100-Tage-Frist beim Bloggen?

Nico —  7.07.2005

Weblogs werden immer populärer und es tummeln sich immer mehr Leute in der Blogosphäre, die nicht um des Bloggens willen bloggen, sondern weil sie eine interessante Ziegruppe per Blog erreichen wollen. Wenn Wirtschaft und Politik die Blogs entdecken, dann muss man davon ausgehen, dass einige Sachen vielleicht ein wenig anders aufgegriffen werden als wir es vermuten würden.

Blogger sind gerne kritisch und beäugen natürlich alle politisch oder wirtschaftlich motivierten Neublogger mit besonderem Interesse. Jeder noch so kleine Fehltritt wird mit beissender Kritik belegt, Häme folgt auf dem Fuß. Ich bin sicherlich nicht Mr. Manners, aber ich fände es eine gute Idee, wenn man neue Blogs, neue Blogger oder neue Blogleser erst einmal etwas Gehenlernen lässt, bevor man beissend kritisiert. Ich kann mich an meinen eigenen holprigen Start erinnern, es hat eine Weile gedauert, bis ich für mich gefunden hatte, wie und was ich in meinem Blog aufgreifen will. Auch wenn sich jetzt viele Agenturleute in der Blogosphäre tümmeln, die einen gewissen professionellen Anspruch mitbringen, auf Anhieb kann man nicht erwarten, dass die richtige Tonalität in Weblogs getroffen wird. Das gilt für Wirtschaft wie für die Politik, die Blogs rücken ab diesem Sommer einfach mehr in den Fokus.

„Weblogs sind einfach, sie sind nur schwer zu erklären.“ – mit diesem Spruch leite ich nachwievor meine Erklärungsversuche ein, wenn mich jemand zum Thema Blogs befragt. Die lose Vernetzung, die Themen, die Sprache, das Wer-kann-mit-wem, all das muß erst erlernt werden.

In diesem Sommer wird es nicht nur mehr Blogs aus der Wirtschaft geben, sondern auch aus der Politik. Ich habe mit einigen Online-Redaktionen von renommierten Zeitungen zu tun, die erste Bloggehversuche gemacht haben. Nicht alle Blogs haben lange gehalten. Das wird bei Blogs aus Politik und Wirtschaft ebenso sein. Das macht aber nichts. Nirgendwo steht geschrieben, dass ein Weblog gestartet und dann bis ans Lebensende geführt werden muß. Wenn man feststellt, dass einem das Format nicht liegt, dann ist es nicht weiter verwunderlich, dass das Bloggen eingestellt wird. Ebenso verhält es sich, wenn die Resonanz auf das Blog zu gering ist. Es wird gerade aus der Politik viele Blogs geben werden, die nur begleitend für die jetztigen Kampagnen gestartet werden.

Wir sollten schon gucken, was neue Blogs so treiben, aber ich denke, einen gewissen Welpenschutz für Neublogger sollte es auch geben. Wie lange? 100 Tage sind zu lang, 100 Artikel können ebenfalls zermürbend lange dauern, aber in einem Monat sollte man sich gefunden haben.

9 responses to 100-Tage-Frist beim Bloggen?

  1. Ach, komm. Jedem privaten Lieschen-Müller-Blog kann es beim Start passieren, dass es was abbekommt. Da sollten Leute, die das beruflich o.ä. machen schon ein bisschen mehr Durchhaltevermögen mitbringen, ist ja schließlich deren Job. Und wer nur Streicheleinheiten möchte, der braucht meiner Meinung nach kein Blog, denn darum geht es ja wohl nicht.

  2. Verstehe dein Anliegen und mich nervt auch das Platzhirschgehabe „etablierter“ Chefdemagogen. Allerdings warum SpOn seine neue Kollummne „Bundesblog“ nennt, wo Null Blog drin ist, finde ich schon Etikettenschwindel.

  3. Es gibt einen Unterschied zwischen Notizen zu dem Blog und einfach nur Quengeleien. [Ich beziehe mich hier mal auf das Frostablog und nicht das, was Nico wahrscheinlich anspricht. ;)]

    Wer mich kennt weiß, daß ich die erste bin, die ein konstruktives Feedback serviert, und ja, ich stelle höhere Ansprüche an eine Firma als an ein Lieschen-Blog, aber eine gewisse Startphase soll ihnen gegeben sein.

    Bis es sich wahrscheinlich etabliert hat, nicht nur Weblog-Berater zu haben, sondern auch professionelle Weblog-Tester. :)))

    Kritisch wird es für mich, wenn auf berechtigte Anmerkungen nicht reagiert wird, dann ist das Ziel verfehlt.

    Jetzt muß ich mir das andere Blog doch mal anschauen … :)

  4. Natürlich nervt das. Aber man koennte den Leuten genauso gut vermitteln: Hey, nehmt`s nicht so schwer, konzentriert euch lieber auf das, was ihr machen wollt. Es ist doch so: Zwei, drei Tage lang wird gekräht und am vierten Tag kümmert es eh niemanden mehr. Das ist auch eine Einschätzungssache. Und das aus der Blogosphäre ein Kuschelhaufen wird, halte ich halt für unrealistisch.

  5. Das Problem könnte sich mit zunehmender Popularität des Genres einfach von selbst erledigen: Platzhirsche? Alte Männer erzählen vom Krieg.

  6. @jochen: ich erzähl selten vom Krieg.

    Aber ich erinner mich an die guten alten Usenet-Zeiten – damals, ach damals ;-)

    Da hat jeder der sich nicht vorher die netiquette durchgelesen hatte und einfach drauf los gepostet hat, eine auf die Mütze bekommen. Warum sollte es hier nicht genauso passieren. Ich meine eine Pressemitteilung eines Unternehmens oder von der Politik wird doch auch professionel gemacht. Also warum die Erwartungen zurückschrauben.
    Jeder hat die Möglichkeit, sich vorher in der Szene umzuschauen und dann zu entscheiden, was Sache ist und ob er sich in die Blogosphere stürzen will.
    Und wenn er es dann tut, dann ja freiwillig.

  7. Wer geht denn hart gegen „Neue“ vor? Bekomme ich vielleicht nicht so mit. Fairness: Sowieso. Aber „Schonfrist“? Jede erste Ausstrahlung, jede erste Ausgabe der klassischen Medien wird ebenfalls sofort begutachtet. Und besser werden darf jeder.

    Eine Art überarbeitete Netiquette fänd ich viel angebrachter, in der z.B. die Frage beantwortet wird, ob jeder jeden in jeder Situation fotografieren und das sofort veröffentlichen sollte. Einige Persönlichkeitsrechte aus der „alten Welt“ auch in der „Bloggosphäre“ zu beachten, fänd ich nicht schlecht.

  8. zur wahl sind schon einige interessante blogs entstanden, da bin ich mal neugierig, wann die erste durststrecke anfängt, bei den meisten ist der erste monat schon vorbei

  9. Ich hab\‘ sie hinter mir, die 100 Tage! :-)