Privatsphäre ist auch nicht das, was es mal war

Nico —  17.02.2009

Die allgemeine Vorstellung von Privatsphäre wird gerade aus den verschiedensten Ecken herausgefordert. Traditionell wurde Privatsphäre mit den eigenen vier Wänden gleichgesetzt, aber auch mit einem Mobilitätsbegriff, der davon ausging, daß man sich frei und ungehindert bewegen können muß, ohne daß eine Instanz darüber informiert wird. Ich kann mich noch dunkel an die Debatten zur Volkszählung erinnern, aber auch an die Diskussion um die Einführung von Kartenzahlungen an Ticket-Automaten und den möglicherweise daraus resultierenden Bewegungsprofilen der Kunden.

2009 ist das Jahr, in die Veränderungen der letzten 10 Jahre allen deutlich werden. Der Staat auf der einen Seite verlangt mit der Vorratsdatenspeicherung Zugriff auf unsere Verbindungsdaten und will mit einem Bundestrojaner dafür sorgen, daß Festplatten-Inhalte entfernter Rechner ausgelesen werden können, der Nutzer auf der anderen Seite gibt freiwillig, oder gezwungenermaßen, weil er einen Dienst nutzen will, umfangreiche Informationen über sich selber preis, von den GPS-Koordinaten, Bankverbindungen, ladungsfähiger Adresse, bishin zu persönlichen Vorlieben, sexueller Neigungen und seinem nahezu kompletten Bekanntenkreis im jeweiligen Kontext eines sozialen Netzwerkes. Huch.

Wir nutzen Social Media um das zu tun, was wir früher auch getan haben. Wir reden über banale Dinge des Alltags, diskutieren Schiedsrichter-Entscheidungen vom Vortag, finden Kinofilme gut, schwärmen von Musik oder den Schuhen, die man unbedingt haben muß und die so gut zum Outfit passen. Nur, der entscheidende Unterschied ist, daß wir diese Inhalte jetzt mit viel mehr Leuten austauschen als es uns je zuvor möglich war und daß diese Daten über das Netz verteilt werden, ohne daß wir eine Möglichkeit haben, zu einem späteren Zeitpunkt darauf Einfluß zu nehmen.

Mark Zuckerberg hat in einer Stellungnahme zu der derzeit viel- und realitätsfern-diskutierten Änderung der Terms of Service von Facebook folgende Anmerkung gemacht, die ein deutliches Nachdenken über unseren Umang mit persönlichen Daten auslösen sollte, vor allem in Hinblick darauf, daß es keine einfachen schwarz-weiss Lösungen mehr gibt:

People want full ownership and control of their information so they can turn off access to it at any time. At the same time, people also want to be able to bring the information others have shared with them—like email addresses, phone numbers, photos and so on—to other services and grant those services access to those people’s information. These two positions are at odds with each other. There is no system today that enables me to share my email address with you and then simultaneously lets me control who you share it with and also lets you control what services you share it with.

Es wäre ja alles so einfach, würde es nur um unsere persönlichen Daten gehen, aber das Austauschen und Verteilen von Inhalten stellt den Umgang mit Privatsphäre vor völlig neue Herausforderungen. Insbesondere wenn man Verfahren finden will, die auch für normale User praktikabel sein sollten, die sich keine Gedanken über theoretische Implikationen ihres Handels machen wollen, sondern einfach nur den Button suchen, mit dem sie einmal Geschriebenes wieder aus dem Netz bekommen, bzw. ändern können.

Aus dem stets ge- und befürchteten Überwachungsstaat ist eine User-generierte, privatwirtschaftlich-organisierte verteilte Variante entstanden. Es liegt jetzt an uns, den Umgang mit Privatsphäre neu zu definieren und stets im jeweiligen Kontext neu zu bewerten.

13 responses to Privatsphäre ist auch nicht das, was es mal war

  1. Was Zuckerberg verkennt ist, dass es, wenn es der Kunde wünscht, möglich gemacht werden sollte. Ein System, in dem ich begrenzt Leuten Zugang zu den Informationen geben kann, ohne dass sie leicht (d.h. nicht von Tekkie-Freaks mit entsprechenden Tools, sondern von der Masse) herunterladbar oder kopierbar sind, ist gut denkbar. Die Frage ist doch eher die, wie finanziert man so einen Service. Was bei facebook derzeit verloren geht, ist Vertrauen. Fatal für eine Marke.
    Das Problem ist ähnlich auch beim thema cloudcomputing vorhanden. Zukunftsweisend aber mit dem gleichen Trust-Problem „gesegnet“, welches insbesondere Unternehmen zögern lassen wird, entsprechende dienst ein Anspruch zu nehmeen. Der Schlüssel könnt ein Kryptografie-Techniken liegen, was natürlich bei der mit Absicht geteilten Information mit Freunden keine Lösung darstellt.

