24. Januar 2008

Bloggen 2008 – ein polemisches Resumé

Irgendwann im Jahr 2002 habe ich festgestellt, dass es Blogs gibt, Ende 2002 die ersten Gehversuche gemacht, nicht gewusst, was ich schreiben könnte und dann im Frühjahr 2003 losgelegt mit meinem Blog. Damals war die Blogosphäre klein, man konnte locker an einem Tag alle Blogs lesen, jedenfalls gab es Dienste, die das ermöglichten und das wurde auch genutzt. Blogger waren unter sich, kommentierten hin und her, verlinkten was das Zeug hielt und wurden weitesgehend belächelt. Die Frage nach der Relevanz der Blogs an sich wurde oft gestellt, und als Antwort wurde gerne auf das Wachstum verwiesen, das Argument war geprägt von Qualität durch Quantität. Die Professionalierung war nur eine Frage der Zeit.

5 Jahre später haben wir deutlich mehr Quantität, wenn auch immer noch winzige absolute Zahlen im Vergleich mit anderen Ländern, aber das mit der professionellen Qualität lässt immer noch auf sich warten. Wir haben einen Haufen guter Journalisten, die bloggen fast ausschliesslich über Medien, wir haben viele Corporate Blogs, die bloggen nur über sich selber, wir haben viele Berater, die tagtäglich zeigen müssen, wie toll sie sind und wir haben eine Handvoll Blogger, die mit ihrem Schreiben Geld verdienen und vor allem darauf achten, dass der tägliche Output stimmt und viele gute Keywords vorkommen sowie tolle Pressemitteilungen oder Infohappen von Heise.de umgeschrieben werden. Wir haben Unmengen an Literaturversuchsbaustellen auf Schülerzeitungsniveau mit dem immer gleichen Spannungsbogen der Geschichte und wir haben einige sprachlich ausdrucksstarke Schreiber, die erstmal gegen Alles sind, weil es am einfachsten ist. Was wir in den 5 Jahren immer noch nicht erreicht haben, ist eine Strahlkraft des Geschriebenen über den eigenen Mief hinaus. Wer mit wem gegen wen was bloggt und wieso, das interessiert keine Sau. Es interessiert eine fundierte Meinung, ein Diskurs über die Grenzen eines Weblogs hinweg. Es interessieren keine Awards, keine Kommentarhighscores, keine Rankings, es mangelt nachwievor an Professionalität und an Relevanz, insbesondere bei den sich selbst exponierenden Bloggern mit professionellem Anspruch. Da kann man sich einen Wolf bloggen, es ist schlichtweg egal, die Meinungsführerschaft wird woanders definiert, recherchiert wird eh seltenst in Blogs. Aber es mangelt weiterhin an Persönlichkeiten, die etwas zu sagen haben und dies auch tun, und zwar mit ihrem Weblog und die sich einen Namen machen über die knappen Grenzen der Blogosphäre hinaus, die für Aufmerksamkeit sorgen wegen Inhalte und nicht wegen anderer Attribute.

Blogs haben in Deutschland keine gesellschaftliche Relevanz. Das beanspruchen viele auch gar nicht für sich, aber es lässt tief blicken, dass ausser einer Handvoll PR-Kriselchen, die durch Blogs entstanden sind, wenig Substantielles aus den vielen geschriebenen Artikeln aus der Blogosphäre in andere Teile der Gesellschaft diffundiert. Es darf jeder gerne so amateurhaft sein wie er will und bloggen über das, was ihn interessiert, aber diejenigen, die einen professionellen Anspruch haben, sollten sich einmal Gedanken machen, warum sie und ihr Geschreibe so irrelevant sind. Die Mechanismen hinter den Blogs können zu einer immensen Aufmerksamkeit führen, aber sie werden in Deutschland nicht genutzt. Es sollte mehr gehen als das Umformulieren von Pressemeldungen oder die Beschäftigung mit Gadgets. Die Macht der Blogs, unabhängig von den bestehenden Publikationsstrukturen Inhalte an die Leser zu bringen, versiegt aufgrund der fröhlich grassierenden Verflachung der Inhalte. Wenn hinzu noch eine unterentwickelte und eher aufs zerstören angelegte Diskussionskultur, die vor allem die Faktoren Neid, Missgunst und persönliche Verunglimpfungen in die Debatte einbringt, dann wird weiterhin die digitale Revolution der Distribution der Inhalte in Deutschland auf sich warten und journalistische Schnarchnasen werden als Maß aller Dinge angesehen.

