Return of the Gedanken im Sprinter

Nico —  22.08.2007

Während ich gerade einen kurzen Stopp in Essen geniesse und dank der umfangreichen und lautstarken Kalenderplanung eines Mitreisenden nun auch schon länger wach bin, dachte ich mir, ich könnte die Gelegenheit nutzen und mal wieder etwas schreiben. Einfach so.

Manchmal habe ich ja das Gefühl, ich bin eine Art Wanderprediger, der durch die Lande zieht und jeden, der nicht bei 3 aufm Baum ist mit dem aktuellen Lieblingsthema vollnasselt bis er nicht mehr kann. Derzeit sind meine Lieblingsthemen Social Networks, Widgets und Fernsehen. Let me elaborate, wie man so schön sagt in unserer von Anglizismen geprägten Zeit.

Social Networks faszinieren mich, und das schon seit einiger Zeit. Als damals Friendster aufgepoppt ist, fand ich es total interessant, konnte aber nicht nachvollziehen, wieso. Dann kam OpenBC und plötzlich gab es für mich einen echten Nutzen in einem Social Network. Your mileage may vary, aber ich finde es ungeheuer praktisch, dass ich Kontaktschlunsch auf einmal alle meine Kontakte beisammenhalten kann und noch dazu sehen kann, wer wen kennt, Leute einander vorstellen kann und so weiter und so fort. Aber reicht das? One Network to rule them all? Ich finde nein, und ich nutze daher mehrere irgendwie miteinander verknüpfte Social Networks, denn irgendwie hat heute jedes Portal, das etwas auf sich hält irgendwelche Features, die das Einladen von Freunden vorsehen und die eine gewisse Interaktion mit den Freunden zulassen. Nun sind meine Kontakte bei Xing nicht deckungsgleich mit denen von Twitter oder Facebook, und das ist auch gut so. Aber wieviele Social Networks kann man nutzen, ohne dass man a) schizophrener wird und b) man ständig Leute mit Einlademails nervt? Wo ist die Grenze nach oben und unten bei der Nutzerzahl, wann wird es unübersichtlich, wann fühlt man sich einsam? Ist Myspace zu gross und braucht jetzt jeder Karniggelzüchterverein sein eigenes Ning-basiertes Social Network in nur 3 Klicks? Ich bin derzeit speziell von Facebook angetan, weil es eine gute Balance darstellt zwischen irgendwelchem Quatsch wie Foodfight oder Zombies und sinnvollen Integrationen von anderen Anwendungen sowie praktische Infos über das, was mein persönliches Netzwerk umtreibt. Die Idee der Plattform F8 ist genial, weil Facebook damit das Schaffen neuer Features in die Hände der Community gibt und sich auf die Core-Features konzentrieren kann. Die große, bislang ungeklärte Frage ist allerdings, wie man damit umgeht, dass man in verschiedenen Netzwerken zuhause ist und wie dafür gesorgt wird, dass man seine Daten mitnehmen kann, oder ein einziges Login für verschiedenste Netzwerk haben kann und so weiter und so fort. Da liegt es leider in der Natur der Sache, dass kleinere Dienste sich gerne öffnen wollen, weil sie sich davon Wachstum versprechen und größere Netzwerke lieber ihre Daten zusammenhalten. Duisburg. Generell stelle ich allerdings fest, dass das Thema Social Networks in Deutschland noch nicht so richtig angekommen ist. Das mag ein Stück weit daran liegen, dass Schule und Universität hier anders organisiert sind und der Gruppenzwang nicht ganz so ausgeprägt ist, aber eben auch mit der weitverbreiteten Skepsis gegenüber neuen Sachen zu tun haben. MySpace kennt man mittlerweile, wundert sich, was das soll, aber die Zuwachsraten von Facebook werden nicht zur Kenntnis genommen, wenn, dann werden die Skandale rund um StudiVZ thematisiert. Das ist schade, denn schon jetzt finden sich viele interessante Leute in sozialen Netzwerken zusammen, auch wenn nicht so sichtbar auf Papier wie man es von Pressemitteilungen lokaler Vereine und ihren Veranstaltungshinweisen kennt. Wird sich in Deutschland auch wieder ein soziales Netzwerk mit einer Quasi-Monopolstellung etablieren, wie man es von Suche und Marktplatz bereits kennt?

Widgets finde ich sensationell. Sie sind super einfach einzubinden, erlauben dem User, selber zu entscheiden, was er seinen Lesern an Inhalten anbietet und bieten zudem immer häufiger Monetarisierugsoptionen, also beispielsweise Erlöse aus einem Abverkauf oder die Beteiligung an Werbe-Einnahmen. Düsseldorf. Widgets sind ein Beispiel dafür, dass sich das herkömmliche Sender-Empfänger-Modell in Auflösung befindet. Wenn die User nicht zu mir kommen, dann muss ich zu Ihnen kommen, was wie eine Drohung aussieht, ist letztendlich ein Angebot, das man nutzen kann. Wieviel Sogwirkung kann eine Website haben im Getümmel des WWW im Jahre 2007? Mit klassischer Bannerwerbung im Sinne von viel hilft viel kann man zwar etwas erreichen, aber Widgets sind in der Regel näher an der Zielgrupppe platziert und erreichen die Leser in einem Umfeld, das sie selber ausgesucht haben, beispielsweise das Blog von Freunden oder ein Profil im eigenen sozialen Netzwerk. Die dabei entstehende Reichweite kann riesig werden, wie die Zahlen von Mitte des Jahres aus den USA gezeigt hatten, wobei das Widget zum NCAA-Tournament sicherlich der herausragende Erfolg des Frühjahrs war. Gibt es ein Kicker-Bundesliga-Widget? Ein HSV-Widget? Nein, wir sind in Deutschland, da hält man sich lieber zurück und lässt sich dann in 2008 von amerikanischen Firmen teure WIdgettechnologie verkaufen, anstatt es lieber selber zu machen. Die Distribution von Inhalten über Widgets hat aber einen ganz wunderbaren Nebeneffekt: sie kann viral funktionieren und sie ist auf alle Fälle als Empfehlung einer Person aus der eigenen Peergroup zu sehen, was Widgets extrem von herkömmlicher Werbung unterscheidet. Da geht noch was, mal ganz ehrlich.

