Vorsitzwechselei

Während schon unüberhörbar Stimmen laut wurden, dass der Parteivorsitzende Platzeck auch mal präsent werden dürfte und dann endlich mal eine programmatische Aussage von ihm veröffentlicht wurde, schlug die Meldung seines Rücktritts vom Parteivorsitz ein wie eine Bombe, jedenfalls bei mir. Schade finde ich, dass er nicht stattdessen sein Amt in Brandenburg zur Verfügung gestellt hat, aber vom Parteivorsitz und Programmdebatten kann man nun mal schlecht leben. Mir war Platzeck durchaus sympathisch, auch wenn ich beim besten Willen nicht hätte sagen können, wofür er steht. Auf alle Fälle gab er der SPD ein unrasiertes, jugendlicheres Gesicht. Das ist zwar nicht viel, aber die Ansprüche an die eigene Partei sind mit den Jahren gesunken, das mag man Reife, Desinteresse oder Desillusionierung nennen.

Das Amt des Parteivorsitzenden soll jetzt an Kurt Beck übergeben werden. Das halte ich für richtig, wenn es einem darum geht, eine bodenständige Partei zu sein, die den Bürgern Geborgenheit schenken will und Konsensgeschwafel mag. Allerdings geht es mir nicht darum. Ich will Veränderungen, ich will neue Ideen, ich will verdammt noch einmal eine Verjüngung in der Parteispitze, ich könnte kotzen, wenn ich Thierse etwas von der immer älter werdenen Gesellschaft faseln höre, in der jemand wie Kurt Beck nicht mehr als alt gelten könnte. Für mich ist Kurt Beck die Verkörperung allen dessen, was sicherlich die SPD auch ausmacht, aber für mich immer der Teil war, den ich irgendwie akzeptieren lernte, aber nie gut fand.

Aber andererseits hat die SPD auch keine grosse Alternative, da man es jahrelang verpennt hat, eine ordentliche Nachfolge aufzubauen. Wen gibt es denn in der zweiten Reihe? Ute Vogt? Die läuft unter Frühvergreisung, nicht nur wegen ihrer Frisur. Ewige Hoffnungsträgerin. Sigmar Gabriel? Kann alles, war Lehrer. Olaf Scholz? Nicht gerade die Integrationsfigur, auch wenn ich ihn sonst schätze. Andrea Nahles? Zu anstrengend. Bullerjahn? Kennt keine Sau, ich noch nicht mal seinen Vornamen, soll Vize werden. Wen gibt es da noch? Irgendjemand unter 50? Irgendjemand mit Charisma?

Matthias Platzeck war für mich ein richtiger Schritt hin zu einer Verjüngung der Parteiführung. Kurt Beck als Kanzlerkandidat? Was haben wir über Merkel gewitzelt, aber ich hätte auch in meinen kühnsten Träumen nicht zu befürchten gewagt, dass Kurt Beck einmal als Alternative präsentiert werden könnte.

Der 10.4. ist kein schöner Tag für die deutsche Sozialdemokratie, aber es wird auch erst einmal nicht besser werden.

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10 Antworten auf „Vorsitzwechselei“

  1. Mit Verjüngung, Bodenständigkeit und Volksnähe hast du das öffentliche Bild von Platzeck wohl ganz gut gezeichnet, zupackender Pragmatismus vielleicht noch, ein Etikett aus alten „Überschwemmungszeiten“. Was mich beeindruckt hat, ist der Umstand, dass er nicht um jeden Preis an der Macht klebt, vielleicht auch das überlegt pragmatisch.
    Ehrlich gesagt kann ich mit den in letzter Zeit von der SPD gerne gebrauchten abschätzig gemeinten Begriffen wie „Kuschelrepublik“ o.ä. (gemeint war die alte Bonner) nicht viel anfangen, im Gegenteil: Ein Staat, in dem sich seine Bürger nicht mehr wohl fühlen, kann kein guter sein. Mir kommt es so vor, als würde krampfhaft nach „Ecken und Kanten“ gesucht, weil es genau den Typ „Charismatischer Politiker“ derzeit nicht gibt, zumindest sehe ich ihn nicht (übrigens auch nicht in der Union). Allerdings fehlt es der Partei insgesamt an inhaltlichem Profil, man sucht es in der Nach-Schröder-Ära und innerhalb der großen Koalition wohl noch.

