Die Schmidts

Nico —  26.09.2006

Gestern abend wurden Helmut Schmidt von Reinhold Beckmann Stichworte zu geworfen und der Altbundeskanzler plauderte über sein Leben und die große Politik. Für seine 87 Jahre ist er immer noch bei sehr scharfen Verstand, das finde ich bewundernswert.

Ich habe die Schmidts Mitte der 80er Jahre kennengelernt und so sind mir bei der gestrigen Plauderstunde einige Erinnerungen wieder hervorgerufen worden. Das erste Zusammentreffen war im Reihenhaus in Langenhorn, das allerdings so sehr umgebaut ist, dass es von Innen nicht mehr wie ein Reihenhaus wirkt, inkl. Panzerglasscheiben, Swimmingpool und Polizeidienststelle in der Garage.

Loki hatte Eintopf gekocht und fing an, über die Zeit in Hamburg und Bonn zu erzählen, lauter kleine Geschichten, die mittlerweile auch durch die Talkshows getragen wurden. Ich war damals 13 und hatte sicherlich nicht das allerrundeste Bild von Helmut Schmidt und seiner Karriere, weswegen mir bei einigen Themen einfach die Tragweite nicht bewusst wurde. Am amüsantesten fand ich die Erzählung von Loki, wie sie Helmut im Streit einmal mit einem nassen Waschlappen beworfen hatte, da sie zwar sauer war, aber nichts kaputtmachen wollte. Später ging es dann in die Hausbar, die wirklich so etwas von komplett eingerichtet war und eine Auswahl an Hochprozentigem hatte, die mich als Jugendlichen stark beeindruckt hatte. Auf die Frage, was ich denn trinken wolle, antwortete ich dreist: „Cola, Cola Whisky“ und fand mich ziemlich cool und aufmüpfig. Loki sagte nur „Welchen Whisky willst Du denn, such Dir einen aus.“, hatte mich locker ausgekontert und erstmal für Konsterniertheit auf meiner Seite gesorgt. Helmut Schmidt kam dann später am abend dazu, erzählte mir erstmal, wie Recht er mit dem Nato-Doppelbeschluß doch gehabt hatte, wozu ich allerdings aufgrund der Gnade der späten Geburt nichts sagen konnte, mich nur wunderte, wie jemand so rechthaberisch immer wieder auf einem Thema rumreiten konnte. Über seinen Nachfolger im Amt sagte er gar nix und wenn er über seine Jugend erzählte, dann sprach er nie von Adolf Hitler sondern immer von Adolf Nazi.

Das zweite Treffen fand am Brahmsee statt, an einem netten Sommertag. Es gab selbstgemachte sauleckere Rote Grütze, einen längeren Spaziergang durch den Wald, bei dem Loki aber auch jede noch so kleine Pflanze am Wegesrand zuordnen konnte, den Ausspruch „du bist ein rotzfrecher Bengel“ und schließlich das Angebot „ich bin Loki, kannst mich Duzen“, das ich mit „ich bin Nico, kannst mich auch Duzen“ erwiderte.

Wie das eben manchmal so ist, man verliert sich aus den Augen, traf sich noch bei ein paar Veranstaltungen und schließlich dann das letzte Treffen kurz vorm Abitur als eine Art Berufsberatung in den Räumen der Zeit-Redaktion. Ich wollte Journalist werden und da waren mir natürlich die Tipps von Helmut Schmidt als Herausgeber der Zeit durchaus willkommen. Ich habe keinen einzigen angenommen, habe nicht VWL oder Jura studiert, sondern Politikwissenschaft und Geschichte („brotlose Kunst“), hab es nur bis zum Blogger geschafft, allerdings haben wir jetzt auch weisse Billy-Regale im Wohnzimmer stehen.

Auf alle Fälle habe ich aber die Zusammentreffen mit den Schmidts sehr genossen, weil die Kombination aus Weltpolitik und lokaler Verbundenheit immer wieder dafür sorgte, dass die beiden nicht total abgehoben daher kommen, sondern sehr authentisch sind.