Kleinanzeigen online

Nico —  22.02.2006 — 4 Comments

Vorhin wurde auf heise.de das neue Kleinanzeigenportal heisetreff.de vorgestellt. Stark angelehnt an das große Branchen-Vorbild Craigslist präsentiert sich heisetreff.de im schlichthässlichen selbstgefrickelten Heise Look&Feel.

Jeder Verlag, der halbwegs etwas auf sich hält, beobachtet schon länger den amerikanischen Markt und stellt fest, dass der Anzeigenmarkt sich immer mehr vom reinen Printmarkt wegbewegt. Exemplarisch wird dann immer wieder Craigslist angefügt und prompt von innivationsfreudigen Verlagsmenschen kopiert. Bislang sehen wir in Deutschland aber kein bundesweites Kleinanzeigen-Portal, das erhebliche Beachtung geschenkt bekommt, oder gar genutzt wird. Das lässt einige Manager verdutzt zurück, schliesslich läuft doch Craigslist so toll.

Um das Phänomen Craigslist begreifen zu können, muss man den Kleinanzeigenmarkt in der San Francisco Bay Area kennen. Nun bin ich wahrlich kein Superkleinanzeigenbranchenkenner, aber ich habe in der Bay Area gelebt zu dem Zeitpunkt, als Craigslist gestartet wurde. Vor 10 Jahren gab es dort, in einer Metropolregion von 3-4 mio Menschen, sicherlich mehr als 30 Kleinanzeigenblätter, die kostenlos auslagen. Aber nicht diese piefigen kostenlosen Kleinanzeigenblätter provinzieller deutscher Prägung mit abgetippten Pressemitteilungslangweilern vom örtlichen Schützenverein, sondern szenige, trendige Blättchen, mit lokalen Konzerthinweisen, Ausgehtipps, Selbsthilferatgebertexten und witzigen, teilweise bissigst politischen Kolumnen. Quasi so etwas wie Szene Hamburg, nur dünner, wöchentlich, und in gut. Dort gab es dann auch viele Kleinanzeigen, so wie man das auch deutschen Uni-Städten vielleicht noch kennt.

Es gab also eine nette szenige Kleinanzeigenblättchenkultur. Nun muss man sich vorstellen, dass jemand anfängt, interessante Sachen zusammenzustellen und per Mail an Freunde und Bekannte verschickt. Damals waren derartige Infos noch kein Spam, sondern man freute sich über Emails. Als Craigslist dann als Website online ging, war dort enorm viel zu finden aus der Bay Area. Es klappte einfach, man hatte kaum die Anzeige aufgegeben, schon war die Sache verkauft. Craigslist war bei jedem bekannt, der online war, in der Bay Area.

Damals kannte kein Verlagsmensch in Deutschland Craigslist. Warum auch? Es war ja kostenlos. Craig Newmark und sein Team haben 8-10 Jahre gebraucht, um auf dem Radarschirm der deutschen Verlage aufzutauchen, weil nun nämlich einige Anzeigen kostenpflichtig sind, die Anzeigen-Regionen ausgweitet wurden und zudem noch Ebay-Gründer Pierre Omidyar ein Viertel der Anteile von Craigslist erworben hat. Und zack!, schon denken findige deutsche Verlagsmenschen, dass man einfach ein Kleinanzeigenportal aus dem nichts stampfen kann, Design weglässt, Usability vernachlässigt und schon eine wundervolle Gelddruckmaschine hat.

Das Gegenteil ist der Fall. Diese Portale haben keinen eigenen Charakter, der über die Jahre gewachsen ist, keine Community, ohne die keine Qualitätskontrolle stattfinden kann und letztendlich noch nicht einmal ansatzweise eine kritische Masse, die diese Kleinanzeigenportale interessant machen könnten. Das liegt zu einem guten Stück auch daran, dass die meisten deutschen Verlage immer noch nicht online angekommen sind, insbesondere die Telefonbuchverlage, die merken, wie die Relevanz der Gelben Seiten immer mehr zu bröckeln beginnt und damit noch eine Gelddruckmaschine wegzufallen droht. Heise.de hat zwar eine Community, aber will schon bei Trollen kaufen?

Da finde ich den Ansatz von edgeio oder StructuredBlogging um einiges spannender als das immer wieder alte Aufgiessen von etwas wie Craigslist.

4 responses to Kleinanzeigen online

  1. Der Heise-Verlag in Hannover, der übrigens auch die amtlichen Telefonbücher herausgibt, hat heute mit dem “heisetreff” ein neues Kleinanzeigen-Portal gestartet. Private und gewerbliche Anwender können dabei – wie beim Vorbild Craigslist in den USA – P

  2. Ich gebe Dir recht: Heise (wie auch Slashdot) gehören mal grundüberholt.

  3. was gibt es eigentlich aus der Ecke Structured Blogging neues zu sagen? Irgendwie bewegt sich nichts sichtbar nach aussen hin? Und innen?

  4. Seit kurzem gibt es heisetreff (- Kontakte, Anzeigen, Events), eine Seite ähnlich der Craigslist.
    Mehr dazu, warum Craigslist sich prächtig entwickelt hat, der heisetreff aber erstmal hübscher werden muss (woran die auch arbeiten wollen), steht h…

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