10. Januar 2009

Ein Relaunch macht noch keine Internetpartei

Die SPD ist Stolz auf den den Relaunch von SPD.de und der Bundesgeschäftsführer Kajo Wasserhövel verkündet, daß zum Relaunch 1 Mio Besucher auf SPD.de an einem Tag gezählt werden konnten. Das finde ich alles prima und auch @tsghessen macht sich richtig gut gerade, z.B. mit dem Interview mit Robert Basic auf Twitter.

Aber, wie Falk so treffend festgestellt hat, sogar Frank Patalong hat mal einige gute Anmerkungen gemacht:

Der Punkt, der bisher in keiner hiesigen Parteizentrale begriffen wurde: Ein wirklich erfolgreicher Polit-Auftritt im Web ist nicht abhängig von Design oder Features. Sondern von der Auffassung, mit der er serviert wird.

Da hat auch die SPD noch einiges an Wegstrecke vor sich, wobei der Relaunch sicherlich ein wegweisender erster Schritt ist. Dabei gibt es immer noch einige fundamentale Setbacks, die allen Beteiligten klar machen sollten, daß noch etliches zu tun sein wird. So ist beispielsweise die Internetpräsenz der Juso-Bundesvorsitzenden immer noch zu zurückhaltend, um nicht zu sagen: erschreckend für eine Politikerin in diesem Alter. Positiv stimmt mich hingegen die angestossene Diskussion von Karsten Wenzlaff auf vorwaerts.de: BarackObama.com vs. SPD.

Was mich aber wirklich annervt, bei allem begrüßenswerten Getöse um das Internet im Wahljahr 2009, und das gilt für alle Parteien in Deutschland:
Die inhaltliche Auseinandersetzung mit den fundamentalen Veränderungen in Wirtschaft, Politik und Gesellschaft findet in den Parteien nicht im Ansatz statt. Die politische Elite des Landes hält sich weiterhin zurück, wenn es darum geht, sich mit dem Internet auseinanderzusetzen oder es gar aktiv zu nutzen, geschweige denn es zu verstehen.

Bis zu einer wirklichen Internetpartei werden noch etliche Relaunches vergehen. Die SPD hat vorgelegt, mal sehen, wie die Reaktionen aus Berlin aussehen werden, oder ob sie überhaupt kommen.

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Verstehen - Denken - Handeln:
Soll schon ein Zusammenhang sein. Es gibt nach meiner Erfahrung einige in der Politik, die die fundamentalen Veru00c3u00a4nderungen in der politischen Kommunikation verstehen und wissen, dass man als Parteien diese Veru00c3u00a4nderungen mitgehen muss und sonst verschwinden wird.

Was mir immer wieder Sorge macht: Wenn man Politik als Ort versteht, in dem man gemeinsam spricht und entscheidet, Regeln festlegt und einem dann noch klar ist, dass Demokratie solche Orte und Regeln braucht, um funktionieren zu ku00c3u00b6nnen - wie ensteht dies im Netz? Und wenn das natu00c3u00bcrlich nicht eine Site (schon gar nicht eine Parteisite; soviel verstehe ich dann schon :-) ) ist und kein Blog, dann ist es ja eine vernetzte Kommunikation, ein "grosses Gespru00c3u00a4ch" auch im Netz u00c3u00bcber wichtige Fragen.
Und dies mit einer eigenen Gespru00c3u00a4chskultur, die sich von vielem positiv abhebt, was man sonst noch so lesen kann. Dazu braucht man Leute, die mitmachen.

Wenn ich in den vergangenen Jahren u00c3u00bcber Netz und Wahlkampf nachgedacht habe, war fu00c3u00bcr mich immer der wesentliche Unterschied zu den klassischen Formen des Wahlkampfes, dass ich bei TV-Spot, Plakat und Event weiu00c3u009f, wie Form und Inhalt bedient werden mu00c3u00bcssen, um Mobilisierung auch durch Emotionalisierung zu erreichen.
Beim Netz hatte ich immer grosse Fragezeichen.

Das interessante und tolle am Obama-Wahlkampf war aus meiner Sicht: Er hat Emotionalisierung durch Beteiligung errreicht. Und das macht mich dann wieder sehr hoffungsfroh und zwar nicht aus parteipolitischer Denke.

Sorry, das war jetzt etwas lu00c3u00a4nger aber es sind einige Gedanken, die mir beim Lesen der Beitru00c3u00a4ge durch den Kopf gingen.
Gruss aus der Nordkurve
Kajo Wasserhu00c3u00b6vel

Ich habe mal einen kleinen u00c3u009cberblick von Beitru00c3u00a4gen zum Relaunch zusammengestellt und verweise unter anderem auf deinen Blog:
http://wieichreichwurde.blogspot.com/2009/01/spdde...
Schicken Gruu00c3u009f aus Hamburg

Drohsel hat keine Webseite. Mensch muss auch keine Webseite haben.

Mir gefu00c3u00a4llt das neue Layout gar nicht, viel zu unu00c3u00bcbersichtlich. Und die einzigen Bilder auf der Seite zeigen irgendwelche alten Mu00c3u00a4nner.

Fu00c3u00bcr mich persu00c3u00b6nlich ist die SPD 2009 ein hoffnungsloser Fall. Denn je weiter nach rechts (oder in die Mitte) die SPD ru00c3u00bcckt desto mehr Wahlen wird sie verlieren.

eine bundesvorsitzende einer jugendorganisation hat eine online-pru00c3u00a4senz zu haben in 2009. denn ihre zielgruppe ist zu u00c3u00bcber 90% online und die sollte man erreichen wollen, oder?