  2. Das, was Zuckerberg da sagt, ist doch Nebelkerzenwerfen.

    Klar kann ich meine Daten nicht mehr voll kontrollieren, wenn ich sie gleichzeitig teilen will. Die Tatsache, dass ich mit der Angabe meiner Vorlieben Facebook punktgenaue Werbung erlaube, müsste aber eigentlich genug Gegenleistung für den Service sein — eine unwiderrufliche Lizenz für eingestellte Inhalte zu verlangen, ist eine Frechheit.

    Ich könnte grad lang hinkotzen über diese „So ist die schöne neue Welt nun mal — fresst oder sterbt“-Haltung.

  3. Das erste Gebot ist Aufklärung und Wissen. Die Menschen von ganz jung bis ganz alt müssen lernen und verstehen, welche Konsequenzen es hat oder haben kann, im Netz bislang selbstverständliche Privatheit aufzugeben. Wie ich gestern abend zum Thema facebook schrieb (http://snurl.com/facebooktos) haben auch kostenlose Webdienste einen Preis. Nämlich den der Informationspreisgabe. Die Kontrolle darüber, was mit den Informationen geschieht, ist eine Frage für den Gesetzgeber und die Juristen, die hier auf Jahre gesehen ein sehr komplexes Feld werden beackern müssen.

    Ganz vorn steht aber der bewusste Umgang mit den eigenen Informationen und den Mechanismen ihrer Verbreitung und Weiterverwendung. Medienkompetenz hieß das mal. Dass hier auch in Schulen und Elternhäusern noch vieles im Argen liegt, zeigte mir der Schwerpunkt von 3sat neue am Sonntag zu „Cybermobbing“. Missbrauch von SocNet-Profilen, Handyfotos, IM-Accounts etc ist gerade bei Kindern und Jugendlichen Alltag. Wenn die auf diese Weise sozialisiert werden, hat die nächste Webgeneration ein Problem.

  4. Es sollte eigentlich jedem klar sein, dass Inhalte die man ins Netz stellt nicht mehr der eigenen Kontrolle unterliegen.

    Aber es macht dann doch noch einen großen Unterschied ob sich diese Daten „nur“ im Netz verteilen oder ob sich da jemand, wie jetzt z.B. Facebook, automatisch allumfassende Rechte an diesen Daten übertragen lässt.

  5. Wie Herr Kaliban so schön sagte: Nebelkerzenwerfen

    Das grundlegende Problem ist doch die extrem divergierende Perspektive. Mark Zuckerberg argumentiert natürlich und verständlicherweise aus der Perspektive eines Angebots, das davon lebt, dass alle Informationen innerhalb der User frei verfügbar sind. Daneben lässt sich nach meinen Empfinden ganz klar formulieren, dass die Userprofile umso wertvoller werden, je weniger Privatsphäre es gibt. Da ist nicht neu, Google arbeitet doch auch so. Und aus rechtlicher Sicht würde ich als Betreiber auch nicht anderes wollen.

    Das allerdings steht im Widerspruch zu den Ansprüchen vieler User. Vielen ist sicherlich duchaus bewusst, dass man einmal Veröffentlichtes nicht mehr „stornieren“ kann. Dennoch dürften viele ein gesundes Unbehagen verspüren, wenn man Ihnen sagt, dass alles was solchen Umgebungen veröffentlicht, nicht mehr ihnen gehört, sondern ab sofort ein netter Konzern hierauf für immer die Rechte hat und damit Geld verdient.

    Deswege habe ich, wie gestern gepostet (http://tinyurl.com/az7cl8) gehandelt und die Sache beendet.

  6. Früher hatte man eine Privatsphäre, ohne etwas tun zu müssen. Ich glaube, von dem Gedanken müssen wir uns verabschieden.

    Heute muss man seine Privatsphäre aktiv schützen. Und davon ausgehen, das das was man im Netz tut, eben nicht privat ist, sondern öffentlich.

