Unser lokales Käseblatt

Nico —  6.05.2005

A VC schreibt über Hyperlocal und stellt zwei neue Projekte vor, die für lokale News sorgen wollen: Backfence und 101. Spannend.

Wir beobachten seit Jahren einen interessanten Trend, nämlich den schleichenden Niedergang der kleinen lokalen Tageszeitungen. Nicht vom journalistischen Standpunkt her, da gab es selten Perlen zu lesen, sondern was das Anzeigenvolumen angeht. In den letzten Jahren sind die Anzeigen weggebrochen, und das hat verschiedene Gründe. Zum einen sind die Werbetreibenden weniger lokal aufgehängt, zum anderen fehlt aufgrund von Aufkäufen die frühere Konkurrenzsituation (Hertie, Karstadt, Kaufhof, Horten, etc.), dann sind viele Anzeigenbereiche stark ins Web abgewandert, wie z.B. Stellenanzeigen oder Kleinanzeigen. Dadurch gehen den Tageszeitungen viele Einnahmen verloren. Zuerst kamen die reinen Anzeigenblättchen und haben Anzeigen abgezogen, dann kam das Web und der Exodus ging weiter.

Jetzt starten in den USA Portale, die versuchen, die lokalen News selber zu machen. Also den Bericht vom Elternabend, die Ereignisse beim Strassenfest, und so weiter, all das wird von engagierten Amateurren verfasst. Craigslist in San Francisco ist seit ewigen Zeiten sehr erfolgreich im Kleinanzeigenbereich, aber lässt sich das auf den Bereich der Nachrichten ausdehnen?

Die Kombination von Nachrichten, Kleinanzeigen und annotierten gelben Seiten klingt wie ein ideales Portal für eine lokale Zielgruppe. Man könnte Blogs nutzen, alles taggen, Bilder dazu packen, aktuelle Podcasts und so weiter, und schon hätte man ein interessantes lokales Bürgerportal. Mal ganz vereinfacht formuliert.

Aber klappt das wirklich? Finden sich da genügend Leute, die mitmachen? Klappt auch im lokalen Bereich eine Qualitätskontrolle a la Wikipedia? Finden sich genügend Anzeigenkunden? Was ist mit dem digital Divide, wie kann man die Internetlosen einbinden?

Ich habe da so meine Zweifel an der Umsetzbarkeit, wäre aber begeistert, so etwas zu sehen. Gibt es dafür einen Markt in Deutschland?

5 responses to Unser lokales Käseblatt

  1. „Finden sich genügend Anzeigenkunden?“

    Wozu?

    Ansonsten verweise ich mal auf die üblichen verdächtigen: wikinews und (für linksdrehenden käse) indymedia.

  2. anzeigenkunden: um das alles zu finanzieren…

    wikinews und indymedia sind ähnlich, aber ziemlich anders.

  3. Ich sehe das Problem, dass wie bei den Netizens üblich, gewisse Dinge nicht beachtet werden und solche Projekte sich schnell abnutzen. Meist fehlt es solchen Projekten an Manpower um alle Termine zu organisieren geschweige denn wahrzunehmen. Denn meist melden sich die Vereine, Veranstalter nur bei den großen Tageszeitungen. Gewisse Punkte wie Unfallberichte setzen einen Draht (der Funk ist bald digital) zu den entsprechenden Diensten voraus. Und um bei einer Sache, wie dem politisch meist eindeutig festgelegtem RasseGeflügelZuchtVerein, über eine Stunde lang Interesse zu heucheln kann einen echt auspowern. Dann ist da der Schülerzeitungsfaktor die erste Ausgabe ist fulminant, dann ist die Kreativität verbraucht und es wird zur Routine und zum Handwerk, ab hier sind die engangierten Amateure überfordert. Zumal in .de die lokalen Tageszeitungen durchaus lesbaren Webangebote haben und somit die Hitzahlen im niederschmetternden Tiefen halten werden.

  4. Als Geschäftsmodell kann ich mir das nicht vorstellen. Diese Käseblättchen sind schon im Printbereich eigentlich nicht lesenswert. Allerdings könnte ich mir langsam aber sicher „vereins-gesteuerten“ (im Sinne des Vereinsrechtes als Geschäftsmodells) Bürgerjournalismus vorstellen. Nicht so sehr als politische „Größe“ sondern eher als „Event-Journalismus“. Also Berichterstattung über Dinge (gerade im kulturellen Bereich), die von den großen Printmedien nicht bedient werden (KÖNNEN). Parties, Konzerte, Lesungen, Feste, was weiß ich. Nach dem Motto: Ich war da! Ich überlege schon eine ganze Weile sowas anzuleiern. Lokal natürlich. Und nicht kommerziell. Sorry Nico…Aber refinanziert durch Werbung, Szene eben. Dazu bräuchte man allerdings ein CMS wie Typo mit Blogfeatures. Bisher gefällt mir da noch keines. DAS wäre für Euch vielleicht ein Geschäftsmodell als Hoster. Könnte ich mir vorstellen. Nicht fürs platte Land, da gibt es kein DSL :(((. Nein für die urbanen Szenen. Geografische wie Stadtteile, politische wie der Neuköllner Anzeiger eines gewissen Herrn dort ;-)

    Stellt Euch einfach eine lokale Bloggerszene vor, die laufend über Liveevents einer Gruppe berichtet und sich streitet…oder so

    mikel

  5. Die Aufgaben der lokalen Blätter wird zunehmend von Anzeigenblättern übernommen, die mitterweile auch einen redaktionellen Teil haben. Das reicht vielen Lesern auch schon. Wir sollten bedenken, dass Deutschland ein Kaff ist und das Internet mitnichten eine Stellung einnimmt wie in Amerika. Man sehe sich das Diskussionsforum der Heimatstadt an und wieviele Menschen sich da tummeln. Und schon hat man die Größenordnung der Zielgruppe.