Fahnenmehr

Vor ein paar Tagen hat mich meine Tochter auf die allgegenwärtigen Fahnen hingewiesen: „Guck mal, Papa, eine Fußballfahne!“ – Heute morgen im Auto hiess es: „Da! Eine Deutschlandfahne! Hurra! ich finde die immer sooo schön!“

Das lässt mich durchaus nachdenklich werden. Ich würde bezweifeln, dass ich mit 2 3/4 Jahren schon wusste, wie eine Deutschlandfahne aussieht. Fahnen spielten, abgesehen von den SPD-Flaggen, in meiner Kindheit und Jugend keine Rolle. Das Zurschaustellen der Deutschlandflagge galt irgendwie als eher reaktionär, jedenfalls in meiner Jugend in den 80ern, auch wenn in den 70ern die SPD durchaus die Farben in ihren Kampagnen mitführte. Meine erste Auseinandersetzung mit Fahnen als Ausdruck eines nationalen Bewusstseins hatte ich 1989 in den USA, als vor einem Highschool-Footballspiel auf einmal alle aufsprangen, ihr Käppi abnahmen, sich ausrichteten, die Hand auf die Brust nahmen und gemeinsam der Nationalhymne lauschten, während der Blick auf die Fahne am Ende des Stadions gerichtet war. Das war dort Normalität, in Deutschland undenkbar.

Dann ist mir irgendwann aufgefallen, dass Fahnen irgendwie durchaus normal sein können, jedenfalls wenn man sich amerikanische Vorgärten oder dänische Einkaufsstrassen anguckt.

Nun also hängen in Deutschland so viele Wimpel an den Autos, dass bis zum Ende der WM ziemlich alles ausverkauft ist. Ich wollte mir daher einen HSV-Wimpel fürs Auto kaufen, aber zum einen legte die Finanzministerin wegen der 15 EUR „für einen dämlichen Wimpel“ ihr Veto ein, zum anderen widerspricht „nur bis Tempo 100“ meiner Fahrweise als Audi-Kombi-Fahrer.

Ich will mich gar nicht pseudo-feuilletonistisch über den neuen unverkrampften Umgang mit der Deutschlandflagge auseinandersetzen. So viel und lang und schwülstig kann ich gar nicht schreiben. Ich bin immer noch immer wieder überrascht, wenn ich so viele Deutschlandfahnen sehe, irgendwie wittere ich immer eine CDU-Großveranstaltung in der Nähe. Schlimm finde ich die Fahnen nicht, bringt es doch etwas Farbenfreude in die Strassen. Mich selber mit schwarz-rot-goldenen Devotionalen auszustatten, das fällt mir dann doch eher schwer, das gelernte Verhalten ist irgendwie anders. Unverkrampftheit finde ich generell enstpannter, auch im Umgang mit staatlichen Symbolen wie einer Fahne.

KategorienAllgemein

2 Antworten auf „Fahnenmehr“

  1. Gut zu wissen, daß ich mit dieser Sache von wegen \“CDU-Großveranstaltung\“ nicht allein bin. Ich glaube, diese Assoziation kommt rein aus dem Unterbewußtsein von Kindern der 70er und ist vollkommen harmlos. :-)

    Mein Sohn ist zwei Jahre älter als Deine Tochter, der hatte vor zwei Monaten mit der Deutschlandfahne nichts im Sinn. Dieses Fieber ist erst kürzlich ausgebrochen. Dafür weiß meine Tochter, die ist ein Jahr jünger als Deine, auch schon ganz genau, bei welcher Fahne sie aus dem Häuschen geraten muß.

    WM-Saison halt. :-)

    Im Nachbarort wechselt einer übrigens dauernd die Flagge und hängt immer jemanden raus, der grade gewonnen hat. Das finde ich lässig.

  2. Bei uns im Gebiet sind sogar Fahrradkörbe udn Vogelhäuschen beflaggt, sehr nett, machen ja alle anderen Länder um uns rum auch zu jeder Gelegenheit, nur wir mal wieder nicht, Flagge=NPD-rechtsaussen scheint endlich mal keine Allgemeingültigkeit zu besitzen. hoffentlich bleibt das so, es ist doch nicht normal, dass man ein komische Gefühl hat weil jemand die Nationalflagge hisst.
    aber: ich hätte dann doch eigentlich gern ne hübscher Flagge, sowas wie Brasilien oder Neuseeland… macht viel mehr her.

Kommentare sind geschlossen.