Zur Debatte um die Kapitalismuskritik

Franz Müntefering hat vor ein paar Tagen eine Debatte zum Thema Kapitalismus losgetreten und damit äußerst unterschiedliche Erwiderungen hervorgerufen. Wie erwartet schreien die einen auf, die anderen schütteln den Kopf und vielen stimmen zu. Ein ideales Wahlkampfthema also, um die Massen mittels einen genüßlichen „Wir – die“-Schema hinter sich zu bekommen? Die SPD versucht die von ihr enttäuschten Wähler wiederzugewinnen, indem Müntefering für das Soziale eintreten soll und Schröder sich weiter als Genosse der Bosse gerieren kann. Ein interessanter Spagat, der durchaus Potential hat, Wähler wieder zur Urne zu bewegen.

Interessant an der Debatte finde ich, dass sie so viel Wirbel macht. Ich denke, dass es höchste Zeit ist, den real praktizierten Kapitalismus kritisch zu hinterfragen, eigentlich sollte dies permanent geschehen. Wir leben nun mal in einer Konsumgesellschaft und wenn die Anzahl der Konsumenten immer weniger wird, weil wir von den 5 mio Arbeitslosen nur schwer herunterkommen, dann ist es mehr als angebracht mal darüber nachzudenken, was das für unser wirtschaftliches System bedeutet. Das pure Äussern von Kritik bedeutet ja noch nicht die Forderung der Verstaatlichung der Schlüsselindustrien, wie es in den 70ern noch zum guten Ton gehörte.

Entscheidend ist für mich allerdings die derzeitige Stimmung im Land, die einfach nicht besser werden will. Ohne gute Stimmung gibt es auch keine guten Ideen und niemand wird Interesse haben, diesen Ideen Chancen zu geben. Da helfen auch keine Innovations-Offensiven, die vom Staat verordnet werden. Die gute Stimmung kann man allerdings nicht erreichen, indem man Rekordgewinne verkündet und dazu massiv Stellen abbaut.

Ich wünsche mir, dass die von Müntefering angestossene Debatte dazu führt, dass unsere Konsensgesellschaft mal ein wenig aus den Fugen gerät und die einzelnen Interessensgruppen mit offenem Visir sich die Meinung geigen. Ein reinigendes Gewitter sozusagen. Aber spätestens mit dem Eintreten in das Wahljahr 2006 wird diese Debatte zu einem reinen Positionskampf verebben. Schade drum. Kritik ist gut und wichtig. Gerade am Kapitalismus. Denn aus sich heraus kommt da nix, ausser der Suche nach mehr Profit. So sinnvoll ich die soziale Marktwirtschaft auch finde, dass ewige Vermeiden von Konflikten führt zu nichts, ausser zu Mehltau über unserem Land.

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6 Antworten auf „Zur Debatte um die Kapitalismuskritik“

  1. Leider sehe ich gegen die Heuschrecken-Plage (KKR, Goldmann-Sachs und Konsorten) die Chance für die gefährdeten Unternehmen darin, die Umsatzrendite zu verbessern. Das Schielen auf den Shareholder-Value führte in den USA zu entvölkerten Landstrichen, aber hier gilt eine Art Sankt-Florians-Prinzip. Somit zielt Müntefering Kritik an Ackermann ins Leere. Will man verhindern, dass die Deutsche Bank übernommen wird und wir ein neues Opel-Problem haben muss sie besser (profitabler) werden. Der zweite Punkt wäre nicht nur „Mittelstand“ zu sagen sondern auch zu tun. Sprich: weg mit der Ostförderung (die eh ja nur in nationalen oder multinationalen Konzern wieder zurückfließt) und her mit der Arbeitsplatzabhängigen Förderung (subventioniert wird der Arbeitsplatz an sich nicht das Unternehmen) und mit der bundesweiten Vermittlung (Wer für einen Job nicht umziehen will fällt auf ALG2). Auf der anderen Seite (ich bin davon betroffen) her mit dem alten Arbeitnehmerüberlassungsgesetz – das treibt komische Blüten. (In der Firma, in der ich eingesetzt bin besteht, die Produktion aus 66 bis 75% Leiharbeitern die zum Teil schon zwei Jahre dort sind. Das ist nicht redlich.)

  2. Ich habe auch nichts gegen die Debatte selber, im Gegenteil, die ist lange überfällig (alleine das Auspacken der RAF-Keule spricht schon Bände), aber den Zeitpunkt dafür finde ich reichlich merkwürdig. Es ist dieser schale Wahlkampfgeschmack, der mir den Genuß der Debatte verdirbt…

  3. „(Wer für einen Job nicht umziehen will fällt auf ALG2)“

    Das muss man aus dem Kontext beurteilen. Diese „wer nicht umzieht ist ’ne faule Sau“-Argumentation ist mindestens ebenso beschränkt wie Fußfesseln und RAF…

  4. Ich sehe es ähnlich wie Nico – aus eigener Erfahrung (bin Vorsitzender eines SPD-Ortsvereins) kann ich sagen, dass die Positionen von Müntefering an der SPD-Basis ziemlich befreiend wirken. Ich glaube auch, dass die pol. Parteien in der Debatte eigentlich nicht so weit auseinander sind und auf ihre jeweils eigene Art daran interessiert sind, staatliche und politische Handlungsspielräume gegenüber einer „entfesselten Globalisierung“ zu sichern.
    Den Vorwurf, hier würde es sich letzlich nur um Wahlkampf handeln, muss man meiner Meinung nach umdrehen: Welcher Zeitpunkt wäre denn geeignet? Man würde der SPD immer wahlkampftaktische Gedanken unterstellen – aber das kann kein Argument sind, finde ich, die Debatte deswegen gar nicht zu führen.

  5. Meiner Meinung nach wird die Debatte längst geführt: In einschlägigen Blogs und an den Stammtischen. Nun hat Münte sie für sich, seine Partei und den wichtigen Wahlkampf NRW entdeckt.

    Frau Christiansen und Frau Illner haben ein Thema, aber die Diskussion wird dadurch nicht weniger wichtig und mein Eindruck ist, daß die Leute das wissen. Doch selbst das Wenige, was man tun kann, z.B. den Abbau von Arbeitsplätzen in Deutschland und die Ansiedlung in billigeren Ländern auch noch zu fördern, wird nicht umgesetzt. Nach der Wahl spätestens sind alle genervt von dem Thema. Nichts wird geschehen.

    Ich weiß nicht, was das bei den Regierenden ist: Angst? Vielleicht, ganz sicher aber Visionslosigkeit. Da wird immer viel geredet, „Deutschland fit machen für die Zukunft“, aber für welche? Wie soll dieses Land aussehen in zehn, zwanzig, dreißig Jahren? Und was muß jetzt getan werden, um das zu erreichen?

    Die einzige Formel scheint zu sein: Witschaftwachstum. Eher eine Beschwörungsformel, denn andere Rezepte haben sie nicht – und zwar keine Partei. Was werden wir bei 3% Wirtschaftswachstum haben? Ich vermute: 300% Gewinnzuwachs bei der Deutschen Bank bei gleichzeitigem Stellenabbau, weiterhin über 4 Mio. Arbeitslose und die Forderung von Dieter Hundt nach der Senkung von Unternehmenssteuern.

  6. So, gab es jetzt auch was zur sogenannten „Kapitalismuskritik“ in einem der Blogs, die ich häufiger lese, zu bewundern. Schade, schade lieber Nico, aber das was Du da schreibst, trifft den Kern nicht mal im Ansatz….

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