We’re the Mods!

Nico —  2.05.2006

Gestern bin ich zufällig beim Zappen auf Quadrophenia gestossen und musste natürlich weitergucken. Heute morgen im Büro dann machte der beste Praktikant von allen ein erstauntes Gesicht, als ich den Film erwähnte. Das erstaunte mich dann wiederum.

Als ich damals nach erfolgreichem Absolvieren der Grundschule auf die höhere Lehranstalt wechselte, spielte auf Schulfeiern immer die Schülerband Union Jacks, quasi The Who in klein, inklusive geklontem schwarzen Plakat mit weisser Schrift. Damals gab es etliche Mods und die waren verdammt cool, hatten Roller, Parka und DocMartens. Dazu passend einen guten Musikgeschmack, vor allem natürlich The Who, aber auch andere britische Bands aus den 60ern, oder Paul Wellers The Jam. Es gab quasi einen Kanon von tauglichen Bands und tragbaren Klamotten, der zum Dabeisein in dieser kleinen Subkultur unablässlich war. Zwei Jahrgänge über mir wurden die ersten zu Mods, es gab die ersten Rempeleien mit Skins und ich wollte auch Mod sein, das war irgendwie das Richtige. Mit 12 oder 13 bin ich dann für 3 Wochen nach Südengland gefahren, inklusive einem Ausflug nach London zur Carneby Street und nach Brighton, dort wo im Film der grosse Krawall zwischen den Mods und den Rockern stattfindet. Ich war in der berühmten Gasse, in die sich Steph und Jimmy kurz zurückzogen, ich habe dort neben hunderten anderen Mods auch meinen Namen an die Wand gekritzelt und ich fühlte mich sehr als Teil einer grösseren Gruppe. Gut, einen Anzug trug ich nicht, denn an Konfirmation hatte ich kein Interesse und aus anderen Gründen gab es damals keine Anzüge für Pubertierende. Einen Parka bekam ich auch nicht, das fand meine Mutter zu militaristisch. Also trug ich schwarze DocMartens Loafer mit Bommel, schwarze Hose, bordeaux-farbenden Möchtegern-Kaschmirpulli mit V-Ausschnitt und darunter ein Polo-Shirt. Dazu eine blaue Windjacke mit irgendeinem Union-Jack-Logo. Natürlich auch Londsdale, obwohl das schon damals als Skinlabel galt. Eine schwarze Harrington-Jacke gab es dann auch noch, so dass ich meist ziemlich eintönig daherkam. Über meine Frisur sage ich nix.

Damals war es für mich nicht leicht, einfach so die gewünschten Platten oder Klamotten zu kaufen, denn nicht nur war mein Taschengeld knapp, es gab auch nicht so die vielfältigen Möglichkeiten, irgendwo in der norddeutschen Provinz die „richtigen“ Label zu kaufen. Also ging es nach viel Gequengel mit alle Mann nach Hamburg, ins Chameuse. Meine Mutter konnte ich von den Vorteilen des Mod-Seins durchaus überzeugen, denn schliesslich waren DocMartens ja handgenähte Gesundheitsschuhe und nicht diese Rockabilly-Schuhe mit der dicken Kreppsohle („die ziehst Du nicht an, damit machst Du dir die Füsse kaputt!“). Platten gab es ebenfalls nur in Hamburg oder Lübeck, und dann wusste ich nie, welche ich kaufen sollte, weshalb man natürlich auf selbstkopierte Tapes zurückgreifen musste. Den Film Quadrophenia konnte ich nur bei Freunden gucken, wir hatten keinen Videorekorder und in der Videothek gab es den Film auch nicht.

Es war ganz schön anstrengend, Teil einer Subkultur sein zu wollen, weswegen ich immer irgendwie nur halb dabei war. Irgendwann war klar, dass ein Roller nicht im Budget sein würde und mir ging zunehmend die Konformität der kleinen Szene auf die Nerven, so dass ich das ich irgendwann mein Möchtegernmoddasein auslaufen lies und mehr Punk hörte, viel Matsche im Haar hatte und Holzfällerhemden trug, mir ein Skateboard kaufte und fortan mit kaputten Schuhen und Hosen durchs Leben rollerte, doch das ist eine andere Story und auch dafür gibt es einen passenden Film.

