Gedanken im ICE Sprinter

Bahnfahren ist irgendwie skuril. Einige Züge sind menschenleer und angenehm, andere proppevoll, riechen nach dem Schweiß der Mitreisenden und sind erfüllt mit dem Gebrabbel der Kegelklubtanten auf großer Fahrt oder der Bundis beim x-ten Feierabendbier.

Heute sitze ich in einem ICE Sprinter von Hamburg nach Köln, Abfahrt um 6:12, also musste ich etwas früher als sonst aufstehen und habe auch die morgendliche Gartenarbeit erst einmal weggelassen. Der Schaffner kam schon vorbei, da waren wir kaum aus dem Bahnhof raus. Reservierung erforderlich sagte mir die Online-Reservierung, aber hier ist alles leer. Es ist so leer, dass der schüchterne Bahn-Azubi mit der großen Schüssel voller kleiner Mars, Snickers und so kaum Abnehmer findet, auch wenn er sie jedem persönlich anpreist. Jetzt scheint gerade die Sonne in Essen und ich bin sehr angetan von dieser Art zu reisen, ich habe eine Steckdose, Platz für das Laptop und meine Ohrstöpsel blenden die Umgebung aus. Ich glaube allerdings, dass dies ein eher einmaliger Glücksgriff war, denn schon auf der Rückfahrt heute abend, ja, kein Barcamp für mich, leider, wird es sicherlich wieder ordentlich voll sein. Aber, ich habe mir von Marco einiges abgeguckt, der mir Dienstag abend auf der Rückfahrt von Berlin vorgemacht hat, dass man lieber das MacBook Pro vollgepackt mit TV-Serien und Filmchen haben sollte, damit die abendliche Fahrt kurzweiliger wird. Das werde ich dann auch mal praktizieren.

Was auch interessant ist, wenn man so im ICE sitzt an seinem Laptop und gar nicht erst irgendwelche UMTS-Frickelei versucht – man ist irgendwie total offline, und das am Rechner. Eine eigenartige Erfahrung für jemanden, der eigentlich immer online ist, sei es im Büro oder unterwegs. Ich kann jetzt auch nur selbstreferentielles Geblogge machen, kann ja nirgendswo hinverlinken oder gar irgendetwas recherchieren. So, Duisburg, Sonne scheint noch immer, nett.

Aber wenn man mal so offline ist, dann bleibt auch mal Zeit und Ruhe für ein paar Gedanken zu dem, was einen in den letzten Tagen und Wochen so umtreibt.

Es geht natürlich um das Bloggen und um die Blogger. An sich. Aber eigentlich geht es darum, dass diese Begrifflichkeit ursprünglich einmal nett gewählt wurde, um etwas zu beschreiben, was sich gerade entwickelte und wofür man eine Begrifflichkeit irgendwie brauchte. Schon damals passte sie nur unzureichend, und das hat sich mit dem Wachsen der Blogosphären nicht wirklich verändert. Es gibt sie nicht, “die Blogger” – es gibt viele, viele Individualisten, kleinere Gruppen, grössere Gruppen, die zu ihren Themen bloggen, sei es als Linkschleuder, Tagebuchschreiber, Unsinnerzähler, Krawallheinis, Dickauftragerundsotuer oder gar als Journalist. Was sie mehr oder weniger vereint ist die Nutzung einer Blogsoftware, was mittlerweile auch nichts aufregendes mehr ist, wie beispielsweise die eher ausbleibende Resonanz bei der Veröffentlichung von MovableType 4.0 zeigt. Man schreibt etwas ins Internet hinein, soweit geht noch die Übereinstimmung unter den Bloggern. Andere, so wie ich, sehen in den Kommentaren den wichtigsten Faktor beim Bloggen, nämlich das Feedback, andere haben daran kein Interesse, wiederum andere richten sich nach Ranglisten, nutzen Tools, um ihre Inhalte zu verbreiten und checken täglich ihre Stats.

Kann es bei so einem bunt zusammengewürfelten Haufen so etwas wie eine Blogger-Solidarität geben? Wie soll man verfahren bei Abmahnungen, hilft da eine massive Welle der Entrüstung in den Blogs? Eine Solidarität unter Bloggern wird es per se nicht geben, denn nicht jeder hat dasselbe Verständnis vom Bloggen und nicht denselben Anspruch an das Bloggen und die damit verknüpften Möglichkeiten. Nicht jeder will die Welt verändern, den Journalismus revolutionieren oder ein besserer Mensch werden, sondern einfach nur seinen Freunden kurz was mitteilen, auch das geht. Ich glaube aber fest an die Solidarität unter vernünftigen Menschen, auch wenn das nicht die Gesamtheit der Blogosphäre darstellt. Anstatt dass jetzt alle ein “dagegen!” bloggen, halte ich es aber für smarter, wenn die geeigneten Leute das Thema aufgreifen, also vor allem die, die ordentliche Multiplikatoren darstellen und zudem das Thema auch noch angemessen wiedergeben können. Ich denke, dass es ein enormes Problem der deutschsprachigen Blogosphären darstellt, dass viele meinen, alleiniges Vervielfältigen von Inhalten führt zu interessanten Artikeln und mehr Lesern. Das Original ist immer nur ein Click entfernt, daher ist der Ruhm, etwas zu verlinken, nur von sehr kurzer Dauer. Eigene Gedanken und Ideen wäre interessanter. Mit Multiplikatoren meine ich damit dann auch eher die Blogs, die viele Leser haben und deren Inhalte dann wieder von anderen aufgegriffen und selber verarbeitet werden.

