Das überregulierte öffentlich-rechtliche Internet

Nico —  12.06.2008

Heute kamen die Ministerpräsidenten der Länder zusammen und haben verkündet, wie sie sich künftig das Internet-Engagement von ARD und ZDF vorstellen. Denn es ist klar, dass Angebote von Fernsehsendern ebenso wie von Verlagen immer mehr über das Internet distribuiert werden sollen. Hans-Jürgen Jakobs fasst auf Sueddeutsche.de zusammen:

Diese große Wiese des digitalen Marktes wollen sie alle mähen: die Intendanten der Anstalten, die alerten Manager der Privatsender, die Verleger von Zeitungen und Zeitschriften sowie die Macher neuer Angebote. Sie kombinieren online Text, Bild und Ton in ganz unterschiedlichem Mischungsverhältnis. Weil ARD und ZDF dabei frei Haus Gebührenmilliarden zur Verfügung stehen, den anderen aber nur jenes Geld, das Werbekunden in Hoffnung auf Kundenkontakte investieren, verlangt das kreative Chaos nach Regeln.

Solche Regeln glauben die Ministerpräsidenten jetzt insofern gefunden zu haben, als dass die Öffentlich-Rechtlichen künftig nur „sendungsbezogene“ Angebote ins Netz stellen und keine „elektronische Presse“ veranstalten dürfen. Presseähnliches soll es nicht geben. Beiträge über große Sportereignisse wie Olympia dürften nur 24 Stunden bereitgestellt werden, alles andere höchstens sieben Tage. Über die Online-Aufbereitung von Unterhaltung gibt es noch viele Unklarheiten – so viele, wie es bei ARD und ZDF Unterhaltung gibt.

Und da merkt man es wieder: die Medienpolitiker in Deutschland haben nicht ansatzweise einen blassen Schimmer vom Internet, allen voran Kurt Beck. Da hat die Verleger-Lobby schön einige ihrer Punkte durchsetzen können, um ARD und ZDF das Leben im Netz schwerer zu machen. Es wird mit ungleichen Waffen gekämpft, während Verlage und Privatsender munter Kooperationen schliessen können, um Traffic für ihre Online-Angebote zu generieren, sollen ARD und ZDF sich auf ihre Sendungen konzentrieren, kommerzielle Links vermeiden und vor allem nach sieben Tagen ihre Inhalte wieder löschen. Was für ein Käse. Wenn ich schon gezwungen werde, mit der GEZ-Steuer ARD und ZDF zu finanzieren, dann will ich auch, dass online ein entsprechend umfangreiches Angebot zu finden ist, gerne auch mit einem anderen Anspruch als bei vielen Privatsendern und Verlagen.

Ich stelle mir das Angebot von ARD und ZDF so vor:
1. alle Sendungen werden gestreamt, auch mit Werbung, eben genauso wie im Runfunk auch.
2. alle Sendungen kommen ins Archiv, abgesehen von Live-Mitschnitten wird es keine Werbung geben, sondern nur „die pure“ Sendung.
3. Redaktionelle Inhalte sind ausdrücklich erwünscht, auch Formate ohne Sendeplatz, ohne Werbung.
4. Entwicklung eigenständiger Web-Konzepte, quasi Innovation. Ja ich weiss, ich Träumer.

Für die Finanzierung eines solchen Angebots zahle ich gerne GEZ. Verlage und Privatsender können weiterhin ihre Angebote mit Werbung finanzieren. Alles andere ist totaler Anachronismus. Wenn man das nicht will, dann muss man generell die Gebührenfinanzierung von ARD und ZDF in Frage stellen.

Die starre Trennung von Presse und Rundfunk kann man mit dem Internet als Distributionsebene nicht mehr aufrecht erhalten. Im Internet ist der Kampf um die Aufmerksamkeit der Leser eine ganz andere. Und im Zweifel gibt es viele Auswahlmöglichkeiten, denn Inhalte kann heutzutage einfach jeder publizieren. Das werden die deutschen Politiker auch auf lange Zeit hin nicht verstehen können, weil sie das Internet nicht nutzen.

10 responses to Das überregulierte öffentlich-rechtliche Internet

  1. \“Die starre Trennung von Presse und Rundfunk kann man mit dem Internet als Distributionsebene nicht mehr aufrecht erhalten.\“ – doch man kann. Genauso, wie man das Aufeinanderprallen von Grundrechten bei der Sportübertragung solange ignoriert, bis das Verfassungsgericht oder Brüssel darüber befinden. Wenn wir Glück haben spült das unser halbes Rechtssystem in den Orkus.