Während Köln immer näher kommt, wie passend, mein Lieblingsthema Fernsehen. Fernsehen wie wir es jetzt kennen ist tot, die Betreiber wollen es nur nicht zugeben. Ein Vollprogramm ist absurd, produziert Unmengen an Kosten und wird nur noch von Teilen der Bevölkerung geguckt. Bildungsauftrag und öffentlich-rechtlicher Anspruch hin oder her, diejenigen, die das Fernsehen als Informationsquelle und zur halbwegs intelligenten Unterhaltung nutzen wollen, werden sich ihr Programm selber zusammenstellen. Rundfunk ist tot. Echt. Frei empfangbares Fernsehen wird Unterschichten-TV sein, mit Ramschshopping und Dauerwiederholungsdokus über das längste Schiff der Welt, die höchste Brücke und den Transport eines U-Boots über Land inkl. Augenzeugenberichten vom Abmontieren einiger Schilder. Alle anderen werden sich die Inhalte selber zusammenstellen, die Settop-Boxen wird es geben, das ist nun wirklich sicher. Köln-Stammheim. Damit gibt es in Deutschland ein Problem: was macht man mit den Lizenzen, mit den Landesmedienanstalten und der ganzen beigeordneten Bürokratie? Fritz Rapp forderte jüngst ein Lizenzverfahren für Verlage, die im Netz Inhalte per Video distribuieren. Willkommen im Mindset der ARD. Letztendlich muss hier der Gesetzgeber endlich mal verstehen, dass der Rundfunk germanischer Prägung nicht mehr zeitgemäss ist und zur Wahrung seiner eigentlichen Aufgaben dringendst total verändert werden muss. Köln-Mülheim, muss schneller tippen. Ansonsten wird Rundfunk bald ein Nischendasein fristen und im Web nicht wahrgenommen werden. Dabei rede ich nicht davon, dass wir uns alle unsere Inhalte selber machen, sondern davon, dass wir sie uns selber zusammenstellen oder zusammenstellen lassen und das gucken, was wir wollen wann wir es wollen. Cologne Mainstation, sänk yu for trawelink wis deutsche bahn.

Schalten Sie wieder ein wenn es darum geht, welche disruptive Eleganz Social Networks, Widgets und bewegte Bilder gemeinsam entfalten können.

4 responses to Return of the Gedanken im Sprinter

  1. Ein (befangenes — mein Arbeitgeber) Wort zur Stelle, wo es um Fritz Raff geht (Rapp ist diese neue Sprechmusik aus den Staaten). Die Frage, ob denn die Verleger im Internet lizenzpflichtiges Fernsehen machen, steht im Kontext der Vorwürfe von Verlegerverbandsseite, der ör-Rundfunk würde im Internet Zeitung machen (Internet ist ja quasi nur eine Zeitung zum Ausdrucken).

    Auf diese Debatte /kann/ man sich einlassen, man kann sich zum Thema \“Mindset\“ aber auch einfach anschauen, was es an Podcasts und On-Demand-Angeboten schon gibt und welche in diesem Jahr dazukommen. Und auch gerne praktische Forderungen stellen, also sagen, was unbedingt auch ins Netz sollte!

  2. Zum Fernsehen:
    Ich hatte gestern Roger Schawinskis Beitrag in Zeit Leben gelesen über das Scheitern einer von Fernsehmachern und Kritikern hochgelobten Serie, Blackout.

    Gescheitert ist sie daran, dass sie einfach zu gut gemacht war und somit absolut nicht massentauglich war. Im Artikel kommt ganz gut raus, dass die Masse nicht besonders anspruchsvolles TV braucht. Im Moment wird dieses Verlangen ja auch brauchbar über (fast) alle Kanäle befriedigt.
    Von daher teile ich deine Meinung, dass gebildete Menschen sich immer weiter weg bewegen vom normalo TV. Was ich nicht unterschreiben würde, ist dass eine \“Unterschicht\“ am Ferneher hängenbleibt. Ich denke vielmehr das es weitaus mehr Menschen gibt die nicht besonders gebildet sind, und dem heutigen TV-Angebot treu bleiben werden.
    Die wenigsten Zuschauer sind doch im Endeffekt in der Lage dem regulären TV den Rücken zu kehren und zu Entscheiden was sie wirklich sehen wollen.

    Um mit Helmut Thomas Leitspruch zu enden: \“Der Köder muss dem Fisch schmecken, nicht dem Angler\“.

  3. Aufgabe? Rundfunk? Es wird Zeit, dass endlich der Irrweg \“dienende Freiheit\“ aus den Sechzigern gekippt wird und die Rundfunkfreiheit analog zur Pressefreiheit verstanden wird. Dann ist auch das ganze Bla mit der Grundversorgung oder gar Verfassungsauftrag vom Tisch und der Weg für neues. Meiner Ansicht nach sollte man ARD/ZDF verbieten jetzt schon Restlaufzeit Ihres alten Modells auf das Internet zu übertragen. Die haben im Netz nichts verloren und unabhängig waren Sie nie. Ich finde das Thesen-Papier von http://www.cdu-basis.de sehr hilfreich, das ist aber viel zu vernünftig.