16. März 2008

SPD und das Umfragetief an sich

Wenn man derzeit die deutschen Blätter liest, dann wird man das Gefühl nicht los, dass die SPD angeblich kurz vorm implodieren ist. Das ist natürlich totaler Quatsch. Aber hilft sicherlich ziemlich, wenn man ein Thema sucht, über das man schreiben kann. Sicher, die Parteiführung mit Kurt Beck an der Spitze hat in den letzten Wochen nicht so sehr glänzen können wie man das von ihr erwartet, aber es ist nicht hilfreich für eine Diskussion, wenn man den Lesern immer suggeriert, dass eine Partei so funktioniert, dass einer was sagt und alle anderen das brav befolgen. Eine Partei lebt von Diskussionen. Von Standpunkten. Aber auch von veränderten Standpunkten nach einer Diskussionen. Viele Diskussionen sind Partei-öffentlich, und damit de facto komplett öffentlich geführt worden. Die SPD ist sicherlich reich an Standpunkten, die gerne kontrovers diskutiert werden, es gibt Flügel, Kreise und sonstige Kollaborationen. Das wird in den Medien gerne bemängelt, für mich ist es aber das Salz in der Suppe bei der SPD. Ich will zustimmen können, aber ich will mich auch reiben können. Glaubt mir, das geht als Mitglied noch besser als einfach so als interessierter Bürger. Das ist ähnlich wie Fußballfan, es sei denn, man ist opportnistisch und Bayernfan, weil die immer gewinnen, ausser in Cottbuss. Das kann jeder, aber Politik bringt erst dann Spass, wenn Leben in der Bude ist.

Die SPD hat einige Aufgaben vor sich, die sie langsam aber sicher anpackt, denn es gehört zu ihrem Selbstverständnis, sich immer wieder den neuen Herausforderungen zu stellen, den einen etwas früher, den anderen etwas später. Eine der großen Themen der letzten Jahre war sicherlich die Agenda 2010, das war ein riesiger Schritt für diese Partei und es war ein Schritt, wie sie nur die SPD ihn machen konnte, auch gerade weil die Agenda 2010 größtenteils das eigene Klientel betrifft. Ich finde, dass die SPD diesen Schritt ziemlich gut gemeistert hat, und es ist durchaus sinnvoll, nach diesem Einschnitt nun auch wieder soziale Themen zu betonen. Es muss natürlich die Mitte der Gesellschaft angesprochen werden, nur dort sind die Mehrheiten zu finden. Aber, bei einer immer kleiner werdenden Mittelschicht und einer weiteren Spreizung der Schere zwischen arm und reich, sind gerade die sozialen Themen immer mehr Themen der Mitte der Gesellschaft.

Eine weitere große Aufgabe für die SPD ist derzeit, mit ihrer Rolle in einem 5-Parteien-System klar zu kommen. Hier reagiert die SPD derzeit nur, anstatt selber zu definieren, wie das 5-Parteien-System funktionieren kann. Irgendwelche Dogmen helfen da nicht weiter, zumal sie von Union und FDP der SPD der SPD aufgehalst werden. Die Diskussion um die Linkspartei ist die Fortführung der uralten SPD-Diskussion vom Umgang mit Parteien links von ihr. Beck hob letztes Jahr den alten Grundsatz, dass die Länder entscheiden, mit wem sie koalieren wollen, völlig unnötig auf und kehrte kürzlich dorthin zurück. Was für ein Eiertanz, der niemandem geholfen hat, ausser Union und FDP. Heute nun war zu lesen, dass eine Zusammenarbeit mit der Linkspartei nur in Ländern erfolgen solle, in denen keine Kommunisten auf der Landesliste der Linken stehen. Das ist natürlich totaler Stuss. Ein Landeslistenkommunist führt nun nicht gleich zum Ende der Demokratie, es gibt Parlamente und Debatten, und dort kann man dann die thematische Auseinandersetzung suchen. Überhaupt, die SPD sollte dafür sorgen, dass die Linke thematisch bekämpft wird, aber als möglicher Koalitionspartner sozialisiert wird. Eine große Koalition oder eine Jamaika-Koalition auf Bundesebene kann nicht im Interesse der SPD sein, also muss sie selber flexibler werden.

