Computersozialisierung bei Karstadt

Matthias Schrader schreibt über seine Computersozialisierung bei Horten und da fällt mir natürlich prompt ein, wo ich meine ersten Annäherungen an den Computer an sich gemacht habe. Bei Karstadt in Mölln, da stand ein Commodore C64 und ein Schneider CPC, dicht gedrängt irgendwo zwischen Schreib- und Kurzwaren. Dort verbrachten wir viele Nachmittage, sind direkt vom ZOB in die Einkaufsstrasse zu Karstadt gegangen und haben so lange Listings aus DataBecker-Büchern oder der allgegenwärtigen Zeitschrift 64er abgetippt, bis irgendein Verkäufer uns rausgeschmissen hat.

Meistens gingen unsere kleinen Programme nicht über irgendwelche „10 mach irgendwas, 20 GOTO 10“-Scriptchen hinaus, häufig in Kombination irgendwelcher Peeks and Pokes, die dazu führten, dass der Bildschirm wild blinkte. Das war dann meistens der Zeitpunkt, an dem die Verkäufer nervös wurden und unsere Ambitionen einschränken wollten. Wer Pech hatte, fand den C64 belegt vor und musste auf den Schneider CPC ausweichen, dann war der Nachmittag eher gelaufen, denn das Ding war einfach uncool. Wer Glück hatte, konnte unbemerkt von den Verkäufern eine Kassette in die Datasette packen und ein Listing abspeichern oder gar ein Programm laden. Das kam selten vor, führte aber immer zu einer Menschentraube und dem Einschreiten der Verkäufer.

Später dann, als ich längst selber einen Commodore C64 hatte, da wurde oft das Taschengeld in Disketten angelegt. 5 1/4-Zoll, das sind die grossen dünnen Plastik-Quadrate gewesen, davon haben 10 Stück der Marke Scotch damals geschmeidige 100 Mark gekostet, oder No-Name für 14,95, die man dann mit einem Locher zu beidseitigen Disketten umknipsen musste. Was waren wir wild.

Meine C64-Phase endete, weil ich zu gierig wurde. Damals war es wichtig, ein gutes Kopierprogramm für die Floppy 1541 zu haben, damit man Disketten schnell kopieren konnte. 90 Sekunden war schon ganz gut, aber das gab dann gerne thermische Probleme, weswegen meine Floppy 1541, für über 1000 Mark meinem Vater durch ca. 10-Monatiges Generve abgetrotzt, oft ohne Deckel ihrend Dienst verrichten musste. Das ging so lange gut, bis ich ein Programm gefunden hatte, dass in 15 Sekunden eine Diskette kopieren konnte. Dafür musste ich allerdings ein Parallelkabel irgendwo in die Innereien löten. Nachdem ich irgendwann mal einen oft benötigten Resetschalter unter Verstoß gegen sämtliche Garantiebestimmungen im C64 verlötet hatte, fühlte ich mich für die neue Aufgabe gerüstst. Also habe ich das Parallelkabel angelötet und konnte rasend schnell kopieren. Bis die Lötstellen aufgingen, dadurch der Stepmotor der 1541 kaputt ging und ich nur noch einen Haufen nutzloses Stück Plastik mit technischen Innereien hatte. Geld für eine neue Floppy 1541 hatte ich nicht, also wurde nach einiger Zeit scheren Herzens der ganze C64-Krempel verkauft, durchgeatmet, gesehen, dass draussen die Sonne scheint und das Leben tobt, und erst mal ein paar Computergenerationen abgewartet, bis erneut ein Rechner angeschafft wurde.

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4 Antworten auf „Computersozialisierung bei Karstadt“

  1. Kommt mir irgendwie alles verdächtig bekannt vor :-)

    \“Wir hatten ja nichts damals.\“, obwohl wir mit einem C64 wahrscheinlich schon ziemlich viel hatten.

  2. hach, der 64er, alles selbst erspart vom Taschengeld, erst die maschine, dann die datassette, später die 1541.
    Dann den 500er Amiga und erst 97 den PC, jahrelang dazwischen keinen eigenen Rechner.
    Aber unsere verkäufer bei Horton waren cooler, die hatten sich damit arrangiert, dass die Computerecke nachmittags von Kiddies überrannt war und ständig irgendwelche Bildschirme blinkten :)
    Aber der CPC war hoffnungslos unterschätzt, immer.

  3. CPC unterschätzt? Ach herrjeh. In meiner Computersozialisation (VC20-C64-CPC464-1040STFM-A500-PC) habe ich mich ernsthaft nur über den CPC mit seinem bekloppten 3\“-Diskettenlaufwerk ärgern müssen. Der konnte zwar was (Logo…), aber wenn es einfach überhaupt keine Software gibt – man kann ja nicht alles selber programmieren.

  4. Meine Sozialisation (Blüte der Jugend..) begann ein bisschen später, da hatten die PCs in Supermärkten schon Passwörter.
    Die zu knacken, war dann der Ansporn.

    Manchmal schwerer, manchmal auch überraschend einfach nach dem Prinzip: \“Zeig mit den Typ und ich sag dir das Passwort\“

    \“Karstadt\“ und \“Promarkt\“ waren beliebt oder einfach mal die Namensschildchen nachtippen..

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