ICEige Gedanken

Die eigentlich kurze Fahrt zwischen Hamburg und Berlin wurde wegen spielender Kinder im Gleisbett irgendwo im Hamburger Randgebiet um 35 Minuten verlängert, daher gab es netterweise ein kostenloses Erfrischungsgetränk am Platz. Noch besser wäre WLAN gewesen, aber man kann nicht alles haben, zwischen Hamburg und Berlin funktioniert noch nicht mal Mobiltelefonie ordentlich. So nutze ich mal die Zeit, um mir ein paar vielleicht etwas längere Gedanken zu einigen Themen zu machen.
Derzeit grassiert ein schleppender Elchwahn, da Aka-Aki seine Beta-Pforten geöffnet hat und nun das fröhliche Einladungsspielchen wieder von Vorne beginnt. Ich habe mir abgewöhnt, diese Wellen mitzumachen, schon bei Pownce konnte ich den Sinn nicht mehr für mich entdecken. Aka-Aki ist sicherlich interessant, aber wenn ich mobil messagen will, dann nehme ich Mabber, denn in der Regel interessiert mich nicht, wer von den anwesenden Leuten in meiner Nähe gerade per Bluetooth ein Profil bereithält. Eigentlich nehme ich derzeit nur noch Facebook-Requests an, da dort die Barriere für neue Dienste extrem abgesenkt wurde. Jochen Krisch wies letztens darauf hin, dass bspw. die Shoppero-App bereits für das simple Anzeigen eines Reviews direkt hinzugefügt werden müsse, was er nicht elegant fand. Ich sehe das natürlich anders. Wenn innerhalb von Facebook ein Dienst funktionieren soll, dann kann nicht die Interaktion mit dem User ausserhalb von Facebook funktionieren, sondern muss innerhalb stattfinden. Dafür genügt ein Knopfdruck und schon kann man alles nutzen – und als User hat man den wunderbaren Vorteil, dass man sofort sehen kann, wer vom eigenen Freundeskreis bereits dabei ist und man bei Bedarf einfach Leute einladen kann. Der Nervfaktor ist dabei IMHO um einiges geringer als wenn man sich überall wieder komplett von Vorne registrieren muss. Indem Facebook ein umfangreiches Featureset bereitsstellt, wird nicht nur das Embedden von Diensten ermöglicht, sondern eben vor allem die soziale Komponente direkt bedient.

Womit wir beim Stichwort “sozial ist, was Arbeit schafft” wären und ich sicherlich einige Dellinger-Punkte für die Überleitung kassieren dürfte. Jens Kunath hat heute seinen neuen Web 2.0 Vermarkter Ad 2.0 vorgestellt und daraufhin stellte sich natürlich auch wieder die Frage, ob alles monetarisiert werden müsse und ob Web 2.0 nicht einfach nur eine gigantische Datensammlungsmaschinerie sei, mit dem Ziel, den gläsernden User werbetechnisch zu melken. Völlig überraschend sehe ich das nicht so. Ich finde nichts schlimmeres als breitgestreute Werbung, die meine Aufmerksamkeit erheischen will, aber mich absolut null interessiert. Ich als User bin daran interessiert, dass die Werbung zumindest halbwegs zu mir und meinen Interessen passt. Ich lasse mich nicht einfach von Inhalten berieseln, sondern wähle weitesgehend selber aus, was mich interessiert, und da erwarte ich natürlich auch von der Werbung, das sie zu mir passt. Warum Werbung? Weil die User ungern für Web-Angebote bezahlen. Das ist nichts Neues, auch im Web 2.0 nicht. Da aber die meisten neuen Dienste auch irgendwie Gehälter bezahlen wollen, müssen Erlöskanäle her, man spricht üblicherweise von der Monetarisierung. Soziale Netzwerke eignen sich in der Theorie ganz wunderbar für die Vermarktung, auch wenn dies noch sehr in den Kinderschuhen steckt. Was gerade bei Facebook entsteht, ist taktgebend für die Branche. Dort hat man jetzt schon die Möglichkeit, direkt seine Zielgruppen anszusprechen und die Streuverluste zu minimieren. Auch dort sind die Formate noch nicht klar und nicht alles funktioniert, denn wie immer bewegt sich Werbung auf dem schmalen Grad zwischen nervig und passend. Aber, es ist einiges in Bewegung derzeit und die klassische Online-Werbung rund um Fullbanner und Skyscraper wird um neue Komponenten erweitert werden, so viel ist klar. Der Weg allerdings ist noch nicht beschritten, daher sehe ich in der Vermarktung des Web 2.0 eines der noch vor uns liegenden Kern-Themen.

Interessieren würde mich zudem, wann sich StuviVZ und XING öffnen und die Kern-Elemente von Facebooks Plattform F8 ebenfalls anbieten. F8 wird die Grundlage für wachsende Social Networks sein, da bin ich mir sicher. Sicher bin ich mir immer noch nicht, wieviele verschiedene Netzwerke man “braucht”, bzw. wie weit herunter man die Zielgruppe eines sozialen Netzwerkes deklinieren kann. Studis? Hundebesitzer? Karnickelzüchter? Politische Parteien?

Womit ich wieder bei meinem Lieblings-Rant-Thema wäre. Die politische Partei und der Politiker an sich sehen das Netz immer noch als Bedrohung, nicht als Chance. Das wird sich in Deutschland nicht ändern. Das Netz hat keine Lobby, denn es fehlt eine wirkliche wirtschaftliche Netz-Elite in Deutschland, eine wirkliche Industrie, die Rahmen setzt, Entwicklungen vorantreibt und die Öffentlichkeit sucht. Bis auf wenige Ausnahmen gibt es in Deutschland kaum Global Player des Netzes, man bleibt unter sich und Internationalisierung bedeutet DACH. Exportweltmeister hin oder her, das beschränkt sich auf nicht-virtuelle Güter und dementsprechend schwach ist das Standing der Internet-Firmen in Deutschland. Die Rahmenbedingungen werden dadurch sicherlich nicht verbessert und bei der aktuellen politischen Diskussion über Bundestrojaner, Vorratsdatenspeicherung sowie Bewegtbild im Netz möchte man sich vor lauter Grausen über so viel hirnverbrannte Idiotie einfach nur abwenden.

Spandau. Hab Schwiegermutter angerufen, wenn ich da schon mal halte.

Ich frage mich ganz ernsthaft, was man machen muss, oder was passieren muss, bis in Deutschland das Thema Internet endlich den Stellenwert bekommt, den es verdient. So, Berlin Hauptbahnhof (tief) naht, ich muss weg.

Bernd Begemann live on Stage

Beim Alstervergnügen zur grossen Freude unser mittanzenden Kinder. Danach gab es Popcorn.

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