18 Minuten Mehrarbeit

Nico —  5.03.2006

Der Streik im öffentlichen Dienst dauert ja nun schon etwas länger an, geht aber bis auf meine Stippvisite nach Hamburg eher an mir vorbei. Nun gibt es mittlerweile eine Einigung in Hamburg, die mir ziemlich absurd erscheint, weil sie so kompliziert ist, dass niemand genau weiss, was das soll und wer letztendlich profitiert. Ende der Woche klang dann Herr Bsirske eher etwas vergrätzt, weil sich die Arbeitgeber nicht anschickten, eine weitere Gesprächsrunde zu suchen.

Ich weiss immer noch nicht genau, was ich von dem Streik und den Forderungen auf beiden Seiten halten soll. Was macht Verdi falsch? fragt Wolfgang Storz und fasst ziemlich gut zusammen, wieso der Funken bei dem Streik nicht überspringen mag. Ich bin mir sicher, dass es etliche Bereiche gibt, wo die 18 Minuten völlig egal sind, aber leider sind dann auch wieder Arbeitnehmer betroffen, in deren Bereich die 18 Minuten Mehrarbeit dazu führen, dass keine zusätzliche Entlastung eingestellt wird. Als Steuerzahler will ich natürlich schon, dass möglichst effektiv gearbeitet wird und habe daher auch nichts gegen Mehrarbeit und bin für Einsparungen, aber ich befürchte einfach, dass dann wieder genau da gespart werden wird, wo es keinen Sinn macht.

Das Argument, der Staat kann nicht in diesen Zeiten Arbeitsplätze abbauen, kann ich nun gar nicht nachvollziehen. Vollbeschäftigung ist eine Sache, der nur noch Traumtänzer aus den 70ern nachhängen, ebenso die groteske Idee, der Staat habe für Arbeitsplätze zu sorgen. Wo er dies versucht, geht es zu 90% schief. Die Arbeitslosigkeit belämpfen zu wollen, in dem der Öffentliche Dienst personell aufgebläht wird, kann auch nicht Sinn der Sache sein.

Der Verdi-Streik lässt mich eher indifferent zurück. Aber als Geste des guten Willens habe ich vorhin Müll runtergebracht.

7 responses to 18 Minuten Mehrarbeit

  1. Eine interessanter Aspekt hierbei ist das Argument der leeren Kassen auf der Seite des Staates in Land und Kommune. Das ist zwar nicht falsch, aber doch alles andere als eine Naturgewalt, die mal eben über Nacht kam. Vielmehr hat der Staat (in Form der Bundesregierung) in den letzten Jahren durch die Steuerreformen, die im wesentlichen aus abgesenkten Steuersätzen bestanden, dafür gesorgt, dass in Kommune und Land weniger Geld ankommt. Die daran anschließende Frage, ob die Angestellten dieses Defizit nun durch ihre Mehrarbeit augleichen sollen, halte ich für durchaus berechtigt.
    Auf der anderen Seite sehe ich natürlich auch verschärfte Arbeitsbedingungen im Rest der arbeitenden Bevölkerung und kann nicht akzeptieren, dass der öffentliche Dienst eine Insel der Glückseligen sein kann. Ich bin da letzlichgenau so unentschieden wie Du.

  2. Warum sollte Vollbeschäftigung in Deutschland heute nicht mehr möglich sein?

  3. wie denn? alle zum tüten-einpacken in die supermärkte oder zum grünstriefenharken?

