Euroweb, TI-D und der Lange Schwanz

Nico —  28.03.2006

In den letzten Wochen ist zweimal das Phänomen aufgetreten, dass eine Firma oder Institution meinte, auf gebloggte Inhalte einwirken zu müssen, indem mit juristischen Konsequenzen gedroht wurde. Weder Euroweb noch Transparency Deutschland haben sich damit einen Gefallen getan, ganz im Gegenteil, sie haben sich auf breiter Front lächerlich gemacht. Mein persönlicher Lieblings-A-List-Blogger Jens nennt dies gerne Lynchmobblogging und in gewisser Weise hat er recht. Sobald Firmen oder Institutionen zeigen, dass sie über viel Internetinkompetenz verfügen und zudem noch unsympathisc daherkommen, werden sie von der geballten Linkmasse der Blogosphäre getroffen und haben dann nicht mehr einen PR-technischen Brandherd zu löschen, sondern unzählige.

Chris Anderson hat einmal den Long Tail definiert, wobei er allerdings davon ausgegangen ist, dass es sich hierbei um Produkte wie bspw. CDs oder Bücher handelt, die auch über einen längeren Zeitraum immer noch Erwähnung finden und so einen nicht unerheblichen Umsatz generieren können. So ähnlich wird es mit den Firmen sein, die die Blogosphäre nicht verstehen wollen oder können. Sie werden reihenweise in das offene Messer laufen, denn in der Hoffnung auf das große Webfundstück der Woche werden noch einige Auseinandersetzungen publik gemacht werden. Während früher die PR-Leute ausgeschickt wurden, um die Medien zu bearbeiten, wird dies heutzutage nicht mehr möglich sein. Solange Suchmaschinen ein Gradmesser dafür sein sollen, welche URLs wichtig für ein Thema sind, wird die Linkmacht der Blogs dafür sorgen, dass ein PR-Gau ganz lange nachklingen wird. Ohne große Möglichkeiten, viel bewirken zu können mit PR-Maßnahmen.

Das finde ich einerseits positiv, andererseits befürchte ich aber auch, dass die Blogosphäre durchaus negativ herüberkommen wird, denn bislang wird jedenfalls in Deutschland die kollektive Linkmacht nur für ein konkretes „dagegen!“ verwendet, nicht aber für einen positiven oder konstruktiven Umgang mit einem Thema. Ich finde ein entschiedenes „so nicht!“ sehr gut, und in den beiden Fällen auch völlig richtig, aber mir wäre ein geballtes „los, weiter so!“ auch mal ganz lieb.

Der Long Tail wird jedenfalls in den nächsten Monaten und Jahren noch einigen Firmen das Genick anknacksen, und sie werden sich wundern, welcher rasende Zug sie da frontal erwischt hat, weil er aus dem nichts kam. So kann Bloggen in Deutschland sein.

4 responses to Euroweb, TI-D und der Lange Schwanz

  1. Gutes Ding!

    Hast definitiv recht. Aber: Was ist denn mit „Wo bist du mein Sonnenlischt?“? Ist das nicht quasi ne gewaltige Pro-Kampagne gewesen? Immerhin haben die Blogs denen nen Plattenvertrag beschert. Die ganzen Seconds of Fame zahlreicher Blogger ham sich für die Jungs zu ihrer ausgewachsenen Ruhmes-Viertelstunde addiert.

  2. Ich halte es für eine Fehler Teuroweb mit Transparency in einem Satz zu nennen.

  3. Hmm, bisweilen werden bestimmte Dinge auch außerhalb der Blogosphere gelöst. Ich habe mehr als einmal Unternehmen darauf hingewiesen, dass etwas Falsches auf der Webseite steht und sie auf mögliche Folgen in Blogs hingewiesen. Oft genug wurde die Seite geändert. Und: Ich würde nicht so tun, als ob Blogs nur negative Themen bringen – ganz im Gegenteil. Sie bringen überwiegend schöne Geschichten. Sie nehmen aber auch ihre kritische Rolle ein – und das ist Demokratie pur.

  4. Schon schlimm, wieviel Einfluss Weblogs heutzutage haben. Selbst Privatleuten ist es Dank Blogosphäre möglich, unliebsame Nachrichten lawinenartig über das Internet zu verbreiten. Dass der dabei erreichbare Bekanntheitsgrad vergleichbar sein kann mit dem