Profil-Neurose?

Nico —  10.12.2005

Schöne neue Welt. Nachdem mittlerweile offene Schnittstellen en vogue sind und sich die User theoretisch mit ein paar Clicks und halbwegs fundiertem Vokabelwissen die gewünschte Funktionalität von verschiedenen Anbietern selber zusammenclickern können, wird ein anderer Weg beschritten. Die grossen Drei, Google, Yahoo! und Microsoft (kurz gefasst: GYM) kaufen alles ein, was momentan neu und chic ist, wobei sich M$ momentan eher zurückhält. Der Trend geht zum Überportal, der User im Mittelpunkt, aber nicht mehr selber Herr seiner Daten, sondern hervorragender Lieferant von interessanten Informationen für die Portalbetreiber.

Ich finde die Grundidee von Web 2.0 ziemlich interessant, nämlich dass der User im Mittelpunkt ist und sich seine Dienste selber zusammenstellen kann. Ich nutze das auch, beispielsweise wenn ich vom Handy mit Lifeblog via flickr Inhalte auf mein Blog stelle. Viele andere Sachen sind möglich. Bislang war das auch alles nett und witzig, weil an jeder Ecke kleine Klitschen, im Fachjargon Startups genannt, aufpoppten und einen netten Dienst anboten. Die einen sammelten meine Bilder und meine Tags, die anderen meine Bookmarks und meine Tags, wieder andere meine RSS-Feeds oder mein Wiki. Nun kristallisiert sich allerdings Web 2.5 heraus, und das gehört nur GYM. Alles, was ich mache, erzeugt ein Profil bei mind. einem der grossen Drei.

Ich kann mich noch an den Aufschrei erinnern, als Doubleclick vor 5 Jahren eine Firma aufkaufen wollte, die dann die Verknüpfung von Online- und Offline-Profilen erlaubt hätte. Wenn ich mir angucke, was allein Yahoo über mich weiss, weil es alle meine Tags kennt, meine Fotos hat und auch noch die Zeitpunkte, wann ich was getagged habe, dagegen ist ein Bewegungsprofil via Kreditkarten-Abbuchungen Kinderkacke. Dazu kommt Google mit all meinen Suchen, aber auch mit den Seitenaufrufen meines Blogs sowie dem Clickverhalten meiner Leser. In Deutschland wird gerade Vorratsdatenspeicherung von staatlicher Seite angeregt, in USA machen die Portale das schon.

Ich bin eigentlich nicht der grosse Bedenkenträger, wenn es um die Datenspuren geht, die ich so im Netz hinterlasse, aber der Aufkauf von del.icio.us durch Yahoo! zwingt mich da doch zum Nachdenken und zum Überdenken meines bisherigen Nutzungsverhalten. So nett sich Yahoo! momentan auch präsentiert, so eklig erscheint mir die geballte Ladung von Daten, die ich jeden Tag freiwillig und aussagekräftig dort hinterlasse.

Web 2.0 ist für mich vor allem Vielfalt und die Kombinationsmöglichkeiten, die sich für den User ergeben. Wenn alle Dienste aber von den Grossen Drei kommen, dann ist diese Idee obsolet. Für die Portale ging es schneller, die bestehenden Dienste mitsamt Usern zu kaufen, als eben selber zu entwickeln, vor allem wohl auch, um die gewisse „street credibility“ der Dienste mit zu übernehmen. Die Erlösmodelle bei zukünftigen Web 2.0 müssen besser werden, oder zumindest existieren, damit der Aufkauf durch einen der Grossen Drei nicht die einzige Strategie für ein erfolgreiches Geschäft ist. Wenn der User zum reinen Datenlieferanten verkommt, wird auch der Nutzen, den der Einzelne aus diesem Dienst zieht, zunehmend verblassen. Es sei denn, es ist ihm egal.

7 responses to Profil-Neurose?

  1. iSpy2.0. Wenn man frohlockend seine ganz persönlichen Daten verschenkt damit jemand anderes sie versilbern kann, dann ist der Nutzer heilfroh. Denn es gibt ja diese tollen kleinen Prämien (Blechgrill der von alleine zusammen fällt, Kamelhaarsocken aus echter Ziegenwolle, Microeinkaufstaschen mit Kühlboxfunktion in denen nicht mal eine 0.2-Coladose passt, usw.). Das System nennt sich in Deutschland PayPack.
    Gib den Benutzer irgend einen wertlosen Krempel und eine bunte Plastikarte, nenn es ganz dolle großspurig „Prämie“ (!) und er wird so froh sein, dass er dir die Füße leckt.