Das Schöne an diesen Umfragen ist ja, dass sie, wenn überhaupt, nur Momentaufnahmen sind, aber eben nicht entscheidend sind. Man sollte sich vor allem von ihnen nicht verrückt machen oder gar beeinflussen lassen. Der Wahlkampf 2009 steht bevor, bis zum Herbst sollten also die Diskussionen um die Linkspartei geführt worden sein, damit man dann mit breiter Brust in den Wahlkampf ziehen kann. Es gilt, die CDU mit eigenen Konzepten und einem Entwurf einer modernen Gesellschaft vor sich herzutreiben. Koalitionen sollte man danach immer noch finden können, anhand von Themen und nicht anhand von Dogmen. Nachdem Sommer werden die Umfragen wieder anders aussehen und die SPD wird auf die steigende Akzeptanz ihrer Politik in der Bevölkerung hinweisen, auch dafür sind dann Umfragen gut, ist eben alles Auslegungssache.

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Sagen wir mal so: Das Selbstverstu00c3u00a4ndnis, dass das Fu00c3u00bchrungspersonal derzeit an den Tag legt, ist eine Mischung aus Schlagerparade und Wegschauen. Anders kann ich es mir nicht erklu00c3u00a4ren, wie es die Fu00c3u00bchrungsspitze wirklich damit hu00c3u00a4lt, das Thema Linkspartei einfach damit zu erledigen, in dem man von der "so genannten" Linkspartei redet und weiterhin verkrampft glaubt, dass es problemlos geht, einfach zwischen zwei Linkspartei-SPD-Verhu00c3u00a4ltnissen zu unterscheiden, einmal fu00c3u00bcr Deutschland-Ost und einmal fu00c3u00bcr Deutschland-West.

Die Zeche fu00c3u00bcr die Fu00c3u00bchrungsnullnummern zahlen mal wieder die Gliederungen ganz unten, die das ihren Mitgliedern und Wu00c3u00a4hlern verkaufen du00c3u00bcrfen. Da wu00c3u00bcnsche ich mir als OV-Vorsitzender schon durchaus mal, dass die Genossen ganz oben vorher miteinander mal reden, bevor sie Dinge in die Notizblu00c3u00b6cke von Journalisten diktieren.
Aus der Warte betrachtet glaube ich deshalb schon, dass der aktuell angerichtete Schaden durchaus nachhaltig bis zur nu00c3u00a4chsten BTW an der SPD hu00c3u00a4ngenbleibt. Da helfen auch ein paar warme Worte nicht.

Hallo Nico,

mag sein das die SPD nicht direkt implodiert, aber dass die SPD noch nicht am Ende einer bemerkenswerten Umstrukturierung steht, ist nicht zu u00c3u00bcbersehen.

Sie ist natu00c3u00bcrlich Teil einer gesamtgesellschaftlichen Entwicklung die Ende der 60er eingesetzt hatte und mit den Gru00c3u00bcnen dann erheblichen Eindruck auf die politische Landschaft hatte.

Was die SPD betrifft, wird sich zeigen, wo sie ihr Plu00c3u00a4tzchen finden wird.

Skeptisch bin ich, dass das Salz in der Suppe so wie es jetzt verteilt ist, bleiben wird. Ich sehe einfach zu wenig einigendes und zu viel Trennendes. Warum als Linker in der SPD bleiben, wenn es eine Partei gibt, die das eindeutiger vertritt?
Mal unterstellt Nahles & Co setzen sich im Parteikurs durch, warum sollte der rechte Flu00c3u00bcgel in der SPD bleiben? Meinst Du es gibt da ernsthaft keine Alternativen?

Mein Eindruck ist, dass sich das Parteigefu00c3u00bcge ziemlich veru00c3u00a4ndern kann. Das betrifft aber nicht nur die SPD. Was wird aus den Gru00c3u00bcnen, wenn sie zur Funktionspartei werden? Werden FDP und Wirtschafts-CDUler was eigenes machen? Was wird dann aus der CDU? Bleibt es beim Verhu00c3u00a4ltniswahlrecht, wenn die Parteienlandschaft weiter so zersplittert?

u00c3u009cbrigens stimme ich Dir zu, dass die SPD gar nicht anders kann, als sich neue Optionen mit der Linkspartei zu eru00c3u00b6ffnen. Es sei denn sie mu00c3u00b6chte gerne Juniorpartner der CDU bleiben.
Was ich in meinem anderen Kommentar ansprach, war das eindeutig amateurhafte Agieren der SPD-Fu00c3u00bchrungsspitze. Und da liegt eines der gewichtigen Probleme. Wahlen werden mit glaubwu00c3u00bcrdigen Personen gewonnen. Die SPD hat eine Fu00c3u00bchrungsspitze der es an Fu00c3u00a4higkeiten und an Glaubwu00c3u00bcrdigkeit fehlt. Warum glaubt jemand wie Steinbru00c3u00bcck nicht mehr an einen Wahlerfolg? Es geht wohl um Grundsu00c3u00a4tzliches, nicht um Details.

