99,4% für Platzeck

Nico —  15.11.2005

Na, das hätte ich schon gerne live gebloggt:

Mit 99,4% der Stimmen wird Matthias Platzeck zum neuen SPD-Parteivorsitzenden gewählt. Mit nur zwei Nein-Stimmen und einer Enthaltung stimmten 512 Delegierten für Platzeck. SPD-Delegierte haben Freudentränen bei der Verkündung des Ergebnisses vergoßen.

Da haben wohl einige Leute gemerkt, dass die Personalpolitik der SPD in den letzten Wochen etwas suboptimal gelaufen ist und dass man sich jetzt mal zusammenreissen muss. Darüber freut man sich dann auch gerne mal tränrenreich.

Aber im Detail. Da werden Sondierungsgespräche gestartet, immer mit den Inhalten im Vordergrund, und noch bevor die Koalitionsgespräche anfangen, werden die Kabinettsmitglieder vorgestellt. Ausscheidene Ministerinnen bekommen einfach einen kurzen Anruf, kurz bevor die Gremien tagen. Sehr schick. Beim Postenverteilen wird klar, dass die Netzwerker ordentlich Strippen gezogen haben, um ihre Leute auf einige Posten zu bekommen. So z.B. den langjährigen Umwelt-Experten Sigmar Gabriel, der seit der Nominierung zum Umweltminister durch das Tragen eines fiesen grünen Jägerjacken-Exemplares auffällt. Dann ist aber irgendwann klar geworden, dass beim Austarieren zwischen der Parlamentarischen Linken, dem Seeheimer Kreis und den Netzwerkern, die Linken etwas weniger berücksichtigt wurden. Also kam man auf die Idee, doch einfach eine Linke zur Generalsekretärin zu machen. Brilliante Idee, hat doch immer der Parteivorsitzende das Vorschlagsrecht, damit dann der Parteitag diese Personalie abnickt, schliesslich müssen die beiden ja auch gut zusammenarbeiten. Der Rest ist Geschichte, wie man sagt, Andrea Nahles bekommt im Parteivorstand mehr Stimmen als Kajo Wasserhövel und das Maleur ist perfekt. Münte ist angefressen und schmeisst mal eben zwei Wochen vor dem Bundesparteitag hin. Treppenwitz der Geschichte: einer der Oberstrippenzieher der Netzwerker wird dann zum Generalsekretär vorgeschlagen: Hubertus Heil. Im Verlauf dieser Posse haben sich einige Leute mal so richtig schön in die Nesseln gesetzt, wie z.B. Ute Vogt, die natürlich noch jung an Jahren ist und der man nachsehen kann, dass sie nicht absehen konnte, dass der Parteivorsitzende demontiert würde, wenn Andrea Nahles mehr Stimmen bekommt. Mein persönlicher Lieblings-Obersozi Kurt Beck wurde glücklicherweise nur kurz als möglicher Parteivorsitzender gehandelt.

Dann hat man Matthias Platzeck gefunden und war sich schnell einig. Platzeck ist bekannt als programmatischer Erneuerer, als Integrationsfigur, als Lichtgestalt des Ostens, als Deichgraf, als Wasweissichnichtnochalles, aber vor allem kann er telegen in die Kamera grinsen und macht im Anzug eine gute Figur. Ansonsten weiss man nicht viel von ihm, aber das muss man positiv interpretieren: er ist formbar. Platzeck ist für mich das beste Beispiel der vernachlässigten Förderung von Köpfen. Nach der 68er-Generation klafft eine grosse Lücke, da gibt es nur 3. oder 4. Reihe, vor allem programmatisch. Platzeck ist nun mal einer der wenigen, die derzeit noch ein schickes Amt haben.

Nun hat die SPD also einen Vorsitzenden und einen Generalsekretär, die vor allem dadurch auffallen, dass sie flexibel sind. „Ich habe mich noch nie vor Verantwortung gedrückt“ klingt nicht nach einer Bewerbung auf ein Amt, das man unbedingt will, um zu gestalten und neue Inhalte sozialdemokratischer Politik zu definieren. Hubertus Heil hingegen ist als Netzwerker die Leiter heraufgestolpert und muss zeigen, was er an der Spitze kann.

Mal sehen, wo die Reise hingeht.

2 responses to 99,4% für Platzeck

  1. stefanolix 15.11.2005 at 16:49

    Mit diesem Ergebnis könnte Genosse Platzeck ja fast Staatsratsvorsitznder werden :-)

  2. Mich wundert, dass der Hubertus mit 61% abgestraft wurde, aber sein Freund Matthias ein Rekordergebnis eingefahren hat. Ist das überhaupt vorstellbar, dass ein 32 Jähriger auf eigene Faust beschließt, den Vorsitzenden zu stürzen?