  4. Also ich finde den Streik gut. Die privaten Müllfahrer konnten in Stuttgart beweisen, dass sie den Müll dort wegschaffen können. Nach 4 Wochen Müllausstand kommt die Stadt halt in Verzückungen mit den im Haushalt fest eingeplanten Müllgebühren, die sie bei weiterem Ausfall der Abfuhr halt zurückzahlen müsste oder nicht kassieren könnte.
    Die Verhandlungsführer auf Arbeitgeberseite hingegen haben das schärfste Schwert noch nicht gezogen. Wenn sie gezielt in der 4-Buchstaben-Zeitung lancieren, dass die kurze Arbeitszeit und das vergleichweise hohe Gehalt auf Kosten der Steuerzahler geht, wird der Arbeiter in der Industrie, dessen Chef seinen Tarif (Tarifgruppe 1 4,50 Euro @ 41h /Woche, Überstunden auf Stundenkonto) mit einer Scheingewerkschaft (z.B. christliche Gewerkschaft Metall) ausgehandelt hat, schon aufmucken – zumindest am Stammtisch.
    Ich sehe aber bei Erhalt der 38,5h Woche für die Gemeinden keine andere Möglichkeit als weiter zu privatisieren bzw. das Personal von Zeitarbeitsfirmen zu beziehen, die dann den Tarifvertrag unterlaufen. Der Hamburger Tarifvertrag hat auch nur bewirkt, dass junge Väter keine Stelle mehr bekommen und die äußeren Bezirke doch privatisiert werden.
    Als indirekte Konsequenz wäre auch denkbar, die Müllentsorgung durch die Gemeinden insgesamt in Frage zu stellen. So könnte man ja auch im Müllgeschäft den Wettbewerb ausrufen. Jeder Bürger/Vermieter kann dann wählen, welche Farbe das Müllauto haben soll. Da ein Müllauto mittlerweile eine komplexe Maschine ist, kann der Lohn der Fahrer dort auch nicht ins Bodenlose stürzen.

  5. ich lese da gerade „vergleichsweise hohe Gehälter“. In welcher Welt stimmt diese Aussage?
    Sie stimmt nur, für verheiratete mit mehreren Kindern und jahrelanger Zugehörigkeit, ansonsten ist das fern jeder Realität.

  6. Dave-Kay: ich saß mal anderthalb Jahre als Zeitarbeiter in der Produktion: gleiche Arbeit zur halben Bezahlung, motiviert ungemein.
    Wenn ich jetzt einen Müllfahrer der Privaten (Tarifvertrag, wenn überhaupt, weil bei Ausschreibung vorgeschrieben und dann höchstens mit der GKD [vgl. Connex im Fall Rheinbus]) mit dem Mann im öffentlichen Dienst vergleiche ergeben sich bei gleicher Tarifgruppe bis zu 17% Gefälle. Beides sind LKW-Fahrer mit mindest-Fahrpraxis und G-Gut-Schein und beide fahren kommunal bestellte Entsorgungsfahrzeuge.
    Jetzt betrachte ich mal die Arbeitszeiten: in den Semesterferien war ich mal an der Quelle bei einer Müllbude in NRW. Arbeitszeiten von 5 bis 15+ Uhr (alles was über 10h kommt, wird auf den Samstag gebucht), Lenkzeiten davon bis zu 8h, Mittagspause wird mit 0,5h abgezogen, auch wenn man keine macht. Wenn man gerade mal nicht schmeißt, am Joystick Mülltonnen fängt oder fährt, futtert man auf dem Bock seine Stulle aus dem Packpapier (Hände zu Bäh). Dagegen ist Verdi-Land Schlaraffenland. Es geht zwar 180° zur Richtung der Partei, der ich sonst nahestehe, aber ein gesetzlicher Mindestlohn würde in der Konsequenz diese Tarif unterläufer mit Scheingewerkschafte n ausmanövrieren und ein Minimum sichern, allerdings fürchte ich eine Standartisierung der Gehälter/Löhne nach unten. Nächster Schritt wären belastbare Haustarife ohne Flächentarif.

  7. Ich finde es langsam eine Zumutung, was ver.di da treibt. Wir haben eine Aktion ins Leben gerufen, dass jeder Mannheimer, den die Müllaktion stört, seinen Müll zu Verdi schicken soll. Mal gespannt, wann die Jungs endlich einsehen, dass wir nicht mehr im Jahr 1970 leben!