SPD und die Digitalisierung

Aus der beliebten Abteilung “Pressemitteilungen, die ewig lang sind und von denen niemand Notiz nimmt” findet sich folgendes Erzeugnis des SPD Parteivorstandes, genauer gesagt vom Vorsitzenden der Medienkommission beim SPD-Parteivorstand, Marc Jan Eumann (MdL) mit dem schockierendem, aber dennoch irgendwie augenöffnenden Titel SPD-Medienkommission: Prozess der Digitalisierung ist in vollem Gange. Nachdem ich mich kurz vergewisserte, dass die Pressenitteilung nicht von 1996, sondern in der Tat aus dem Jahr 2006 ist, fing ich an zu lesen:

Der Prozess der Digitalisierung ist in vollem Gange. Das bisherige Medienrecht stößt an seine Grenzen. Jetzt geht es darum, die vielfältigen Chancen zu nutzen und zur Realisierung und Förderung der Entwicklung einen Rahmen mit Kreativität und Sachverstand zu finden.

Die gesellschaftlichen Ziele sozialdemokratischer Medienpolitik haben auch in der neuen digitalen Welt Bestand: Informations- und Meinungsfreiheit, Vielfalt und Zugang müssen gesichert werden. Das gilt für die europäische ebenso wie für die nationale Ebene.

So, nun könnte man ja meinen, jetzt geht es los, nun kommt in geballter Kraft die sozialdemokratische Medienpolitik im 21. Jahrhundert, mit dem Internet und dem User im Mittelpunkt, ein klarer Paradigmenwechsel verglichen mit dem, was man aus den letzten Jahrzehnten so kennt.

Aber nein. Abgesehen von einigen kurzen Erkenntnissen a la “Der Nutzer gewinnt an Bedeutung”, und noch ein paar anderen kurzen Lichtblicken (“Das Angebot wird größer”) geht es doch nur um eins: Rundfunk. Zunehmend auf digitalen Kanälen. Wow. Retro ist ja immer wieder modern, aber irgendwie erwarte ich mehr als immer nur wieder die Fokussierung auf TV und Radio. Egal ob analog oder digital, Rundfunk ist total 20. Jahrhundert.

In der Tat, der Nutzer gewinnt an Bedeutung. Er gewinnt so weit an Bedeutung, dass der gesamte TV-Markt gerade einmal komplett umgewühlt wird. Sicher, es wird immer Unterschichten-TV geben, es wird auch die Tagesschau weiterhin geben, aber zwischen diesen beiden Polen wird es exreme Umwälzungen geben, die letztendlich darauf hinauslaufen, dass der Nutzer selber entscheidet, wann er was sehen will oder wann er wie berieselt werden mag. Aber das ist nicht mehr klassischer Rundfunk in der Ausprägung des 20. Jahrhunderts. Ich glaube, der Kernsatz des Artikels ist “Die Konvergenz der Technologien erfordert eine Konvergenz der Aufsicht”, denn ich werde das Gefühl nicht los, dass vor allem in der Regulierung das Mittel zum Umgang mit digitalen Medien gesucht wird. Mich dünkt, dass dies mit dem Internet etwas schwieriger werden könnte als mit TV-Sendern, die regional ausstrahlen dürfen, aber ich gehe davon aus, dass sozialdemokratische Bürokratiekompetenz dafür sorgen wird, dass hier geeignete Strukturen für was auch immer geschaffen werden.

Ich möchte aber ein wenig versöhnlich enden und einen weiteren Satz aus dem Artikel hervorheben: “Sozialdemokratische Medienpolitik muss Medienkompetenz deshalb stärker in den Mittelpunkt rücken.” Super Idee. Wann fangt ihr damit an? Bitte nachsprechen: “Rundfunk ist vorbei.” Nehmt es zur Kenntnis, erfreut Euch der Regularien und des Kompetenzchaos und macht dann mal die Augen auf und versucht zu realiseren, was digitale Medien wirklich bedeuten, was globale IP-basierte Vermittlung von Bildern, Filmen, Sprache und Musik wirklich bewirken wird. Da habt ihr dann eine Umwälzung vor Augen, die ihresgleichen sucht, die aber auch Antworten und Fragen braucht, die nicht im letzten Jahrtausend steckengeblieben sind!

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Eine Antwort auf „SPD und die Digitalisierung“

  1. … und das ist keine Satire? Nicht zu fassen. Ja, Rundfunk ist (bald irgendwann) tot – zumindest in der bekannten Form.

    Aber bis Bürokraten das verstehen, könnte Dieter Thomas Heck seine Karriere erneut komplett durchlaufen – und vielleicht noch Johannes Heesters ;o

    Gruß Guido

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