Absolut hörenswert sind allerdings immer noch die beiden Quadrophenia-Doppelalben, einmal das Konzept-Album von The Who und dann der Soundtrack zum Film.

21 responses to We’re the Mods!

  1. …und Sting ist eine AUgenweide!
    Dafür bin ich dann mal wieder total verpennt zur Arbeit getaumelt.
    Ich kenne auch Leute, die unverständlicherweise den Film nich kennen.
    In Braunschweig gibt´s noch echte \“alte\“ Mods (also Mitte 30) und mein damaliger Berufsschullehrer war tatsächlich dabei, er hat mir mal nen vortrag über die richtigen Parker, Probleme mit den Schuhen und dem Plattenkauf in den 60ern gehalten:-)
    Jedes Jahr beim ACE-Café-Treffen auf der Insel gibt es eine ordentlcihe Ausfahrt der \“Rockers\“ nach und um Brighton. Nächstes Jahr werden wir uns da endlich mal hinbegeben.

  2. Manueller Trackback (Haloscan mag aus irgendeinem Grund Deine URL nicht): Bist Du ein Rocker oder ein Mod?

  3. Jaja, das Leben in der norddeutschen Provinz, nämlich Mölln, war schon hart!
    Wenn man dann auch in die Ratzeburger Gelehrtenschule (der/die geneigte Leser/in merke auf: nicht Gymnasium, Gelehrtenschule!) nach Ratzeburg ging, war es auch nicht leichter, was Nico?
    In Lübeck gab es noch Lehmensiek zum Platten kaufen (Platten wohlgemerkt, nicht CDs) und Hamburg war gaaanz weit weg.
    Dass der Besitzer von Music-Corner (dem ehemaligen einzigen Möllner Musikladen) ein bisschen anders war, hat der Auswahl auch nicht geholfen (selbst ich als Popper hatte keine vernünftige Platte dort bekommen).
    Letztens habe ich in Bremen wieder einmal nach langer Zeit Punks gesehen, da merke ich dann , dass Bremen halt doch Provinz und zeitlich etwas zurück ist.
    Zurück zum Praktikanten:
    Der ist ano \’86 geboren, was erwartest du?
    Wenn der Sting im Zusammenhang mit dem Wort Police hört, denkt er doch sicher an ein Verbrechen und nicht an die ehmalige Gruppe ;o)

  4. Nico Lumma berichtet über das jugendliche Leben in der norddeutschen Provinz in Mölln, zwischen Lübeck und Hamburg, also quasi im Nichts ;o)…

  5. mod sein ist doch das schönste was es gibt!Besonders weil keiner weiss was man darstellen möchte,also 95% der Leute in meiner Stadt haben keinen Plan von irgendwelchen Subkulturen.
    Die Skins rennen rum wie Bauern..usw.

  6. bin auch mod und es ist ein lebensgefühl, bin mittlerweile 36 jahre alt und im büro immer gerne mit fred perry etc

  7. bin auch mod und es ist ein lebensgefühl, bin mittlerweile 36 jahre alt und im büro immer gerne mit fred perry etc

  8. ..wieso wollen sich Menschen immer in Schubladen stecken?! Ich bin teils Skin, teils Mod, teils Punk, teils spießig Ich steh auf Poco, fahre Vespa, und habe ein BGB im Schrank […] Man ist wie man ist, und das was man sein WILL ist man eben nicht!

  9. skinderella 9.01.2007 at 22:34

    @kalle

    doch, in eine schublade passt du schon: die der legastheniker. der tanz bei dem die leute exstatisch um sich treten heißt pogo….