Wo ist eigentlich die hungrige Generation junger Journalisten, die etwas zu sagen hat und sich einen Namen erschreiben will? Blogs haben enormes Potential einen Diskurs anzuschieben, aber man kann es auch so machen wie in Deutschland und einfach das Potential ungenutzt vor sich liegen lassen. Dann kann man sich auch weiterhin über den Zustand in Staat und Gesellschaft beklagen, da geht einem wenigstens kein Thema aus.

So viel zum Thema Bloggen 2008, es war kein gutes Jahr, rückblickend im Vorgriff auf die Entwicklung.

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In der Tat schwierig. Aber ich sehe hier zu viel Kritik an den Bloggern. Einiges mag berechtigt sein. Aber nicht alles.

Wenn wir den Blick mal von ihnen abwenden und in die Gesellschaft und ihre Institutionen richten: Warum wacht dort niemand auf? Die vielen Blogs auf "Schu00c3u00bclerzeitungs-Niveau" ku00c3u00b6nnen doch kein Hinderungsgrund etwa fu00c3u00bcr die Bildungselite sein, selber damit anzufangen und einen zeitgemu00c3u00a4u00c3u009fen Diskurs auf entsprechendem Niveau zu fu00c3u00bchren?

@besim: das genau ist es, was ich hier http://www.netzfischer.eu/2008/01/26/blogger-ubers... ausdru00c3u00bccken wollte. Nicos Sorge um die mangelnde Relevanz und das "Bloggen nur fu00c3u00bcr Blogger" mag ja in der Sache richtig sein. Aber die Ursache (und damit die Abhilfe) liegt woanders und diese Problemlage hat Besim zutreffend beschrieben. Also nicht "Bloggen 2008 - ein polemisches Resumu00c3u00a9", sondern "Mediennutzung 2008 - ein Trauerspiel".

Tja, so ist es halt. Blogs sind halt auch eben nur Subsphu00c3u00a4ren in der Online-Welt, ebenso wie es die MySpace-Flu00c3u00a4chen sind, StudiVZ und was weiu00c3u009f ich noch alles. Zugegeben, gute Blogs sind eine Kunstform, die nicht jeden erreicht. Da es aber genu00c3u00bcgend Menschen gibt, die nach wie vor den ganzen Tag Sat1 schauen und dabei nicht merken, dass da nicht eine einzige Nachrichtensendung darunter ist, ist das kein direktes Problem der Blogosphu00c3u00a4re. Ob wir das geregelt bekommen, wenn zum Beispiel Joachim Bublath ab sofort bloggen wu00c3u00bcrde, bezweifle ich.

Wir ku00c3u00b6nnen niemand dazu zwingen, sich Verstand anzueignen oder seine Birne einzuschalten.

naja, es ging mir darum, dass die leserschaft nachwievor u00c3u00bcberwiegend aus bloggern selber besteht.

Der Leser findet seinen Content. *Wenn* er ihn denn finden will.

Die Blogosphu00c3u00a4re ist ein gutes Beispiel fu00c3u00bcr demokratische Verhu00c3u00a4ltnisse. Niemand wird zum Lesen gezwungen, es gibt bei den wenigsten Blogs einen Gruppendruck, diese lesen zu mu00c3u00bcssen, um bei den Kollegen up-to-date zu sein.

Der Rest sind Eitelkeiten.

Mir scheint, als hu00c3u00a4tte sich deiner Meinung nach in den letzten 6 Monaten nix geu00c3u00a4ndert. Ich halte es eher wie Marcel, da geht noch einiges, sehe dem ganzen seit meiner "Neuausrichtung" jedoch um einiges gelassener ins Gesicht. In Deutschland braucht man scheinbar erst den Anlass - die Mu00c3u00b6glichkeit allein reicht nicht.

