu der Situation trägt ganz erheblich die Wiedervereinigung bei, die schon über 1.250 Mrd. Euro gekostet hat. Da wurde hirnlos „investiert“ und das Geld aus dem Fenster geschmissen. Nicht zuletzt, um einen alten Mann an der Macht zu behalten. Immerhin eine wirtschaftliche Leistung, die uns keiner so schnell nachmacht.
    Davon abgesehen hat man sich in Deutschland nicht darauf eingestellt, dass das „Wirtschaftswunder“ irgendwann mal abflauen würde, sondern immer schön die Kohle rausgeballert, ohne Rücklagen zu schaffen und an Morgen zu denken.
    Und dabei möchte ich bestimmt nicht die Verdienste unseres Altbundeskanzlers schmälern, die Staatschulden derart in die Höhe zu treiben. Das macht ihm so schnell keiner nach. Und so hat noch kein Bundeskanzler auf das Morgen geschissen.
    Was ich hier lese, sind primitive Anmachen seitens der CDU- und CSU-Anhänger, die ja in letzter Zeit oft genug auf eindrucksvolle Weise bewiesen haben, dass ihnen beim Phrasendreschen kein Niveau zu niedrig ist, und es keiner Argumente oder Konzepte bedarf, den Stammtisch bei Laune zu halten.
    Es ist richtig und wichtig, eine Bilanz zu ziehen und die Fakten auf den Tisch zu legen, auch wenn es ganz bestimmt nicht schön ist. Aber warum sollte der Überbringer dieser Nachricht an diesen Fakten (alleine) schuldig sein. Hartz IV und Agenda 2010 sind mindestens seit 20 Jahren überfällig und Rot-Grün hat als erste Regierung den Mut gehabt, das anzugehen – auch wenn es nicht populär ist. Sicher wäre es weniger schmerzhaft, wenn man damit nicht so lange gewartet hätte, aber das lässt sich leider nicht mehr ändern.
    Die Schuldzuweisug bringt wenig bis gar nichts, denn es ist Zeit, die Probleme anzugehen und sich nicht gegenseitig zu blockieren. Entweder die Probleme werden gemeinsam angegangen oder es ist bald wirklich alles so schwarz wie es von vielen gemalt wird.

  5. thorte meint:
    „Die Schuldzuweisug bringt wenig bis gar nichts, denn es ist Zeit, die Probleme anzugehen und sich nicht gegenseitig zu blockieren. Entweder die Probleme werden gemeinsam angegangen oder es ist bald wirklich alles so schwarz wie es von vielen gemalt wird.“

    Sag ich doch! Die demokratischen Parteien müssen schnellstens raus aus ihren Gräben und Lagern und zu zweckdienlichen wenn auch wenig geliebten Koalitionen bereit sein wie rot-gelb oder auch schwarz-grün. Da mit der Blockade ist ja richtig, aber mit diesem Missbrauch des Bundesrates hat nun nachweislich Oskar Lafontaine angefangen, was nicht entschuldigt, dass die Union dieses Spiel weiterspielt.

  6. Marian Wirth 2.03.2005 at 9:50

    Abgesehen von dem „unqualifizierten Weimar-Genöle“ in Bezug auf die hohe Arbeitslosigkeit und den (nicht nachgewiesenen, weil nicht nachweisbaren) Zusammenhang dieser zu punktuellen NPD-Wahlerfolgen gibt es ja noch das „qualifizierte Weimar-Getue“: Verzicht auf konstruktive Kritik bei gleichzeitiger Diffamierung des politischen Gegners als Sexualmord-Beihelfer, Zuhälter, Schleuser, etc.; Abgabe der politischen Verantwortung an das Bundesverfassungsgericht, Verlagerung der politischen Auseinandersetzung von den Parlamenten zu „Sabine Christiansen“, Ersetzung von durchführbaren (!) Alternativvorschlägen durch unsachliche Kampagnen via BILD, Abschreckung von ausländischen Investoren durch Desinformation über die Chancen, die sich in Deutschland bieten.

    Die so von der Opposition praktizierte Aushöhlung nahezu aller demokratischen Institutionen halte ich für gravierender als das Genöle über „Weimarer Verhältnisse“.

  7. Die immer wieder gern zitierten „Weimarer Verhältnisse“ wurden durch viele Faktoren gekennzeichnet und nicht allein durch hohe Arbeitslosigkeit. Wo ist denn die Zersplitterung unserer Parteienlandschaft? Instabile Regierungen mit wechselnden Mehrheiten? Kurzzeitig gefährlich hohe Binnennachfrage? Inflation?