Es geht bei den Abmahnung auch weniger um das Bloggen an sich, sondern viel mehr um die generelle Frage, ob sich Deutschland mal eine vernünftige Gesetzgebung spendiert, die den Stand der Entwicklung des Internets laufend berücksichtigt oder wenigstens auf dem Stand von 2005 ist, oder ob wir weiterhin mit einer Gesetzgebung durch die Gegend humpeln, die an Rundfunk und Presse orientiert ist, mit Rahmenbedingungen wie Lizenzen, Medienanstalten, etc. – Abmahnungen gegen Blogger wegen eigenen Inhalten oder Kommentaren stellen oftmals nur eine eher perverse Auslegung der geltenden Gesetze dar. Daher geht mein Appell eher in die Richtung, mit den vielen auftretenden Fällen zu dokumentieren, wie absurd die Gesetzgebung in Deutschland im Jahre 2007 ist – und nicht wie bekloppt der Einzelne zu sein mag. Das hat auch und vor allem mit Aufklärung zu tun. Düsseldorf, Sonne scheint immer noch, winke Knüwer zu, der sieht mich nicht. In kaum einem Land westlicher Prägung ist das Internet so sehr als Hort der Spinner und der Kinderprostitution, der Abzocke und des Pöbelns verschrien wie in Deutschland. Die Nicht- oder wenn überhaupt abschätzige Beschäftigung mit dem Netz führt letztendlich dazu, dass die Rahmenbedingungen nicht gerade besser werden für eine anständige Netzkultur. Ich will jetzt hier keine Standort-Debatte anfangen, aber die derzeitige Abmahndiskussion zeigt recht ordentlich, wo die Probleme in Deutschland liegen. Das 21. Jahrhundert bedeutet für viele bislang die WM auf einer Breitbandglotze in guter Qualität, nicht aber das Begreifen des Internets als weltweite Basis der Kommunikation, mit all den Vor- und Nachteilen.

Ich bin gespannt auf die Wahl 2009. In dem Wahlkampf haben die Parteien die Chance, eine Generation an die Urnen zu bringen, die mit dem Netz aufgewachsen ist, oder sie erst einmal zu ignorieren. Die Ignoranz in Sachen Internet seitens der Parteien beginnt gerade Ausmasse anzunehmen, die die Grundannahmen unserer Demokratie ins Wanken bringen. Je mehr Leute kein Interesse am Politikbetrieb haben, je mehr Leute von der Politik nicht erreicht werden, je weniger ein Dialog stattfindet und je mehr die alten Mittel weiterhin verwendet werden und unter dem Motto viel hilft viel die Innenstädte zugekleistert und die TV-Werbung ausgestrahlt werden, desto mehr werden politische Entscheidungen an der Realität vorbeigehen. Wow, so einen Bogen muss man erst einmal spannen. Aber ich sehe wirklich, dass wir mit 2009 am Scheideweg stehen. Wir können weitermachen wie bisher, dann aber mit immer weniger Beteiligung derer, die eigentlich smart genug und motiviert genug sind, etwas bewegen zu können und wollen. Die Technokraten sind leider nicht die, die Spass an der Technologie haben und sie für alle nutzbar machen wollen, auch wenn der Name das suggerieren mag. Technokraten sind die gesichtslosen Verwalter, die in Ämter gekommen sind, weil die eigentlich interessierte Masse keinen Nerv mehr auf die Abläufe innerhalb des demokratischen Meinungsbildungsprozesses haben.

Gleich kommt Köln, ich packe mal zusammen. Kommentare?

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10 Antworten auf „Gedanken im ICE Sprinter“

  1. Das Problem ist die Einstellung der Legislative. Der Staat schützt sich immer mehr vor seinen Bürgern, anstatt den anderen Weg zu gehen, den Bürger vor einem Eingriff des Staates in sein Privatleben zu schützen. Das ist preussiches Gedankengut, das ja im Grunde immer absolutistisches war. Der Bürger hat ein funktionierendes Rad im Staatsgetriebe zu sein und muss sich den Vorgaben anpassen.

