Unterschichtendasein

Nico —  19.10.2006

Derzeit findet in Deutschland viel Aufregung über den von Kurt Beck ins Spiel gebrachten Begriff „Unterschicht“ statt und den in einer Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung verwendeten Begriff „abgehängtes Prekariat“. Derzeit findet die Debatte überwiegend aufgrund und über die Begrifflichkeiten statt, auch wenn das eigentlich nicht nachvollziehbar ist. Es gibt seit Jahren jährliche Armutsberichte, es gibt seit Jahrzehnten keine Vollbeschäftigung mehr, es gibt seit Jahrzehnten eine sog. Sockelarbeitslosigkeit und es gibt einen seit Jahrzehnten zu beobachtenden Trend, dass immer mehr Produktion in das Ausland verlagert wird. Dass dadurch viele Menschen ihrer Chancen auf ein Erwerbsleben beraubt werden, ist ebenfalls schon seit langem klar.

So sehr es mich freut, dass derzeit gerade die Programmdebatte der SPD in den Medien geführt wird, so denke ich doch, dass die Diskussion, ob und wie sehr man sich mit der Unterschicht beschäftigen solle, am Thema vorbei geht. Benjamin Mikfeld hat in einer Replik auf Franz Walter u.a. die These aufgestellt, dass eine ausschliessliche Hinwendung zur Unterschicht für die SPD nicht sinnvoll sei:

Aber für jeden Wähler, den die SPD so gewinnen würde, verlöre sie zwei andere.

Abgesehen davon, dass es zutiefst zynisch ist, derartig die Wählerstimmen gegeneinander aufzuwiegen und zeigt, wie die primären Interessen in den Stabsstellen der Parteien auf den Machterhalt und nicht auf wunderbare Politik ausgerichtet sind, bleibt Mikfeld doch vor allem in den alten Denkmustern hängen. Es ist höchste Zeit, dass in Deutschland der Wert von Arbeit neu diskutiert wird. Was ist Arbeit, wie kann sie in Zukunft aussehen, was machen wir mit denen, die nicht arbeiten wollen, aber könnten, die arbeiten müssen, aber nicht wollen und denjenigen, die arbeiten wollten, aber nicht können? Gestern forderte DGB-Vorstand Annelie Buntenbach, dass es in Deutschland einen groß angelegten zweiten Arbeitsmarkt geben müsse, um der Verarmung von großen Teilen der Bevölkerung entgegenzuwirken. Ein wunderbares Rezept. Damals, in der 30er Jahren, in den Zeiten des New Deals, da hat Präsident F.D. Roosevelt sicherlich mit dieser Politik zum einen die Infrastruktur der USA maßgeblich und flächendeckend verbessert, zum anderen aber eben auch vielen Menschen eine Perspektive geboten. Jetzt, schlappe 75 Jahre später, was wollen wir da mit einem massiven zweiten Arbeitsmarkt erreichen? Es ist nicht so, dass der Staat nicht weiss, wie er sein Geld ausgeben soll, insofern sehe ich da schon mal gar keine Finanzierungsmöglichkeit, abgesehen von dem Nebeneffekt, dass sicherlich durch einen massiven Einstieg des Staates es zu einer Verlagerung von Arbeitspplätzen vom ersten in den zweiten Arbeitsmarkt kommen wird, was keiner wollen kann. Aber, all diese Faktoren mal ausgeblendet: was bitte soll denn jetzt ein Heer von auf Staatskosten arbeitenden Menschen machen? Unkraut zupfen? Müll sammeln? Objekte bewachen? Doku-Soap-Statisten werden? Ich sehe derzeit nicht wirklich einen Bedarf für schlecht ausgebildete und gering motivierte Arbeiter.

Wenn wir also diese Möglichkeit zur Schaffung einer Perspektive für das abgehängte Prekariat nicht haben, dann muß sich die Gesellschaft mal überlegen, was wir in Zukunft mit dem Thema Arbeit anstellen. Bildung für alle, die Schaffung guter Chancen für alle, das ist sicherlich wichtig. Aber, man muß sich darüber im Klaren sein, dass dauerhaftes Verweilen im Erwerbsleben nicht mehr für alle in der Bevölkerung zur Realität wird. Das bedeutet aber auch: was machen wir jetzt? Die digitale Boheme ist sicherlich eine wundervolle Idee, passt aber leider nicht wirklich auf jeden Lebensentwurf und jede Lebenssituation.

Die Diskussion über den Stellenwert der Arbeit in unserer Gesellschaft muß geführt werden, die derzeitige Entrüstung bringt gar nichts, außer Heuchelei. Die Diskussion wird aber nicht geführt, weil sie Teile des Selbstverständnisses von Staat und Gesellschaft auf den Kopf stellen und alte Machtstrukturen aufbrechen würde.