Metzger wird schwarz

Monatelang kam die Republik nicht zur Ruhe, nun aber ist es klar: Oswald Metzger wechselt zur CDU. Als Berufspolitiker will er sich um die Kandidatur für das Bundestagsmandat im Wahlkreis Biberach bewerben. Da wird die Freude sicherlich groß sein, vor allem bei den Medien, deren Liebling Oswald Metzger geworden war, als klar wurde, dass er nicht nur nicht 100% mit der Parteilinie übereinstimmen wollte, sondern dies auch noch immer wieder öffentlich betonte. Da wird man dann leicht zum Querdenker und kann sich in aller Öffentlichkeit mal wieder als unbequemer Geist feiern, auch wenn man eigentlich nur viel erzählt, wenn der Tag lang ist.

Der Übertritt von Metzger zur CDU zeigt allerdings sehr deutlich, wie sehr das althergebrachte Parteienbild ins Wanken geraten ist. Die Grünen sind schon lange nicht mehr alternativ, sondern ihre bürgerlich-konservativen Züge werden immer sichtbarer. Diese innerhalb der Partei offen auszuleben ist dennoch recht schwer, so lange ehemalige K-Gruppen-Kader in den Vorständen sitzen. Nach der 2009er Wahl werden diese aber auch wegaltern und dann dürften wir eine sehr flexible grüne Partei erleben, mit vielen schwarz-gelben Anknüpfungspunkten. Und bekannten Gesprächspartnern auf der anderen Seite.

100 000 Jobs in Gefahr?

Heute morgen konnte ich im Hamburger Abendblatt folgende Schlagzeile entdecken: Ohne Moorburg 100 000 Jobs in Gefahr?. Das ist natürlich FUD, und zwar vom Vorne bis Hinten. Aber, kann mir mal jemand erklären, warum grundsätzlich immer 100.000 Jobs in Gefahr sind? Warum nicht mal 150.000? oder “nur” 95.000? Wäre das zu zurückhaltend als Forderung?

Hat man eigentlich als Lobby-Vertreter, also Industrieverbandssprecher, Gewerkschaftsvorsitzender, oder ähnliches eine Tabelle, auf der Empörung, das zu erreichende Ziel und die damit verbundene Dringlichkeit in der Einheit “Arbeitsplätze in Gefahr” errechnet werden? Gibt es Schulungen für so etwas?

Meine Prognose: wenn Moorburg nicht gebaut wird, dann wird das für Hamburg keine Auswirkungen haben. Es werden stattdessen andere Kraftwerke anderswo entstehen, hoffentlich etwas klima-verträglicher. Aber das Schöne an Moorburg ist, dass es endlich mal ein sog. Streit-Thema gibt, an Moorburg können jetzt CDU und GAL ihre Verhandlungen entlangranken lassen und am Ende ihre Kompromißbereitschaft festmachen.

Was die Job-Gefahr angeht, so sollte man als Sprecher des Hamburger Industrieverbandes allerdings so langsam mal einsehen, dass Hamburg als Stadtstaat und wachsende Stadt nicht gerade prädestiniert ist für Industrie-Ansiedlungen, sondern eher für die Dienstleistungs- und Medienbranchen interessant ist, aber das nur am Rande.

Mobilfunkerische Einsicht

Endlich spricht es mal einer der Mobilfunker aus:

Der Chef des drittgrößten deutschen Mobilfunkanbieters E-Plus, Thorsten Dirks, rechnet mit einem Ende für herkömmliche Handy-Gespräche und das bisherige Geschäftsmodell der Mobilfunkbetreiber. “Die Mobilfunkunternehmen werden in fünf, sechs Jahren zu reinen Datentransporteuren”, sagte Dirks der Berliner Zeitung. Langfristig werde sich das Geschäftsmodell von Mobilfunknetzbetreibern dem von Festnetz-Internetanbietern angleichen. “Der Kunde wird einen Pauschalpreis für unbegrenzten Datenverkehr zahlen und kann sich auf sein Handy eine Internet-Telefoniesoftware installieren, über die er dann alle Gespräche ohne weitere Zusatzkosten führt.”

Dann los, Voice ist eh nur eine mögliche Anwendung auf einem Mobiltelefon. Allerdings müsste für die ordentliche Datennutzung auch endlich das Akku-Problem gelöst werden, denn je mehr Daten ein Mobiltelefon senden darf, desto mehr wird die Batterie geleert, was auf Dauer unpraktisch wird, insbesondere wenn keine Steckdose in der Nähe ist. Oder das passende Kabel fehlt. Kann man da nicht auch mal einen Standard finden? Dieses USB-Zeugs eignet sich doch eigentlich ganz gut dafür, dann kann man am Rechner und an der Steckdose aufladen.

