Bonn ist nicht Dänemark

Nico —  20.12.2005

Am Wochenende fiel mir die Brigitte in die Hände und da stolperte ich über einen ziemlich interessanten Artikel über das leidige Thema Warum geht das nicht bei uns?:

Es gibt ein Land, in dem fast alle Mütter arbeiten. Ohne Stress, ohne schlechtes Gewissen. Die Kinder sind bei Tagesmüttern. Und der Staat bezahlt.

Dieses Land heisst nicht Nordrhein-Westfalen und vor allem findet man diese Zustände nicht in Bonn.

Das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf ist etwa so hoch wie bei uns. Der Unterschied ist: Dänemark hat andere Prioritäten gesetzt. Hat eine gute Kinderbetreuung, die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, die frühkindliche Bildung zu einer Art nationaler Aufgabe erklärt, gibt dafür nahezu doppelt so viel aus wie Deutschland. 1998 gab es den entscheidenden Sprung vorwärts: Seither hat jedes Kind ab sechs Monaten einen Rechtsanspruch auf Betreuung.Werden mehr Kinder geboren als erwartet, werden mehr Tagesmütter eingestellt. So einfach ist das. Damit hat das kleine Land im Norden das größte flächendeckende Betreuungsangebot in Europa. Über dieses Modell besteht Konsens, quer durch die Parteien, von konservativ bis linksliberal. Konsens auch bei Unternehmen, Verbänden und Eltern.

In Bonn scheint es Konsens zu geben, dass man hervorragende Rhetorik liefert und die Bundesstadt Bonn in höchsten Tönen anpreist, die real existierende Kindergartenplatz-Situation für Kinder unter 3-Jahre ist aber schlicht und ergreifend zum Kotzen. Wer hier hinzieht, der kann sich darauf einstellen, entweder durch Beratungsstellen zu tingeln, um eine teure Tagesmutter zu finden, oder einfach zu warten, bis das Kind 3 Jahre alt ist. Das ist ja nicht so lange, da kann ein Elternteil ja mal eben zuhause bleiben und die ganz tollen Spielplätze aufsuchen, die ebenfalls nicht für Kinder unter 3 Jahren geeignet sind.

Wann bekommen Politiker es endlich in ihre Köpfe rein, dass eine sinnvolle Kinderbetreuung unerlässlich ist? Andere Länder gehen mit gutem Beispiel voran, da kann Deutschland viel lernen und Bonn erst recht.

[ Disclaimer: ja, ich weiss, dass Bonn seit Jahren von der SPD regiert ist und dass NRW ebenfalls über einen enorm langen Zeitraum von der SPD regiert wurde. Das macht es auch nicht besser. ]

10 responses to Bonn ist nicht Dänemark

  1. Du bist Dänemark.

  2. Musste noch mal umziehen. In den Osten.
    Hier ist die Kindergartenplatzbereitstellung ganz in Ordnung, wie die Verwandschaft immer wieder neidvoll feststellt. Die sind gen Nürnberg gezogen und erzählen immer Horrorgeschichten aus ihrem täglichen Erleben des Kindergartenalltags.

    Das einzige Problem ist hier nur, dass du zwar einen Kindergartenplatz ganz fix bekommst, aber dann trotzdem zu Hause sitzt weil die Jobsuche dann doch etwas schwerer ist.

  3. Manche Leute können einen verständnissvolle Arbeitgeber finden, der einen Halbtagsstelle mit Home-Office anbietet. Aber die meisten Leute nicht.

  4. wer mich fragt, dem antworte ich dass kinder unter dem 3 lebensjahr von den eltern zu betreuen sind und von niemandem anderen.
    die konsequenzen dieser abschiebementalität interessiert ja auch keinen und deshalb gibts für solche äußerungen auch immer eins auf die mütze.

  5. @ Jörg: Na von wegen nachlegen. Bislang konnten wir 1.500 ? absetzen, inskünftig nur noch 1.000 ?. Wenn Steinbrück es so durchbekommt wie geplant.

    @ silberblog: Und ich habe es verdammt satt, mich als Rabenvater diffamieren zu lassen, weil ich erkannt habe, dass es meinen Kindern verdammt gut tut, nicht den ganzen Tag mit mir herumzuhängen, sondern mit Gleichaltrigen Erfahrungen zu sammeln. Genau wegen solchen unqualifizierten Äußerungen wie Deinen, wird unser Land endgültig kinderlos werden.

  6. Manchmal , aber auch nur manchmal, entsteht bei mir der Eindruck die Politiker möchten das alte Frauenbild wieder, Frau vor den Herd, Mann ab zur Arbeit,Kinder bleiben bei der Frau.

    So nehmen wir Frauen auch keinem Familienvater den Arbeitsplatz mehr weg *kotzwürg*….und deshalb gibts kaum Krippenplätze für Kinder unter 3

  7. Uns ist zur Zeit wichtig, dass wir die Kosten für das Au-pair absetzen können, was die neue Regierung verbessern will – war bisher nicht möglich, da das Au-pair ja theoretisch auch Arbeiten im Haushalt macht.

    Und ich habe es auch verdammt satt, mich als Rabenvater diffamieren zu lassen. … oder gar als heimlicher Lüstling wg. Au-pair (man kennt das ja aus dem Fersehen…)

  8. Wenn ich so unqualifiziete Äußerungen wie die von silberblog lese könnte ich die Wände hochgehen.
    Darauf einzugehen verbietet sich fast von selber, denn ich denke die Frage was mit dem Berufsleben der Mutter werden soll wird ähnlich anachronistisch beantwortet werden.
    Diese Gesellschaft ist auch leider nicht in der Lage finanzielle Einbußen aufzufangen die entstehen sollte der mann sich in den ersten drei Jahren dazu entschließen die Kinder zu betreuen. Abgesehen davon, dass solche Väter einen schweren Stand haben, immer noch.

    Es gab mal eine Interessante Umfrage in der Eltern veröffentlicht, die ergab, dass durch die Geburt eines Kindes, das alte Rollenmodell wieder auflebt und ein Großteil der Mütter die althergebrachte Rolle als Hausfrau zwangsweise erfüllen müssen.

    Aber so kann man eventuell auch die Arbeitslosenquote schönen, wir animieren die Frauen zu Nachwuchs und schon sind sie weg vom Arbeitsmarkt.

    Und wer einmal erlebt hat wie schon ein kleines Kind in einer guten Einrichtung profitiert, der wird weder die betreffenden Eltern als Rabeneltern bezeichnen noch behaupten die elterliche Betreuung sei das Non Plus Ultra.

    Das wird hier schon fast ein kompletter Eintrag, so sehr regen mich die Zustände und unqualifizierten Kommentare auf.

  9. Nico, Du hast da was nicht verstanden. Es geht doch darum, dass viel zu viele hochqualifizierte Leute auf dem Arbeitsmarkt sind und die dort weg muessen oder besser noch: gar nicht erst dort hinkommen. Frauen die ersten Jahre im Beruf (oder besser noch: die letzten Jahre im Studium) so schwer wie möglich zu machen ist dabei nur ein Teil der Strategie.

  10. Herr Lumma kommt zunehmend in der harten nordrhein-westfälischen Realität an. In der Tat muss es ein Kulturschock sein, wenn man groÃ?städtisches Format bei der Kinderbetreuung gewohnt war und dann in Bonn oder Bochum oder sonstwo in NRW keinen Pla…