Basisstimmung

Nico —  23.05.2005

Gestern wurden das vorgehzogene Ende der Legislaturperiode verkündet und heute hört man vereinzelt Stimmen a la „ich wurde nicht gefragt“, wobei immer eine Überschätzung der eigenen Wichtigkeit mitschwingt. Garantiert nicht gefragt wurden viele treue Wahlkämpfer, die ihre freie Zeit für die Wahlen in NRW geopfert haben.

Die SPD hat es in NRW mal wieder nicht geschafft, ihre Stammwähler zu mobilisieren. Hier hat die SPD seit Jahren ein Problem, die Wahlkämpfe greifen einfach nicht. Die Wahlkampf-Organisatoren werden hier ein Stück weit von der Regierung im Stich gelassen, aber müssen sich auch fragen lassen, warum so viele Stammwähler zuhause bleiben.

Nun sind die Wahlkämpfe in Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen gerade vorbei und die Parteien sind schon wieder mitten im Wahlkampf. Die vielen haupt- und ehrenamtlichen Wahlkämpfer in NRW werden alles andere als begeistert sein, dass die Partei sie nun wieder in die Pflicht ruft. Bei uns zuhause waren die Wahltermine immer die Eckpfeiler der Jahresplanung, meine Mutter leitete das örtliche Kreisbüro, mein Vater war Kreistags- und Landtagsabgeordneter. Da bedeuteten Neuwahlen mehr als nur das vorgezogene Kreuzchenmachen, sondern eine ziemliche Änderung im real existierenden Tagesablauf für ein paar Monate. Ich fand die Wahlkampfzeit immer spannend, meine Eltern hatten in Superwahljahren mit Urlaubssperren, Parteitagen, Veranstaltungen, etlichen Infoständen sowie der Verteilung der „Zeitung am Sonntag“ oft Motiviationsprobleme.

Wie sollen nun also in NRW die zuhause gebliebenen Stammwähler mobilisiert werden, wenn die Mobilisierer von einem Wahlkampf in den nächsten stürzen? Ich habe da so meine Zweifel, dass das klappen wird. Da werden Müntefering und seine Leute jetzt alle Hände voll zu tun haben, die Wahlkämpfer wieder flott zu bekommen.

Abgesehen davon stellt sich mir mal wieder die Frage, inwiefern die gängige Wahlkampfpraxis überhaupt noch zeitgemäß ist. Die Leute bleiben stehen, fragen nach Feuerzeugen oder Kugelschreibern und bekommen stattdessen das Wahlprogramm. Wer liest so etwas? Setzt sich irgendjemand zuhause an den Küchentisch, vergleicht munter alle Programme und fällt dann die Entscheidung? Daran mag ich nicht glauben.

Die Stimmung an der Basis wird entscheidend sein für den Bundestagswahlkampf. Eine Kapitalismusdebatte alleine wird nicht die nötige Motivation bringen.

6 responses to Basisstimmung

  1. Bei Donalphons ist der Schlammkübel bereits in Stellung. Und er wirft.

    Da erhebt sich Donalphons vom „Rebellenmarkt“ am Montag extra früh aus seinen Federn – jedenfalls könnte es so gewesen sein – und bedankt sich zackig bei Rot-Grün für die letzten….

  2. Bravo, das ist ein sehr guter Beitrag.

  3. Ich… ich lese Wahlprogramme. Zumindest habe ich es vor der letzten Landtagswahl in BaWue mal gemacht. Habe mir eine Liste mit für mich wichtigen Themen gemacht und geschaut, welche Partei da am meisten mit übereinstimmt…
    Muss übrigens sagen, obwohl ich eher dem Linken Spektrum anghöre, fand ich das Parteiprogramm der SPD am erbärmlichsten von allen. Die haben nur mit Floskeln um sich geworfen und keine Konkreten Vorschläge drin gehabt… War selber überrascht davon, hatte mir da mehr erhofft….

  4. Wie lange sind eigentlich „Stammwähler“ die nicht wählen gehen, eigentlich noch „Stammwähler“?

    Was Parteiprogramme angeht: Tony Blair hat es bei den Wahlen immer mit sehr knapp gehaltenen Programmen versucht. War er nicht auch „Erfinder“ der kleinen Kärtchen mit 10 Wahlversprechen an denen er gemessen werden wollte?

    Ergo: nicht Parteiprogramme an und für sich sind schlecht, sondern (nebst Inhalt) ihre Aufmachung und Aufbereitung.

  5. Sehr interessant finde ich auch, was Herr Lumma zum Thema „Wahlprgramme“ schreibt!
    Vielleicht sollten wir aber genau das tun? Vielleicht sollte Deutschland aufwachen, sich mit dem beschäftigen was es da tut. Vielleicht sollte Deutschland nicht zu Wahl …

  6. Tja, ehem, in der Tat, das Problem hatten wir bei der WASG auch… wie erreicht man überhaupt noch den Wähler?

    Eine erste Vermutung ist es, dass es ohnehin nur durch die Medien geht, weil viele Enttäuschte, auch Arbeitslose, nicht zum „Bummeln“ in die Stadt und an Infostände gehen.

    Eigentlich sind es nur die Wurfsendungen, die überhaupt noch was bringen…

    Gibts noch andere Sachen, die Funktionieren?

    Wäre auf Eure Meinung gespannt!