    Wenn wir Pech haben kommen die Penner mit dem Gewurschtel durch.

  2. Das Thema ÖR, GEZ und der große Vertrag ist für mich ein sensibles Thema.

    Die Gebührenfinanzierung der ÖR sind meiner Meinung nach nicht die beste Lösung, jedenfalls nicht in jeder Hinsicht.

    Gut finde ich eine Förderung von Inhalten, die sonst gegen die privaten, Cashflow und Umsatzorientierten niemals auf dem Markt bestehen könnten.
    Schlecht finde ich die Methode diese Inhalte zu fördern – mit allen Mitteln.
    Die GEZ als Institution gern gesehen wie der Gerichtsvollzieher mit Methoden osteuropäischer Inkassounternehmer.
    Das Pauschalisieren der Abgabepflicht auf den Besitz von potentiellen Empfangsgeräten- unabhängig der Nutzung.
    Und dort liegt meiner Meinung nach die Schwachstelle am System: der Besitz der potentiellen Nutzungsgeräte führt zu einer pauschalen Abgabe – unabhängig der Nutzung.
    Die ÖR orientieren sich nicht nach einer Nachfrage, sondern haben ein weites Budget um \“zu machen was sie wollen\“. Wenn das Budget nicht mehr ausreicht und die Frist bis zur nächsten \“Vertragsverlängerung\“ abgelaufen ist, wird nachverhandelt. Hätte hier die Ministerpräsidentenkonferenz keinen Riegel vorgeschoben, hätte es nicht nur eine Marktverzerrung in den neuen Medien gegeben sondern auch eine Explosion der Gebühren, die erhoben werden um die neuen Marktfelder zu finanzieren. Schon zahlt jeder Internetanschluss, jeder UMTS-Stick, jedes Handy GEZ, ob deren potentiellen Nutzung der ÖR Inhalte.

    Ich selber zahle für meine Nutzung der Empfangsgeräte, darüber hinaus aber noch für potentielle Empfangsgeräte, die ich nicht für den Empfang von ÖR Inhalte nutze- weil es für mich dort keine Interessanten Inhalte bietet.
    Ich kenne Unternehmen, die mit solchen Preismodellen in Verruf gekommen sind.

    Mir würden noch einige Negativpunkte zu diesem Thema einfallen. Aber das würd jetzt noch mehr abschweifen.

    Kurzer Konsens für mich wäre: Mehr Inhalte für die ÖR auf deren Internetangeboten möglich gemacht durch den sonst üblichen Markt, durch Finanzierung über Werbung, Sponsoren, Abonnenten- und nicht GEZ

  3. Wie bitte? Die inhlate sollen nach 7Tagen wieder gelöscht werden? Da freu ich ich schon auf die Ergebnisse von Suchmaschinen, die auf 404-Seiten führen…

    Deine Wünsche, Nico, finde ich gar nicht so abwegig Schaut man sich die privaten an, dann optimieren die alles komplett aufs Geldverdienen durch Werbung, was ja auch völlig legitim ist.

    Aber warum sollen die ÖR´s dies nicht tun dürfen. Sicher man kann das ja einschränken, aber auch für die ÖR´s ist dies eine guteEinnahmequelle.

    An dieser von unseren Volksverdrehern erdachten Lösung sieht man mal wieder, dass sie keine Ahnung haben und deren Berater ebenso unfähig sind.

    Wenn man keine Ahnung hat…

  4. Ich war gestern genauso geschockt. Das Problem ist, dass es (auch und vor allem) in den Medien so dargestellt wird, als ob es genau die richtige Lösung wäre. Beim Streamen der EM ist mir aufgefallen, dass eigentlich ALLES ausnahmslos gestreamt werden müsste, da die GEZ ja auch \“neuartige\“ Rundfunkgeräte beinhaltet. Zusätzlich ist es ja \“unser\“ Content bei den ÖR, da wir ihn finanzieren und unterstützen.

  5. Eigentlich wäre ja die Forderung nach einer öffentlich-rechtlichen Internetanstalt nicht ganz übertrieben! Oder eben GEZ-Förderung von gesellschaftlich relevanten Projekten wie Wikis und innovativen Demokratie und Debattierplätzen. Der Bildungsauftrag kann nicht mit dem Fernsehen sterben.

