Deutschland wird familienfreundlich?

Nico —  18.01.2006

Deutschland wird familienfreundlich heisst es und abgesehen davon, dass es ein Armutszeugnis ist, dass eine Regierung meint, so einen Slogan nötig zu haben, ist das Thema Familie und Kinderbetreuung gerade mal wieder hoch im Kurs. Da wird versprochen, dass die Schwarte kracht, da wird mehr Skandinavien gefordert (was ich seit über 20 Jahren höre, aber bislang kaum umgesetzt wird), da soll es Steuer-Ersparnisse für Kinderbetreuung geben und wasweissich nicht noch alles. Während die Bundes- und Landespolitik fröhlich auf neue Ideen kommt (Oettinger: Schule soll später beginnen), sagen die Kommunen: tolle Ideen, aber nicht finanzierbar. So drehen wir uns im Kreise, und das nicht erst seit gestern. Alles wunderbare Lyrik, mehr aber auch nicht.

Mal ein ganz bescheidener Vorschlag, basierend auf der wilden Annahme, dass die Kinder von heute uns später mal die Rente bezahlen sollen.

Schreibt ein Gesetz, in dem steht:

– kostenlose Betreuung für alle Kinder ab 6 Monate, egal ob Kita oder Tagesmutter, ausgerichtet an dem individuellen Bedürfnis der Eltern
– verlässliche Ganztagesschule mit optionalem Frühstück und verpflichtendem Mittagessen

Spart bei der Bürokratie, die derzeit nötig ist, um den Anspruch auf einen Kitaplatz zu ermitteln, eine Tagesmutter zu vermitteln oder sonst wie die Eltern mit Karteikarten und Formularen zu nerven. Hört auf damit, herausfinden zu wollen, warum man sein Kind nicht den ganzen Tag zu Hause haben kann oder will, sondern akzeptiert einfach, dass der Umgang mit Gleichaltrigen ganz hervorragend die Entwicklung des Kindes fördert. Finanziert das alles mit Steuergeldern, schliesslich finanzieren unsere Kinder später die Rente und entlasten damit die sozialen Sicherunsgsysteme, die ja letztendlich von uns allen finanziert werden.

Zum Thema gibt es ein interessantes Interview mit Jürgen Borchert, Richter am hessischen Landessozialgericht, bei WDR5.

Die neue Ehrlichkeit. Von nix kommt nix.

7 responses to Deutschland wird familienfreundlich?

  1. Bei „Schule soll später anfangen“ hab ich auch die Krise gekriegt, da steht doch keiner später auf, nur die Unterbringung des Nachwuchses VOR der Schule wird problematisch, wenn die Eltern um 7 zur Arbeit müssen – sehr lebensnah. Mal abgesehen davon ist ja diese Erkenntnis mit den Zeiten in denen man mehr lernt nicht neu, der Kurve zu folge müsste man aber dann nur von 9 bis 12 zur Schule, denn nach dem Mittagessen geht ja erst mal gar nix mehr… Passieren wird da eh nix.

  2. am Thema „Kinder“ wird ja seit Jahrzehnten herumgewurschtelt und -gedoktert. Alle Jubeljahre wird ein neues pädagogisches Wunderkonzept aus dem Hut gezaubert, die Gegner bezeichnen es als Untergang des Abendlandes, die Befürworter bezeichnen die Gegner als „menschenverachtend“.
    Schon in meiner Schulzeit musste der Gürtel enger geschnallt werden, es gab keine Kopien mehr umsonst, und auch keine neue technische Ausstattung. Das war in der 80ern! Ich kann mich nicht entsinnen, dass man seitdem mal etwas anderes gesagt hätte.
    Mit eigenem Kind fällt einem dann der ganze Murks in Politik, Pädagogik und Steuerwesen um so mehr auf. Und die fantastischen Reformvorschläge auf die Nerven.

  3. Herr Lumma, sie sprechen wahr, leider. Gucken Sie mal nach Frankreich (sage ich als Romanist), da konnte eine Edith Cresson mit vier (oder mehr?) Kindern Karriere in der Politik machen.
    In Deutschland scheint das so zu sein, dass Kinder gefälligst in einer Familie aufzuwachsen haben, alles andere ist bäh. Mir wäre aber neu, dass Kinder, die mit x Monaten oder Monaten in eine Kita kommen, zu Gewalt, Psychosen und Massenmord neigen.

  4. Zusatz: und bitte nicht Frau Cresson mit unserer Ministerin van der Dingsbums in einen Topf werfen, das ist intellektuell eine andere Liga.

  5. Herr Lumma hat ja schon recht, wenn er das aktuelle Tohuwabohu um unsere Kinder bekrittelt. Aber ich habe das Gefühl, dass Frau von der Leyen auf einem ganz guten Weg ist.
    Die in der Koalitionsklausur beschlossene Formel zu den steuerli…

  6. Prinzipiell stimme ich dir ja zu, aber dass die Kinder unsere Rente finanzieren können/werden, halte ich für ein Gerücht. Das wird nicht funktionieren. Für unsere Rente fürchte ich, muß unsere Generation selber aufkommen.

  7. Christian Merz 18.01.2006 at 20:22

    Jau, ich hoffe, Du glaubst nicht ernsthaft, dass deine kinder deine (und meine) rente finanzieren…
    Kostenlos impliziert halt immer auch keinen anspruch auf ein bestimmtes (gewünschtes) leistungsniveau. das ergebnis sieht man bei den deutschen unis.