    Die Arbeitslosigkeit hatte damals vollkommen andere Gründe (Plural) als heute, ebenso wie die Wahl der NSDAP nicht allein auf hohe Arbeitslosigkeit zurückzuführen ist.

    Die Zahlen dürften damals anders erhoben worden sein als heute nach Hartz IV und – nebenbei bemerkt – hatte die Weimarer Republik ca. 25% weniger Einwohner, so daß eine absolute Zahl von 5 Mio. ganz sicher nicht als Meilenstein auf dem Weg in ein neues Nazi-Regime gesehen werden kann.

    Dabei hat die Wahl in Schleswig-Holstein doch bereits bewiesen, daß von einem Trend nach rechts oder gar rechts außen überhaupt nicht die Rede sein kann.

    Aber die Komplexität der historischen Zusammenhänge scheint manch umnebeltes Gehirn zu überfordern.

  8. Ich sehe auch nur rudimentäre Parallelitäten mit „Weimar“. Gleichzeitig stimme ich Dave Kay zu, gebe aber zu bedenken, dass die Verabreichung von Serotonin-Wiederaufnahmehemmern an ein Volk voraussetzt, dass eine politische (nicht bloß wirtschaftliche) Stimmungslage geschaffen wird, welche über das bloße Versprechen hinaus in den Köpfen der Menschen geeignet ist, eine „Aufbruchstimmung“ hervorzurufen. „Brot und Spiele“ reichen hierzu nicht aus.
    @ Marian Wirth: Niemand überträgt politische Verantwortung auf das BVerfG; es sei denn, die derzeitige Regierung würde das tun. Was Du meinst, berührt möglicherweise Verfassungsbeschwerden (besser: Normenkontrollverfahren) welche sich gegen außerhalb des Bundesrats im Bundestag mit Kanzlermehrheit (gegen die Stimmen der Opposition) beschlossene Gesetze richten. Dies ist indessen nicht Ausfluss der Demokratie, sondern ein Grundanspruch des Rechtsstaats, welcher im Grundgesetz gerade aufgrund der Erfahrungen von Weimar normiert worden ist.
    Schließlich bedarf es – und da stimme ich auch „Thortes“ Resümee zu – weniger der wechslseitigen Schuldzuweisungen á la Kindergarten, sondern einer konzertierten Aktion aller politischer und gesellschaftlicher Kreise (in vorderster Front der Unternehmen und Konzerne) im Sinne einer All-Parteien-Wir-Retten-Deutschland-Koalition. Nur: Um dies herbeiführen zu können, bedarf es nun mal der vorgeschalteten, politischen Auseinandersetzung, welche im Ergebnis und Idealfall dazu führen sollte (ich weiß, ein frommer Wunsch), Machtansprüche hinter das Wohl des Staates und seiner Menschen zurückzustellen.

  9. Es ibt immer einen, dem es schlechter geht als mir. Menschen wie der unmenschleiche Olaf Henkel (ehemaliger BDI-Chef) suchen schon im tiefsten Afrika nach Beispielen, wie schlecht es uns noch gehen könnte.
    Es ist doch völlig egal, ob Vergleiche mit Weimar angebracht sind oder nicht, oder ob es noch ärmere Menschen auf dem Neptun gibt. Tatsache ist trotz aller Anstrengungen wird es immer schlechter. Die Armen werden ärmer und die Reichen reicher. Wir sollten aufhören darüber nachzudenken, wie wir in diesem System die Reichen dazu bewegen den Armen etwas abzugeben.
    Würdet ihr Euch beim „Monopoly“ als Besitzer eines Hotels in der Schloßallee mit Forderungen beschäftigen, etwas von Eurem Gewinn an den Hausbesitzer in der Badstraße abzugeben ??
    Wir müssen das Spiel beenden, ein neues beginnen und neue Spielregeln aufstellen.
    Wir haben uns verrannt in einem Spiel in dem am Ende alle verlieren und wir stehen am Beginn einer völlig neuen Dimension gesellschaftlichen Zusammenlebens.
    Dazu müssen wir nur zuerst unsere Bremsklötze loswerden, die politische Elite.

  10. Marx meint, Geschichte wiederhole sich. So träte eine ähnliche historische Konstellation einmal als Tragödie und zum anderen als Komödie auf. Das gilt auch für Weimar. Mit besten Grüssen aus Weimar Michael Schröpfer