  6. Stimme dir voll zu Nico.

  7. Es gehört wirklich zu den frustrierendsten Erfahrungen als Bürger, wenn man zuschauen muss wie fachlich vollkommen inkompetente Politiker über so wichtige Dinge wie die Zukunft unseres dualen Rundfunksystems entscheiden. Kein Politiker kann sich in allen Bereichen gut auskennen, bei denen Entscheidungen zu treffen sind. Aber es ist ein Unding, wenn sich die Politik scheinbar mehr von der Wirtschaftslobby als von unabhängigen Experten leiten lässt. Für mich sagt eigentlich schon diese künstliche, hilflose Definition der „elektronischen Presse“ alles.

    @biti

    Mehr Werbung, Sponsoren, Abonnenten? Nee, danke. Das hieße doch erst recht Einflussnahme oder zumindest passive Abhängigkeit und eine Abkehr vom Grundversorgungsanspruch gegenüber der Allgemeinheit. Es tut ja jeder so, als ob eine sinnvolle Einbeziehung des Internets den öffentlich-rechtlichen die Welt kosten würde. Dabei muss man sich doch mal bitte vor Augen halten, dass momentan laut bisheriger Selbstverpflichtung nur 0,75 Prozent der Mittel für Internet-Aktivitäten der ÖR aufgewandt werden.

    In allen anderen von dir angesprochenen Punkten bin ich auf deiner Linie: Die ÖR sollen sich bitte schön auf jene Inhalte beschränken, die eine gesellschaftspolitische Funktion besitzen und im freien Markt keine oder nur in verminderter Qualität eine Chance hätten. Das ist mehr als genug: Handwerklich guter, politisch und wirtschaftlich unabhängiger Journalismus, der auf genügend Ressourcen zur eingehenden Recherche und ein weltweites Netz von Korrespondenten zurückgreifen kann, politische Informationssendungen, Bildungsprogramme, regionale Programme, Kunst und Kultur, etc., aber eben auch anspruchsvolle fiktionale und nicht-fiktionale Unterhaltung. Nicht dazu gehören für mich billige Kopien der Privatsenderformate in Form von peinlichen Shows à la „Wetten dass…“ oder „Unsere Besten“, Pseudo-Folklore, miese Soaps mit Scheichwerbung, und ewig so weiter.

    Ebenso stinken mir die Methoden der GEZ und ihr Gebührensystem. Ich glaube, ohne die Blankoschecks für Harald Schmidt und Co. und die mit Sicherheit absurd hohen Ausgaben für die bereits angesprochenen Gaga-Shows könnte man die horrenden Gebühren bei gleichbleibender Qualität in den Kernkompetenzen deutlich senken. Wer rechnen kann und die angesprochenen, tatsächlichen Internet-Anteil von 0,75 % betrachtet, merkt auch, dass es beispielsweise mit den Gebühren „für internetfähige Geräte“ so irgendwie nicht passen kann.

    @Moritz

    Ich stimme dir absolut zu, die Rundfunkanstalten sollten bei ihren Internetaktivitäten einen Schwerpunkt auf demokratiefördernde Innovationen setzen und die Chance des medialen Umbruchs nutzen, sich von bloßen Sendern zu Anbietern einer öffentlich-rechtlichen Medienplattform zu wandeln. Leider werden jedoch genau diese Art von Innovationen durch den neuen Rundfunkstaatsvertrag blockiert, so dieser denn in der Form des aktuellen Entwurfs in Kraft tritt.

    Allerdings bin ich nicht der Meinung, dass dies einer neuen „Internetanstalt“ bedürfte. Im Gegenteil, denn wie schon angesprochen: Es geht in der schönen neuen Medienwelt nicht mehr so sehr darum, WIE der Rezipient die Inhalte erhält, sondern WELCHE Inhalte er von wem (…und mit welcher Qualität) erhält. Die privaten Medienhäuser haben aus eben diesem Grund größtenteils schon längst auf den integrierten Newsroom umgestellt, auch wenn dieser Schritt angesichts der Qualität mancher Informationsangebote im Internet eher als weitere Rationalisierungs- und Effizienzsteigerungs-Maßnahme im auf Schnelligkeit um jeden Preis getrimmten Agenturmeldungen-Kopieren-Zurechtstutzen-Ausspucken-Workflow anmutet. Da spreche ich dann lieber von der integrierten REDAKTION, denn grundsätzlich hege ich an der Notwendigkeit der Integration angesichts der zunehmenden Konvergenz der Kanäle wenige Zweifel.

  8. Da sprichst du wahr Nico, allerdings muß man sich wirklich Gedanken um die Finanzierung machen.

    Ich hätte nichts gegen eine ÖR-Steuer, die vom Staat wie die Kirchensteuer eingezogen wird. Dafür dann aber das Internet-Angebot werbefrei und so auch garantiert unabhängig.

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