Im Mobilfunkbereich geht noch so einiges, wenn endlich mal der Paradigmenwechsel von Sprachfunk hin zu mobiler Datennutzung verstanden wird.

[ via: heise online – E-Plus-Chef sieht Mobilfunkbetreiber künftig als reine Datentransporteure ]

Twittereskes zum Wochenanfang

Manchmal findet man bei Herrn Arrington doch noch was interessantes, so zum Beispiel heute Quotably: The Perfect Tool To Make Sense Of Twitter und nun gibt es auf einmal Threaded Diskussions für Twitter. Ja, eigentlich ging es bei Twitter immer nur um die Verkündung des eigenen Status, aber das Schöne an Twitter ist, dass Dank der API immer wieder neue Ideen rund um Twitter entstehen. Ach ja, meine Gesprächsverläufe kann man hier bei Quotably bestaunen. Eine Suche für Twitter gibt es mittlerweile auch, allerdings bei Friendfeed.com/search, so kann das gehen, wenn ein Dienst nicht rechtzeitig die Dinge implementiert, die dringend gewünscht werden.

Twitter wird gerade so etwas wie die Messaging-Infrastruktur wider Willen, denn mittlerweile ranken sich eine Fülle von Anwendungen um Twitter herum, die weit über die eigentliche Grundidee von Twitter hinausgehen. Da es eigentlich viel zu kompliziert ist, sinnvolle Presence-Information über seinen Instant-Messaging Client zu vermitteln, macht das Anzeigen eines Status viel mehr Sinn. Wo ist der Unterschied? Sobald ich mit einem IM-Client online gehe, sehen alle, dass ich online bin, ob ich das nun will, oder nicht. Bin ich nur unsichtbar, sieht man nicht, dass ich da bin, dementsprechend kommen auch keine Diskussionen zustande. Gruppen-basierte Presence oder gar Adhoc-Presence variiert für verschiedene Usergruppen sind konzeptionell viel zu kompliziert, also der eine darf mich sehen, der andere nicht, aber alle meine “echten” Freunde, und so weiter. Bei Twitter sende ich meinen Status, wenn ich was sagen will, ansonsten bin ich eben nur durch eine private Message zu erreichen. Das ist noch etwas krude implementiert, aber in spätestens drei Monaten wird es die erste Client-Implementation geben, web-basiert und/oder als AIR-Client, die das simple d username bla bla als quasi echtes privates Messaing implementiert. Ja, das sind alles nur Nuancen, aber sie machen Twitter unglaublich praktisch.

Ich finde nachwievor den Signal/Noise-Ratio absurd, das gebe ich gerne zu, und ich leiste auch durchaus meinen Beitrag dazu, aber Twitter erinnert in der Kombination mit Tumbleblogs stark an die gute alte Blogosphäre anno 2003, als noch viele Dialoge entstanden, weil man sich kannte und unter sich war. Das wird auch ein Stück Weit so bleiben, denn jeder hat die Anzahl seiner Follower selber im Griff.

Adam Ostrow bei Mashable warnt vor einem Spam-Problem, aber Spam wird es praktischerweise schwer haben bei Twitter, da jedes Followen eine aktive Bereitschaft des Einzelnen voraussetzt, zumal man sicherlich die Spammer auch gut mit algorithmischen Methoden ausgrenzen kann, da sie sicherlich extrem vielen Leuten folgen und nur wenige eigene Follower und noch viel weniger @-basierte Diskussionen haben werden.

Twitter als Dienst ist sehr banal und es ist schwer, den Reiz dahinter zu erklären. Aber Twitter als Messaging-Infrastruktur ist eine spannende Herausforderung, auch wenn es eigentlich andere, besser einsetzbare Protokolle gibt (XMPP), sorgt doch die API für viele interessante Anwendungen in naher Zukunft.

Verlagerung der Diskussionen

Vor ein paar Jahren, als wir Blogg.de gestartet hatten, war eine der Grundideen, wirklich alle Updates der deutschsprachigen Blogosphäre auf einer Seite zu aggregieren, damit man immer sehen konnte, wenn jemand etwas neues geschrieben hatte. Damals war die Blogosphäre in Deutschland in etwa so groß wie die derzeitige Zahl meiner Follower auf Twitter. Man kannte sich, man las sich, man diskutierte, man war unter sich, wenn auch öffentlich im Web. Schon damals haben wir dann über das Erfassen von Kommentaren über Blogs hinweg nachgedacht, das Thema aber erst einmal verworfen, vor allem weil es uns zu erklärungsbedürftig erschien. Sinnvoll, aber eben nicht mit 2-3 Clicks für den User mit eigenem Weblog abbildbar. Es ging auch irgendwie so, dass man immer halbwegs mitbekommen hat, was an interessanten Diskussionen passierte.