Der beschriebene Zustand -der mich auch deprimiert- mag noch so sein. Aber ich glaube, dass es sich langsam (sehr langsam) gerade u00c3u00a4ndert. Es gibt eine Menge gute neue Blogs, die entgegen den meisten grou00c3u009fen dt. Blogs, nicht mehr den Autor sondern den Leser an die erste Stelle setzen.
Beispielsweise: spiegelfechter, zweinull.cc, karierebibel, stylespion, upload-magazin usw. etc etc (die Blogs, bei denen ich mitmach, lass ich mal raus ;))
Auffu00c3u00a4llig ist, dass alle diese Blogs mehr oder weniger erst rund ein Jahr alt sind.
Ich denke also schon, dass es hier erste Ansu00c3u00a4tze gibt, die wachsen aber noch.

Es liegt an der Natur des Mediums dass 99,9% alle Blogs fu00c3u00bcr das Gesellschaft allgemein irrelevant sind. Ein Blog ist an sich ein Person der an eine Strasseneck steht und schreit was er fu00c3u00bcr wichtig hu00c3u00a4lt. Es ist unwahrscheinlich dass der Bu00c3u00bcrgermeister der Typ jemals sieht, noch weniger wahrscheinlich dass der Schreierei ihn jemals was bedeuten wird. Aber ein Typ der nach Feierabend vorbei geht, und was interessantes hu00c3u00b6rt - er kommt vielleicht noch mal vorbei, will's hu00c3u00b6ren, lernt was, usw. Blogs sind mehr mals 1 zu 1.

Ich glaube auch einfach dass Info & Entertainment Online konsumieren noch nicht so weit ist wie wir selbst-zufriendene Internet Heinis es uns wu00c3u00bcnschen und tru00c3u00a4umen, besonders nicht in Deutschland. Wir schreiben u00c3u00bcber uns selbst fu00c3u00bcr Leute die u00c3u00bcber sich selbst lesen wollen. Das wird sich aber u00c3u00a4ndern.

Und was die "hungrige Generation junger Journalisten" angeht: wenn du dazu gehu00c3u00b6ren wu00c3u00bcrdest, hu00c3u00a4ttest du lieber ein Titelblatt Geschichte in der FAZ oder ein Blog mit 5.000 Leser?

chapeau!

den Artikel hu00c3u00a4tt ich hier nicht erwartet, aber passt.

ok, ich mache mir sorgen, wenn chris und ich einer meinung sind.

@besim: ja, aber die leser wollen nicht immer danach suchen mu00c3u00bcssen

Na, Nico, nicht mal langsam Zeit fu00c3u00bcr einen Urlaub? ;-)

Du hast einen Satz geschrieben, der eigentlich alles andere u00c3u00bcberflu00c3u00bcssig macht: "Es darf jeder gerne so amateurhaft sein wie er will und bloggen u00c3u00bcber das, was ihn interessiert, aber diejenigen, die einen professionellen Anspruch haben, sollten sich einmal Gedanken machen, warum sie und ihr Geschreibe so irrelevant sind."

That's it. Was interessiert mich, was in der Blogosphu00c3u00a4re gerade krumm liegt? Was interessiert mich, was andere Leute von meinem Blog halten? Was interessiert mich, was andere Leute von mir halten, die mich rein u00c3u00bcber meine Online-Identitu00c3u00a4t identifizieren? (Genu00c3u00bcgend Leute identifizieren mich hier u00c3u00bcbrigens als einen Tu00c3u00bcrken, als einen Auslu00c3u00a4nder, der irgendwas schreibt, obwohl ich noch nicht mal Tu00c3u00bcrke bin.)

Sprich: Setze an eine Gruppe keine Anspru00c3u00bcche, die *du* nicht selbst auch erfu00c3u00bcllen wolltest. Das Gute fu00c3u00a4ngt immer bei der eigenen Tat an. Wenn du der Meinung bist, dass das Gute fu00c3u00bcr dich das Schreiben nach dem aktuellen Tagesklima ist, dann ist das gut. Wenn nicht, ist das auch nicht schlimm. Und wenn jemand mit Mist im Internet Geld verdient, dann sei es ihm so lange gegu00c3u00b6nnt, wie er mich nicht dazu zwingt, das anschauen zu mu00c3u00bcssen.

Guter Content findet seine Leser. War vor zehn Jahren so. Ist auch heute so.

Hm Nico, dass ich von Dir mal was unterschreiben kann... ;-)

*unterschreib*

Also, dieses Blog http://uswahl2008.de/ halte ich fu00c3u00bcr gut. Ist ein Herr vom Handelsblatt.