Insofern glaube ich nicht, dass mit diesem Personal 35%+ bei der nu00c3u00a4chsten Bundestagswahl zu erreichen sind (und 35% wu00c3u00bcrden nur dann ausreichen wenn man Rot/Rot/Gru00c3u00bcn hinbeku00c3u00a4me).

Bist du der Euphemismusminister der SPD?
Ansonsten redest du schon recht gut inhaltslos wie die Typen vor Mikrofonen. Ich u00c3u00bcbersetze grad mal: "wir ham da mal so ne Agenda gemacht, das war doch tofte, oder? Aber jetzt ku00c3u00b6nnwer auch mal wieder sozial werden, vielleicht"
"Die Linke thematisch beku00c3u00a4mpfen", das war ganz grou00c3u009f, ja um Himmels Willen, ihr habt sie thematisch vernichtet, also innerhalb der partei jetzt. (kann natu00c3u00bcrlich auch sein, dass es linke Positionen nie so richtig gab in der SPD, dann wu00c3u00a4re das mein Fehler. Also irgendwie zumindest, weil ich den Floskeln ein wenig Glauben schenkte und immer dachte, die SPD wu00c3u00a4re die Partei des kleinen Mannes.)
Merke, wenn man nach rechts schwenkt, wird links ein Platz frei.

"damit man mit breiter Brust in den Wahlkampf ziehen kann"
"es gilt die CDU vor sich her zu treiben"
Politik fu00c3u00bcr den Bu00c3u00bcrger findet nicht mehr statt, es ist alles nur reines Wahlkampfgetu00c3u00b6se, zum Machtgewinn oder Erhalt. Das schlimme ist, die Nebelgranaten funktionieren oft und sind ein boomendes Instruement.

Aber mit den Umfragen hast du natu00c3u00bcrlich nicht unrecht, auch wenn ich die steigende Akzeptanz nicht (kommen) sehe.

Innerparteiliche Diskussionen sind gut und schu00c3u00b6n, aber die Erfahrung lehrt nunmal, dass Parteien immer dann erfolgreich sind, wenn sie nach auu00c3u009fen relativ geschlossen fu00c3u00bcr ein bestimmtes Programm einstehen, ein geschu00c3u00a4rftes Profil haben.

Das ist auch aus Sicht des Wu00c3u00a4hlers sehr verstu00c3u00a4ndlich; der will schlieu00c3u009flich wissen, was die Partei mit der durch Wahlentscheidung verliehenen Macht anstellt.

Wann kandidierst Du endlich? Das ist ja nicht mehr zu ertragen...

Mit den Umfragen hast du sicher recht, die bestellt sich Bertelsmann wie sie die Familie Mohn gerade mu00c3u00b6chte.

Wie man eine konzeptlose CDU mit Konzepten der SPD treiben will, erschlieu00c3u009ft sich mir nicht. Zum einen hat die SPD zur Zeit noch nicht einmal einen Standpunkt geschweige denn ein Ziel. Gut sie wollen an der Regierung bleiben, aber ob das reicht?

Auu00c3u009ferdem rate ich dir dringend von Diskussionen innerhalb der SPD ab. Auu00c3u009ferhalb darfst du das nach Annahme des Parteibuches eh nicht mehr, da musst du eine Linie verteidigen, auch wenn du keine erkennen kannst.

Intern solltest du dir u00c3u00bcberlegen ob du Karriere machen willst, nur ab und an einen ruhigen Abend im Ortsverein, oder richtig u00c3u0084rger haben willst.

Du darfst verschiedene Stufen der Parteileitung mitbestimmen. Den Rest machen die dann schon. Entweder du bist angepasstes Leitungskader, oder du bist zum Jubeln verpflichtet. Diskutieren kannst du mit deiner Frau, u00c3u00bcber die neue Farbe fu00c3u00bcrs Wohnzimmer, aber nicht in der SPD.

Gut bei deiner Frau kriegst du auch kein Recht, aber die ist bestimmt freundlicher.