Schöne neue Welt. Nachdem mittlerweile offene Schnittstellen en vogue sind und sich die User theoretisch mit ein paar Clicks und halbwegs fundiertem Vokabelwissen die gewünschte Funktionalität von verschiedenen Anbietern selber zusammenclickern können, wird ein anderer Weg beschritten. Die grossen Drei, Google, Yahoo! und Microsoft (kurz gefasst: GYM) kaufen alles ein, was momentan neu und chic ist, wobei sich M$ momentan eher zurückhält. Der Trend geht zum Überportal, der User im Mittelpunkt, aber nicht mehr selber Herr seiner Daten, sondern hervorragender Lieferant von interessanten Informationen für die Portalbetreiber.
Ich finde die Grundidee von Web 2.0 ziemlich interessant, nämlich dass der User im Mittelpunkt ist und sich seine Dienste selber zusammenstellen kann. Ich nutze das auch, beispielsweise wenn ich vom Handy mit Lifeblog via flickr Inhalte auf mein Blog stelle. Viele andere Sachen sind möglich. Bislang war das auch alles nett und witzig, weil an jeder Ecke kleine Klitschen, im Fachjargon Startups genannt, aufpoppten und einen netten Dienst anboten. Die einen sammelten meine Bilder und meine Tags, die anderen meine Bookmarks und meine Tags, wieder andere meine RSS-Feeds oder mein Wiki. Nun kristallisiert sich allerdings Web 2.5 heraus, und das gehört nur GYM. Alles, was ich mache, erzeugt ein Profil bei mind. einem der grossen Drei.
Ich kann mich noch an den Aufschrei erinnern, als Doubleclick vor 5 Jahren eine Firma aufkaufen wollte, die dann die Verknüpfung von Online- und Offline-Profilen erlaubt hätte. Wenn ich mir angucke, was allein Yahoo über mich weiss, weil es alle meine Tags kennt, meine Fotos hat und auch noch die Zeitpunkte, wann ich was getagged habe, dagegen ist ein Bewegungsprofil via Kreditkarten-Abbuchungen Kinderkacke. Dazu kommt Google mit all meinen Suchen, aber auch mit den Seitenaufrufen meines Blogs sowie dem Clickverhalten meiner Leser. In Deutschland wird gerade Vorratsdatenspeicherung von staatlicher Seite angeregt, in USA machen die Portale das schon.
Ich bin eigentlich nicht der grosse Bedenkenträger, wenn es um die Datenspuren geht, die ich so im Netz hinterlasse, aber der Aufkauf von del.icio.us durch Yahoo! zwingt mich da doch zum Nachdenken und zum Überdenken meines bisherigen Nutzungsverhalten. So nett sich Yahoo! momentan auch präsentiert, so eklig erscheint mir die geballte Ladung von Daten, die ich jeden Tag freiwillig und aussagekräftig dort hinterlasse.
Web 2.0 ist für mich vor allem Vielfalt und die Kombinationsmöglichkeiten, die sich für den User ergeben. Wenn alle Dienste aber von den Grossen Drei kommen, dann ist diese Idee obsolet. Für die Portale ging es schneller, die bestehenden Dienste mitsamt Usern zu kaufen, als eben selber zu entwickeln, vor allem wohl auch, um die gewisse “street credibility” der Dienste mit zu übernehmen. Die Erlösmodelle bei zukünftigen Web 2.0 müssen besser werden, oder zumindest existieren, damit der Aufkauf durch einen der Grossen Drei nicht die einzige Strategie für ein erfolgreiches Geschäft ist. Wenn der User zum reinen Datenlieferanten verkommt, wird auch der Nutzen, den der Einzelne aus diesem Dienst zieht, zunehmend verblassen. Es sei denn, es ist ihm egal.