    Interessant finde ich aber in diesem Zusammenhang, wie sich die Musikindustrie in den letzten Jahren entwickelt. Die waren die ersten, die unter dem Netz gelitten haben und sind den Weg gegangen, den auch ein Staat gehen wird, der im Grunde auf absolutistischen Gedankengut aufbaut: man hat zu Repressalien gegriffen. Man hat alles ausprobiert, was geht, außer paramilitärischen Eingriffen, nur um am Ende festzustellen, dass man keinen Erfolg hat, weil die Masse der Bevölkerung einfach zu groß war, um mit Gewalt weiter zu kommen. Das könnte ein Beispiel dafür sein, was eine neue Form des \”zivilen Ungehorsams\” darstellt. Wenn genug Menschen gewisse Dinge einfach ignorieren, macht es irgendwann keinen Sinn, dagegen vorzugehen.
    Eine andere Möglichkeit wäre, dass es kluge Politiker gibt, die so eine Entwicklung antizipieren und der Meinung sind, dass Bürgerrechte wichtiger als Staats- oder Firmenrechte sind. Aber wo sollen die sein?

  2. wow, ich finde du solltest öfter ohne Strom in der Bahn sitzen.
    Ich bin, wie du weisst, selbst kein Blogger, aber ein aufmerksamer Leser vieler sogenannten A- und vielleicht auch B- bis Z-Blogs. Auf jeden Fall finde ich deine Sichtweise zum Thema Abmahnungen sehr klug und würde mir wünschen, dass sich mehrere Blogger dieser annehmen würden.
    Übrigens hättest du bei Duisburg auch mal winken können :-)

  3. (TheMaastrix.de –> TheMaastrix.net)

    Sehr viel Zustimmung. Ich habe vor ein paar Tagen einen Artikel in \”Multimedia und Recht\” überflogen (das ist eine Juristenzeitschrift, in der tatsächlich auch mal das Wort \”Long Tail zu finden ist). Dort ging es um die Haftung des Betreibers bei User Generated Content. Das bizarre Fazit der Autoren: Die Betreiber sollten besser gar nicht moderierend eingreifen, weil sie dann sofort den Schwarzen Peter haben. Selbst die geplante Kostengrenze für erstmalige Abmahnungen lässt Schlupflöcher für Profi-Abmahner offen (http://shorl.com/segraboprabistu). Insofern: Netzpolitik muss definitiv stärker auf die allgemeine, öffentliche politische Agenda.

  4. Das Problem ist im Prinzip recht einfach zu beschreiben und auch nicht neu: Solange diejenigen, die mit dieser Technik selbstverständlich arbeiten, sich mehrheitlich nur sporadisch an Politik beteiligen und auch nicht Mitglied einer Partei werden wollen, wird sich nicht viel ändern. Um in einer Partei (oder jeder beliebigen anderen Vereinigung!) etwas zu ändern, muss man von innen dran arbeiten. Nun bin ich genauso Sozialdemokrat wie Du und blogge genauso selbstverständlich (wenn auch vier Hausnummern kleiner) wie ich mit modernen Technologien seit jeher begeistert umgehe. Und das ist auch die Lösung: Das Verständnis von Internet und Co. und allen rechtlichen, moralischen und anderen Fragen in diesem Zusammenhang muss von Leuten wie uns in eine Partei wie die SPD hineingetragen werden. Vielleicht sehen wir uns ja am Rande des Bundesparteitages in Hamburg im Oktober ;)

  5. @Kai: Allein Mitglied in einer Partei zu sein – zumal einer der großen – reicht m.E.n. definitiv nicht aus. Wer es nicht schafft, über Ortsverein und Kreisverband in Führungsposition zu gelangen, der bestimmt auch leider keine Agenda (und kommt schon gar nicht als Delegierter auf einen Bundesparteitag). Vielmehr ist er mit dem Lernen der Methoden von Machtgewinn und Machterhalt vollauf beschäftigt. Nirgendwo sonst höre ich mehr Killerphrasen als in meiner Partei.

    Ich glaube, daß nur außerhalb der etablierten politischen Strukturen (aber innerhalb demokratischer Prozesse!) die gesellschaftliche Innovation die nötige Geschwindigkeit erreicht, die es braucht, der technischen Innovation zu folgen.

  6. @Bernhard: Du hast durchaus Recht mit Deiner Einschätzung, dass es ziemlich schwierig ist. Ich habe aber durchaus auch erlebt, dass man Druck auf die Gewählten ausüben kann und dass es zum Glück auch Politiker gibt, die an der Basis nicht nur zur Wahl auftauchen. All das ist natürlich auch zeitaufwendig, aber Politik ist eben das Bohren dicker Bretter (Weber) und nimmt mitunter Zeit in Anspruch.

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