  7. Tja. Privatsphäre, Datenschutz und Web 2.0, ein endloses Thema.

    Mein persönlicher, naiver Wunsch ist, dass der Missbrauch meiner öffentlichen Daten ganz einfach nur strafbarer wird.

    http://www.hanno.de/blog/2008/wuensche-an-den-datenschutz/

    Die Konsequenzen aus vergangenen Datenpannen und -skandalen waren für die Täter lachhaft. Wenn die Folgen für Fehlverhalten mit persönlichen Daten so gering sind, ist verständlich, dass Unternehmen und Behörden wenig Anlass sehen, die ihnen anvertrauten Daten mit Respekt zu behandeln.

    Der schwunghafte Adresshandel zwischen Callcentern, Drückerkolonnen und Losverkäufern funktioniert ja auch deshalb so gut, weil man die Strafen praktisch ignorieren kann: Großer Profit, unwahrscheinliche und dann sogar kleine Strafe – kein Wunder, dass schwarze Schafe sich gerne auf dieser Weide tummeln.

    Auch bei staatlichen Stellen hört man nie von echten Konsequenzen für Fehlverhalten. Polizeibeamte, die Fahndungsdatenbanken zum Ausforschen ihrer Nachbarn nutzen? Bürgerdaten aus den Meldeämtern versehentlich im Netz oder an Adresshändler weiterverkauft? Na, huch. Aber nein, da können wir doch niemanden im Amt für sanktionieren, wo kämen wir denn da hin? Und der Vorgesetzte, nein, der sieht auch keinen Anlass, dafür die Verantwortung zu übernehmen.

  8. Als Musik-Bloggerin komm ich um Myspace nicht herum. Was echt nervt ist, dass ich dort nicht umhin kommen einen Beziehungsstatus anzugeben.

    Jeder muss dort preisgeben, ob er oder sie gerade Single oder in einer Beziehung ist. (oder lügen). Solche Angaben sollten immer freiwillig sein. Ebenso die Angabe, ob man Kinder hat, oder welche möchte…

    Mich erschreckt, dass viele sogar freiwillig ihr jährliches Einkommen auf Myspace veröffentlichen.

    Private Partyfotos haben meiner Meinung nach in einem öffentlichen Raum auch nichts zu suchen… sehen viele anders.

    Sprich auf vielen Social Communitys machen die Leute sich gläserner als der Überwachungsstaat sich dies wünschen dürfte.

    DifferentStars

  9. Nico, alles schön und gut. Wenn Dich Deine Tochter eines Tages wegen des bei ihr vorgenommenen elterlichen Eingriffs in die informationelle Selbstbestimmung Kiel holt, wirst Du vielleicht begreifen, was Privatsphäre einmal war :-)

  10. @Michael Lohmann: Früher…hatten wir kein Web.

    Datenschutz ist sehr wichtig, aber was meiner Ansicht nach regelmäßig übersehen wird, ist, dass man nicht seine Daten mit unzähligen Freunden, Kontakten und Services teilen und gleichzeitig erwarten könnte, dass man noch Kontrolle darüber hätte.

    Den Grundsatz der Datenvermeidung sollte man im eigenen Interesse im Umgang mit Social Media beherzigen.

    Ja, den Umgang mit Privatsphäre neu zu definieren, ist sinnvoll.

    Das Problem dabei besteht aber auch darin, dass sich heute nicht sicher sagen lässt, was in etwas fernerer Zukunft einmal zum persönlichen Boomerang werden könnte.

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  1. links for 2009-02-18 | i heart digital life - 18.02.2009

    […] Privatsphäre ist auch nicht das, was es mal war Nico schreibt über die Terms of Service Änderungen bei Facebook und darüber, was Privatssphäre im digitalen Zeitalter bedeutet. (tags: privatssphäre gesellschaft internet socialweb web2.0) […]

  2. Unter Freunden - das Private, das Öffentliche und das Juristische : Neues aus der Inspirationsgesellschaft - 19.02.2009

    […] Auch die Diskussion “Wem gehören meine Daten auf Facebook – Marc Schwieger oder Mark Zuckerberg? passt in diesen Zusammenhang. Die juristischen Regeln setzten fest, was die User untereinander nicht regeln können. Die Nutzung von privaten Inhalten online geführter Gespräche in einem womöglichen kommerziellem Zusammenhang außerhalb meiner virtuellen Privatsphäre widerspricht unserem intuitiven Gefühl für das Private und das Öffentliche. […]

  3. Links vom 14. bis 21. Januar 2009 | i heart digital life - 23.02.2009

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