  10. skinderella 9.01.2007 at 22:38

    solltest du allerdings von der seit jahrzehnten überaus erfolgreichen und weltbekannten country-combo sprechen von der hier mindestens jeder zweite sämtliche best-of-compilations hat, dann lass bitte lieber alle schubladen einfach zu…

  11. also damals war es nicht nur eine lebenseinstellung sondern auch ein gefühl. jeden freitag an der markthalle in hamburg mit 200 leute , samstag des selbe in grün..party, party..also wer damals sowas mal mitgemacht hat der weiß wovon ich spreche und sowas findet man heute in keiner großstadt mehr…..

  12. Ich war in den 80ern auch unter den Kuttenträgern und habe die Zeit als sehr schön in Erinnerung. Kann mich noch gut an Grömitz oder Ingolstadt erinnern, wo mehrere Hundert Mods sich mit Skind Strassenschlachten lieferten.Schön durch zufall mal wieder was von den alten Zeiten zu hören. Wusste gar nicht, dass es immer noch Jimmies und Stphs gibt.

  13. Da erinnere ich mich jetzt auch noch an den Film \“Wild auf den Straßen\“, in dem die damaligen
    \“Subkulturen\“ Hamburgs unter die
    Lupe genommen wurden
    (Mods, Skins, Champs, Bomber etc…)

  14. \“Chameuse\“, das war eine Institution Gibts den eigentlich noch?

  15. Moin Nico !
    viele Grüsse von einen der Mods, die Du noch aus der alten Zeit kennst. Tolle Story, die ich hiermit nur bestätigen kann.
    Ich bin irgentwie Mod geblieben, auch wenn zwischenzeitlich der Roller und andere Interessen vorgingen… Du weisst bescheid.
    Einmal Mod – immer Mod !
    Gruss
    Martin O. aus Mölln

  16. chris_la_mer 30.07.2008 at 22:46

    Hallo Nico! Habe die 80er auch als Mod erfahren, es gab für mich damals keine Alternative, war eine saugeile Zeit an die ich mich gern erinnere. Ich bin der Musik, teils der Kleidung und natürlich der Vespa treu geblieben….Markus, ich denke das wir uns kennen.
    Gruss
    Christian aus Hamburg

  17. Stefan aus Aurich 27.04.2009 at 22:34

    Hey Leute, kann euch gar nicht sagen, wie sehr ich mich über eure Kommentare freue. Bin mittlerweile auch 39 Jahre und Mod ist nun mal ein echtes Lebensgefühl. Trage immer noch Fred Perry, Lonsdale und Martens, habe mittlerweile 2 Vespas, wobei einer davon schon 37 Jahre alt ist. Möchte das alles nie missen und es ist schön das es immer noch gleichgesinnte gibt. Macht weiter so und Mod will never die!!!!!!! Gruss Stefan aus Aurich

  18. Stefan aus Aurich 27.04.2009 at 22:43

    Ach, hatte ich gerade noch vergessen. Charmeuse gibt es immer noch, aber nun in Düsseldorf. Bestelle dort regelmäßig im Netz meine Klamotten, super Auswahl und gute Preise! Bis dann
    Gruss

  19. Man, Man, Man…

    …die gute alte Charmeuse am Alten Steinweg in HH-Neustadt gibt es immer noch (Since 1977!).
    Woher ich das weiß? Ich wohn um die Ecke…, Anno 1980/1981 habe ich da meine ersten Creepers als kleiner Punk-Kiddie gekauft…

  20. Hallo zusammen,
    es ist echt interessant und spannend diese Beiträge zu lesen, ich bin ein 89er Baujahr, also hatte ich nie wirklich die Chance ein ECHTER MOD in den 69er oder 80er Jahren zu werden…. aber ich wäre es 100%tig geworden =). Ich liebe den Lifestyle MOD, (also das was ich davon gehört habe) verbringe den ganzen Tag in Fred Perry & Ben Sherman Klamotten und trage spitze Schule ;) Vespa, The Who, The Jam, The Creation usw…. ist für mich ein MUSS !! Warum gibt es keine Treffen mehr und warum gibt es keine MOD- Allnighter..?

    Ganz liebe Grüße „Die nächste Generation“
    Raphael