Debatte um Netz-Neutralität schwappt über den Teich

Nico —  23.02.2006

Nachdem in den USA das Thema schon länger diskutiert wird und etliche Telefongesellschaften meinen, sie müssten nicht nur von ihren Kunden Geld nehmen für die DSL-Leitungen, sondern auch von grossen Websites, die viel Traffic machen, findet nun auch Telekom-Chef Ricke in einem Wiwo-Interview diese Idee ganz toll:

„Diese Unternehmen sind künftig darauf angewiesen, das wir ihnen für ihre neuen Anwendungen die erforderliche Netzqualität garantieren. Es kann nicht sein, dass nur der Kunde über das monatliche Grundentgelt für diese schöne neue Welt bezahlt. Auch alle Web-Unternehmen, die Infrastrukturen für ihr Geschäft nutzen, sollten dann ihren Beitrag leisten.“

Also, korrigiert mich, wenn ich da falsch liege, aber ich kenne das eigentlich so: ein Provider übernimmt für uns das Housing, hat Leitungen zu verschiedenen anderen Providern, darunter sind einige Backbone-Carrier, dort kauft der Provider Bandbreite ein, stellt uns etwas in Rechnung und wir bezahlen es. Damit sehe ich, dass wir einen ordentlichen Beitrag geleistet haben. Je besser die Qualität sein soll, desto mehr müssen wir bezahlen, eigentlich ein recht bekannter Mechanismus. Der gemeine User an sich zahlt an seinen DSL-Anbieter eine monatliche Summe X und bekommt dafür eine mehr oder weniger umfangreiche Dienstleistung.

Nun findet aber Herr Ricke, dass grosse Web-Portale noch einmal direkt an den magenta-farbenen Riesen Geld abdrücken sollen. Weil ja die Infrastruktur genutzt wird. Diese Infrastruktur wird allerdings schon bezahlt, weil ein grosses Web-Portal bereits über die Traffickosten an den Kosten für die Infrastruktur beteiligt wird, wenn auch indirekt. Sollte dem nicht so sein, dann haben da etliche Firmen gepennt und ihre Kalkulation vernachlässigt zu Gunsten von Preisdumping, um die leidige Konkurrenz aus dem Markt zu drängen. Ganz nebenbei gehört ja auch T-Online irgendwie zur Telekom und die müssen sicherlich nicht extra-Endgelte abdrücken, was sicherlich als angenehmer Wettbewerbsvorteil angesehen werden könnte.

Ricke provoziert mit seinen Äusserungen nur folgendes:

1. grosse Portale werden eigenes DSL anbieten
2. DSL-Anbieter werden mit grossen Portalen kooperieren
3. Die Bundesnetzagentur wird der Telekom irgendwas a la „Missbrauch der marktbeherrschenden Stellung“ aufdrücken, es wird prozessiert werden, Telekom wird eine Niederlage einstecken
4. Verbraucherschutz und Politik werden dann hellhörig und kostengünstigen Internet-Zugang für alle fordern.

3 responses to Debatte um Netz-Neutralität schwappt über den Teich

  1. Tolle Idee, wenn Herr Ricke feststellt, das Webseiten Internettraffic verursachen. Als ob deutsche Firmen einen öffentlichen Internetanschluss hätten. Vielleicht komtm er nur deshalb drauf, weil T-Online diesen Vekehr nicht verursacht – weil eben keiner auf deren Schrottseiten geht.

  2. wenn ich es richtig sehe, tragen doch meine webseiten zur attraktivität des internets bei und führen so t-online/t-com kunden zu, oder?

    hmmm. warum sollte sich dann die telekom nicht an meine produktionskosten beteiligen? rechnung an ricke geht raus.

  3. 1. grosse Portale werden eigenes DSL anbieten

    Umgekehrt Nico, umgekehrt. Und oh Wunder, es passiert bereits. Irgendwie müssen sie ihren Contentkrempel und das Dreifachspiel ja in trockene Tücher bekommen.