    Die Frage ist, ob PolitikerInnen mit Ecken und Kanten überhaupt eine Chance hätten, in ähnliche Positinen zu geraten, oder ob sie in Zeiten von Medien-Wahlkämpfen nicht frühzeitig gebügelt oder gefiltert würden.
    Viel wichtiger als jüngere Politiker fände ich im Übrigen so etwas wie eine Vision, wo man denn überhaupt hin will: Eine weltpolitische, eine fest ins Europa eingebettete Perspektive. Eine Verjüngung ergäbe sich dann möglicherweise von alleine. Aber auch eine solche Perspektive kann ich weder bei der SPD, noch bei der Union erkennen. Die Grünen hatten das mal, ist ihnen aber auch ein wenig abhanden gekommen, und die FDP hat ihre Daseinsberechtigung schon lange und bis auf weiteres an den Nagel gehängt. Tja?

  2. Für Platzeck war es einfach zu früh … er hätte als Kanzlerkandiat zur nächsten Wahl kommen sollen und nicht eher. Na vielleicht wird er es ja dennoch … überraschen würde es mich nicht.

  3. Also, die SPD hat schon gute, junge Leute: Wowereit, Steinbrück, Steinmeier, Zypries.

  4. Beim Thema Alter, Jugendlichkeit sollte man eines nicht vergessen: Kurt Beck ist nur 4 Jahre älter als Matthias Platzeck. Da stehen sich die Jahrgäng 53 und 49 gegenüber: Daß der Matthias immer so jugendlich wirkt, liegt einfach daran, daß er noch nicht so lange in der Partei war. Wobei mir gerade auffällt: Schon eine beeindruckende Karriere: 1995 der SPD beigetreten und zehn Jahre später der Vorsitzende. Da muß ich schaun ob ich das auch noch schaffe (wird knapp) ;-)

  5. naja, jemanden aus Kategorie A „Ecken und Kanten“ zu fordern ist schwierig, wenn dann gleich die erste passende Person in Kategorie B „Anstrengend“ verortet wird :-)
    Und Wowi und Zypries als gute Leute zu bezeichnen ist ja wohl sehr verstiegen. Nichts persönliches gegen den Sonnen-Bürger-Schein-Meister aus Berlin aber als jung&gut in Sachen SPD passt das garnicht. Und Frau Zypries als letzte Vertrerin der schilyernden Beton-Politik gegen die eigenen Landesinteressen ist unter Kategorie „Katastrophe“ ein Stück fortdauernder Albtraum. my 5 cent :-)

  6. Die arme SPD und jetzt sind auch noch die ?Jungen? weg und Beck lässt sich so schwer verkaufen?

    Schade (!!!) das Parteien alle Jahre vom Volk gewählt werden und nicht auch nach innen Marketing, Businessplan, Vision und Machbarkeit glaubhaft einem Auditorium (in der Wirtschaft: Aufsichtsrat, Gesellschafter, Aktionäre, letztlich auch Börse, Banken/Ranking-Agenturen) darstellen müssen. Stattdessen wird auf Personen gesetzt, Entscheidungen verschoben, Wahlkampf gemacht und Juristen als Werkbank missbraucht. Ich hätte schon längst einen Hörsturz nebst Politikflucht. Die SPD war (damals wählte ich Schröder und ?wir? schafften den Wechsel) für mich mal eine Partei die Reformen anging ? das traue ich der SPD heute nicht mehr zu.

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