Mittlerweile sind ein paar Tage vergangen und Blogs sind nicht mehr die einzige Personal Publishing Tools im Web, sondern es gibt mittlerweile eine Fülle von Möglichkeiten, sich online auszudrücken, mit Freunden zu vernetzen, Inhalte zu veröffentlichen, auf neudeutsch: Content zu generieren. Aus einer Fülle von Diensten ergibt sich so etwas wie eine persönliche Online-Identität, also meine Texte, meine Bilder, meine Videos, meine Kommentare. Selten ist dies alles bei einem Anbieter zu finden, sondern schön verstreut im Web zu finden.

Da es mittlerweile eine bunte Vielfalt von Schnittstellen gibt, finden sich immer mehr Möglichkeiten, diese Inhalte irgendwie zusammenzufügen. Also meine Bilder in meinem Blog, die Videos auch, Links zu meinen Blog-Artikeln in Twitter, Twittertexte im Blog, das alles noch mal im Tumbleblog mitsamt anderer Snippets, dazu noch Facebook, Xing und so weiter und schon drehen sich viele Inhalte im Kreis und es wird fröhlich irgendwo kommentiert, nur eben nicht mehr unbedingt im Blog. Nun gibt es Tools wie Noserub, SocialThing, Friendfeed und andere, die dafür sorgen sollen, dass man immer mitbekommt, was die anderen so treiben, schliesslich kann man nicht den ganzen Tag auf allen Plattformen gucken, was die Freunde und Online-Bekanntschaften so treiben. Alles wird aggregiert und dann Lifestream genannt. Aber ist das wirklich die Lösung? Weniger ist oft mehr. Wer will, kann sich bei lumma.io oder bei Friendfeed eine Fülle von Dingen ansehen, die ich online so treibe, aber bringt dies wirklich einen Erkenntnisgewinn? APML verspricht hier einiges, aber es wird sicherlich schwierig werden, hierfür eine allgemeine Akzeptanz zu finden. Foren werden interessanterweise von den Aggregatoren bislang völlig ignoriert, obwohl dort massive Diskussionen stattfinden zu allen erdenklichen Themen. Read/Write-Web hat eine Fülle von Tools zusammengestellt, falls man wirklich alles irgendwie verfolgen will.

Will ich wirklich jede Diskussion verfolgen können, will ich wirklich sehen, was alle so online machen? Eigentlich will ich doch nur das mitbekommen, das mich wirklich interessiert, und nicht all die anderen Infobits, die im See der Belanglosigkeiten untergehen. Genau so wie im sog. real life auch. Mich interessiert nicht immer alles. Und vieles, was mich interessieren würde, bekomme ich nicht mit, weil ich gerade nicht vor Ort bin, oder das Buch nicht gelesen habe, oder die Radiosendung verpasst habe. Eigentlich bin ich bislang ganz gut damit gefahren, nicht immer alles mitbekommen zu müssen.

Nur weil wir es können, oder es anstreben, es zu können, wird uns das Aggregieren aller möglichen Daten nicht voran bringen. Weil es bei der Rezeption immer noch ein extremes Bottleneck gibt. Den Menschen. Sinnvoll ist dies natürlich aus Marketing-Gesichtspunkten, denn mit all dieses Daten kann man hervorragende Profile erzeugen, auch und vor allem über die Leser. Das ist erst einmal nichts schlimmes, ich bin ein großer Fan von Werbung, die mich interessiert. Das ist um Längen besser als Werbung, die mich nur nervt und kein Interesse weckt.

Wird es also das MegaUberTool geben, das alles aggregiert, filtert und uns vorlegt, damit wir es rezipiert? Das werden viele versuchen. Aber sie werden alle scheitern. Weil jede Plattform ihren eigenen Kontext hat, der beim Aggregieren und Filtern verloren geht. Beispielsweise wirkt mein Twitter-Status schon in Facebook eher seltsam, in Xing wäre er komplett sinnlos, in Twitter allerdings kann man halbwegs einen Zusammenhang erkennen. Noch wichtiger ist der Kontext bei einzelnen Blogs, denn dort hat sich jeweils ein ganz eigener Umgang zwischen Autoren und Kommentatoren herausgebildet.

Die Diskussionen verlagern sich. Blogs, Foren, Microblogs, Social Networks, sie alle haben ihren Kontext und ihre Eigenheiten. Nicht alle Diskussionen werden überall geführt, nicht jede Diskussion muss man verfolgen. Mehr noch: nicht alles ist wirklich relevant. Anders ausgedrückt: das meiste ist total irrelevant, auch im aggregierten Zustand.