Der grosse Unterschied zwischen Obama und der deutschen Politikszene liegt noch ganz woanders: In den USA gibt es keine Parteien im hiesigen Sinne, also starre Massenvereine mit Funktionu00c3u00a4rsapparat, Ein- und Austritt, Parteiausschluss usw.; da existieren nur rudimentu00c3u00a4re Wahlvereinigungen. Politik ist grundsu00c3u00a4tzlich auf Personen ausgerichtet, die ihren jeweiligen Wahlkampf zu einem sehr grossen Teil selbst organisieren und auch selbst das Geld dafu00c3u00bcr aufbringen mu00c3u00bcssen. Das hat alles zahlreiche Nachteile, aber in diesem Zusammenhang hier auch einen grossen Vorteil: Es gibt keinen tru00c3u00a4gen Apparat, den man erst mal auf Touren bringen muss. Obama hat einfach etwas ausprobiert und riesigen Erfolg damit gehabt. Wenn nicht, wu00c3u00bcrde keiner mehr dru00c3u00bcber reden. Hu00c3u00a4tte er sein Konzept vom SPD-Bundesvorstand abnicken lassen mu00c3u00bcssen, wu00c3u00a4re da nie was draus geworden. u00c3u009cbertragen kann man es nicht, weil der Personenbezug bei uns trotz Spitzenkandidaten nicht so gross ist bzw. sich das Interesse der Partei immer danebenschiebt.

Die "Welt" weist u00c3u00bcbrigens darauf hin, dass die CDU der SPD trotz Relaunch in einem Punkt voraus ist: Dort exisitert mit "team2009.de" bereits eine Kampagnenplattform fu00c3u00bcr den Wahlkampf; von sowas ist bei der alten Tante noch weit und breit nichts zu sehen.

Die Websites der deutschen Parteien kannst du relaunchen bis zum Umfallen. Da wird trotzdem kein Obama-Schuh draus. Der Unterschied ist strukturell (was nicht heissen soll, dass bei der alten Tante SPD Hopfen und Malz verloren ist).

Was ist der grosse Unterschied? Die Obama-Bewegung setzte auf die Strukturen der Demokraten auf und noch einen drauf. Geht hier sicher auch. aber zur Bewegung braucht's zweierlei: Charisma und eine Botschaft. Wir merkeln lieber und verheddern uns in Realpolitik. Frage ist auch, ob wir das u00c3u00bcberhaupt wollen. Nur ungern erinnern wir uns an die schlechten Erfahrungen mit der letzten "Bewegung".

Ihre Kommunikation ist innerparteilich ausgerichtet. Austausch mit dem Bu00c3u00bcrger findet nicht statt.

So ganz stimmt das auch nicht. Erstens gibt es gute Ansu00c3u00a4tze. Einzelne Aktivitu00c3u00a4ten zwar aber immerhin. Und es gibt Abgeordnetenwatch. Ich finde schon, dass man dort erkennen kann, dass es ganz so schlimm nicht um unsere Politiker/innen steht. Die meisten antworten auf Fragen in einer vertretbaren Zeit und zeigen sich nicht selten ausgesprochen diskussionsfreudig.

Das kann ich so zu 100 Prozent unterstreichen. Das Problem scheint in den Parteien (nicht nur in der SPD) tief verwurzelt zu sein.

Der Bu00c3u00bcrger gilt nicht als Derjenige, der am Ende u00c3u00bcber Sieg oder Niederlage entscheidet, sondern als Stu00c3u00b6renfried, als notwendiges u00c3u009cbel. Wenn man mit dem nun auch noch via Internet kommunizieren muss, wann sollen wir denn noch regieren? Dafu00c3u00bcr bleibt ja keine Zeit.

Die grou00c3u009fen Politiker verlassen sich auf ihren Listenplatz und vergessen dabei, dass sie trotzdem gewu00c3u00a4hlt werden. Ihre Kommunikation ist innerparteilich ausgerichtet. Austausch mit dem Bu00c3u00bcrger findet nicht statt.

Ich freue mich auf den Moment, in dem es ein Politiker komplett anders machen und damit erfolgreich sein muss. Denn dann wird unserer politischen Elite bewusst werden, dass sie sich u00c3u00a4ndern muss. Bis dahin ku00c3u00b6nnen wir nichts tun auu00c3u009fer die zu ru00c3u00bcgen, die nicht mit uns reden und die zu loben, die es doch tun.

Trackbacks

  1. [...] gehe davon aus, dass Nico Lumma mit seiner Bemerkung (1. Satz) die fundamentalen Veränderungen meint, die durch die Finanzkrise [...]

  2. [...] macht noch keine Internetpartei. Nico Lumma bringt es treffend auf den Punkt, daher verweise ich schlicht auf seinen Kommentar zu diesem [...]

  3. [...] Entwicklung der selbsternnaten Internetpartei SPD haben sich die Genossinnen und Genossen aber in erster Linie selbst zuzuschreiben. Der lachende [...]

  4. Start der neuen spd.de…

    Nun ja, die ersten zwei Minuten gingen denn mal gründlich schief:
    In der PM des SPD-Presseservice war ein Tippfehler, so dass man zuerst gar nicht auf die richtige Seite geleitet wurde. Und dann war der Server wegen Überlastung nicht zu erre…