    Aber wehe wenn der Staat einen öffentlichen Platz mit Videokameras überwachen will. Selbst wenn auf den Videobildern kaum ein Gesicht vernünftig zu erkennen ist, dass boohay darum ist so groß als wolle der Staat jeden Bürger vor Betreten des Platzes durchsuchen.

    Vielleicht sollte der Staat einfach sich Republkik2.0 nennen, alle gesammelten Daten als lustige Ajaxfizierte Web2.0-Anwendung ins Netz stellen und den Bürger mit bunten Plastikkarten, schnöden Schnickschnack-Prämien und Usabilitiyversprechen ködern.
    Dann klappt das auch mit der Voratsdatenspeicherung.

  2. Du hast die Klingeltöne vergessen…

  3. Das liegt an den generellen Geschäftsmodellen. Keiner stellt für den User glaubhaft dar, was die Hardware kostet für all solche Dienste, die Software, den Service, den Traffic. Keiner erzählt etwas über Kosten und hofft auf google, wie das Blog hier und das Geschäftsmodell dahinter. Es darf ja nix kosten und man MUSS deshalb irgendwie doch etwas verdienen. Web 2.0 ist so verlogen wie 2.5 und 0.9. Sagt doch, was was kostet und dann werden wir zahlen und fordern und alles wird sehr transparent und die Yahooes und ihre Googln werden auf Normalmaß schrumpfen. Wenn nicht, ja dann ist es halt so. Wird es irgendwann nur noch Web -3.0 geben. Warum merkt das denn keiner?

  4. „Die einen sammelten meine Bilder und meine Tags, die anderen meine Bookmarks und meine Tags, wieder andere meine RSS-Feeds oder mein Wiki. Nun kristallisiert sich allerdings Web 2.5 heraus, und das gehört nur GYM. Alles, was ich mache, erzeugt ein Profil bei mind. einem der grossen Drei.“

    Ehm, I hate to break it to you, but … das war vorher auch schon so. Yahoo hat da nämlich so Spider, die täglich durchs Web kriechen und solche Informationen sammeln …

    Ganz im Ernst: Del.icio.us sammelt öffentlich einsehbare Bookmarks. Wer Angst vor den dadurch entstehenden Datenschutz-Implikationen hat, sollte den Service nicht benutzen. Aber Yahoo wird allein dadurch, dass der Service jetzt auf ihren Servern läuft (laufen wird) nicht so wahnsinnig viel an wertvollen Zusatzdaten gewinnen. Dass jemand Firefox-Webseiten für sich abspeichert ist jedenfalls weitaus interessanter als sein Useragent, würde ich behaupten wollen.

    Bei Flickr sieht’s ähnlich aus. Gut, es gibt private Fotos, und ein paar Datenschutzeinstellungen helfen dir dabei, die preis gegebene Datenmenge halbwegs zu kontrollieren. Aber die meisten Flickr-Nutzer stellen doch eh alles öffentlich ins Netz, und die Kamera-Daten z.B. sperrt auch fast niemand. Obwohl die doch einiges an Datamining-Rohfutter bieten – welche Technik besitzt der, wann hat er das Foto wirklich aufgenommen, wann war er wo etc. etc.

    Ich kann dein Unbehagen ja grundsätzlich verstehen. Aber die Lösung besteht sicher nicht darin, dass du von nun an all deine Datenspuren woanders öffentlich einsehbar abspeicherst.

  5. Wir können uns winden und sträuben, aber auch wenn Deutschlands Straßen noch nicht videoüberwacht werden, dass Bigbrother dennoch immer mehr Einzug in unser Leben nimmt, können wir nicht immer verhindern.

  6. janko, mir ist schon klar, dass der gesamte kram schon vorher öffentlich war. aber eben an verschiedenen stellen und nicht immer miteinander verknüpft. dies findet jetzt statt und macht die profile noch wertvoller, weil eben zu einem grossen teil auch noch das surfverhalten (inkl. clickverhalten) abgebildet werden kann.

  7. Alle Welt (zumindest die kleine Teilmasse, die sich Geeks nennt und einige Kulturjournalisten in reichen Industrieländern) kaut gerade genüsslich auf dem Web 2.0 rum, dem aus AJAX bestehenden Wunderweb der offenen Standards, der Linkwolken (…