Hubertus Heil twittert und SpOn/Süddeutsche ätzen rum

Nico —  26.08.2008

Man muss nur kurz die Schlagzeilen sehen, dann weiss man schon, wie der Artikel aussieht:SPD-Generalsekretär Heil in Denver: Twittern im Obama-Rausch und SPD-Generalsekretär Heil – Zwitschern müsste man können. Liest man dann die Artikel, wird ziemlich schnell klar, dass die Herren Volkery und Matthäus nicht den Schimmer einer Ahnung haben, was Twitter ist und wie man es nutzen kann. Ein paar Auszüge:

Ein Beispiel (in dem wir aus Dokumentationszwecken die Rechtschreibung nicht korrigiert haben)[…]

oder auch

Die Demokraten-Show in Denver wirkt wie ein Jungbrunnen auf den 35-Jährigen – oder es liegt am Internet. Jedenfalls sind die Einträge durchweg in einem Jargon gehalten, der selbst manchen Teenager erbleichen lassen dürfte.

Das demokratische Urgestein Ted Kennedy fand der deutsche Gast „super“. Die Rede von Obamas Frau Michelle war „der Kracher“. Auf den Straßen herrsche „unglaublicher Trubel“. Mit der gleichen Begeisterung kommentiert der SPD-Generalsekretär auch noch die banalsten Reiseeindrücke. Nach einer Erfrischungspause auf einem Markt notiert er: „Lecker Icetee“.

Halten wir mal fest: Hubertus Heil hält sich nicht penibel an die Konventionen der Rechtschreibung und ausserdem schreibt er ungefiltert, wie er den Event findet.

Da wurden zwei Artikel geschrieben nach dem altbekannten Muster: „Internet ist eh alles quatsch. Sozis kann man immer mal bashen.“ Ausserdem legt man noch ordentlich Linkbait aus, damit auch ja alle auf diese Artikelchen verlinken.

Wenn man sich jetzt allerdings mal anguckt, was Hubertus Heil da so treibt, dann tut er genau das, was ich schon seit Jahren in Gesprächen mit Politikern angeregt habe. Es geht darum, einfach ungefiltert vom eigenen Tagesablauf zu berichten, ansprechbar zu sein und Leute teilhaben zu lassen an dem, was einen aktuell umtreibt. Dafür ist Twitter sehr geeignet. Hubertus Heil ist jemand, der zum Thema Web 2.0 nicht nur Lippenbekenntnisse formuliert, sondern ein echtes Interesse an den neuen Themen hat, wie ich in vielen Gesprächen mit ihm erfahren durfte. Twitter hat natürlich durch die Schnelligkeit und mögliche Direktheit eine ganz eigene Faszination, wie Sascha Lobo und ich schon mal während einer Sitzung des Online-Beirats der SPD zeigen konnten.

Ganz besonders bemerkenswert finde ich, dass Hubertus Heil mitten beim Parteitag der Demokraten anfängt zu twittern und eben nicht irgendwelche Pressemitteilungen per Twitter verbreitet werden, sondern er echte Eindrücke schildert. Noch dazu antwortet er auf Anfragen seiner Follower, und das auf einem Blackberry, sicherlich während um ihn herum reges Treiben herrscht. Wer das schon mal gemacht hat, der weiss, wie anstrengend es sein kann, parallel zu dem gerade erlebten auch noch etwas zu tippen, zu lesen und zu beantworten. Hubertus Heil hat derzeit etwas mehr als 500 Follower, was noch nichts ist im Vergleich mit Barack Obama, aber dafür, dass er erst seit 2 Tagen twittert, ist er schon sehr gut unterwegs auf dem Weg in die Top50-Twittercharts.

In einem Kommentar wurde ich gefragt, ob ich mich auch über einen twitternden Kauder freuen würde. Aber natürlich würde ich das. Ich weiss nicht, ob ich ihm unbedingt followen würde, aber ich finde es gut, wenn immer mehr Politiker das Internet für eine direktere Kommunikation mit den Wählern nutzen wollen, auch wenn und gerade weil Twitter ja eher indirekt direkt ist, aber das versteht man erst, wenn man es nutzt. Social Media kann man schlecht von aussen beurteilen, man muss es nutzen, um es zu verstehen.

Spätestens in einem Jahr werden SpOn und Sueddeutsche.de auf ihre Twitter-Accounts verweisen, mit der Anmerkung „hier bekommen Sie direkt und ungefiltert aktuelle Informationen über den Bundestagswahlkampf“, aber das ist dann natürlich etwas ganz anderes.

5 responses to Hubertus Heil twittert und SpOn/Süddeutsche ätzen rum

  1. Ich kann dir nur Recht geben und sagen, dass ich es absolut begrüße wie und was Hubertus Heil dort schreibt. Denn er schreibt (anscheinend) was er erlebt und was er macht, was er sieht und was er denkt. So würde ich mir auch die Blogs der Politiker wünschen, die ja leider nicht gerade als persönlicher Austausch mit der Bevölkerung, sondern als reines Aushängeschild genutzt werden….

    Bin mal gespannt wie es mit Austausch und Replies verhält…. Bisher sieht es gut aus.

  2. Dem stimme ich voll und ganz zu!

  3. artikel, die mit „na dann“ enden, sollte man sich eh abgewöhnen zu lesen. der ganze artikel ist absoluter trash.
    vergleich das mal mit scobles video über dem twitternden congressman.

    http://www.fastcompany.tv/video/the-twittering-

  4. Vollkommen richtig. Ich habe den SZ-Artikel mal entsprechend kommentiert. Die Kommentarabteilung hat ja jetzt geöffnet ;-)

  5. Schon traurig wie wenig Ahnung die Herren von der SZ und von Spiegel Online vom Internet haben… Diese Leute beschweren sich doch auch über sinkende Wahlbeteiligung und über mangelnde Volksnähe?
    Bisher habe ich die SZ eigentlich auch für eine gute Zeitung gehalten (hab sie auch abonniert) aber solche(zumal von Spiegel Online abgeschriebene) Peinlichkeiten, erspart sie sich wohl besser, wenn sie in Zukunft noch weiter Interesse an meiner Kundschaft als Leser interessiert ist