Die allgemeine Vorstellung von Privatsphäre wird gerade aus den verschiedensten Ecken herausgefordert. Traditionell wurde Privatsphäre mit den eigenen vier Wänden gleichgesetzt, aber auch mit einem Mobilitätsbegriff, der davon ausging, daß man sich frei und ungehindert bewegen können muß, ohne daß eine Instanz darüber informiert wird. Ich kann mich noch dunkel an die Debatten zur Volkszählung erinnern, aber auch an die Diskussion um die Einführung von Kartenzahlungen an Ticket-Automaten und den möglicherweise daraus resultierenden Bewegungsprofilen der Kunden.
2009 ist das Jahr, in die Veränderungen der letzten 10 Jahre allen deutlich werden. Der Staat auf der einen Seite verlangt mit der Vorratsdatenspeicherung Zugriff auf unsere Verbindungsdaten und will mit einem Bundestrojaner dafür sorgen, daß Festplatten-Inhalte entfernter Rechner ausgelesen werden können, der Nutzer auf der anderen Seite gibt freiwillig, oder gezwungenermaßen, weil er einen Dienst nutzen will, umfangreiche Informationen über sich selber preis, von den GPS-Koordinaten, Bankverbindungen, ladungsfähiger Adresse, bishin zu persönlichen Vorlieben, sexueller Neigungen und seinem nahezu kompletten Bekanntenkreis im jeweiligen Kontext eines sozialen Netzwerkes. Huch.
Wir nutzen Social Media um das zu tun, was wir früher auch getan haben. Wir reden über banale Dinge des Alltags, diskutieren Schiedsrichter-Entscheidungen vom Vortag, finden Kinofilme gut, schwärmen von Musik oder den Schuhen, die man unbedingt haben muß und die so gut zum Outfit passen. Nur, der entscheidende Unterschied ist, daß wir diese Inhalte jetzt mit viel mehr Leuten austauschen als es uns je zuvor möglich war und daß diese Daten über das Netz verteilt werden, ohne daß wir eine Möglichkeit haben, zu einem späteren Zeitpunkt darauf Einfluß zu nehmen.
Mark Zuckerberg hat in einer Stellungnahme zu der derzeit viel- und realitätsfern-diskutierten Änderung der Terms of Service von Facebook folgende Anmerkung gemacht, die ein deutliches Nachdenken über unseren Umang mit persönlichen Daten auslösen sollte, vor allem in Hinblick darauf, daß es keine einfachen schwarz-weiss Lösungen mehr gibt:
People want full ownership and control of their information so they can turn off access to it at any time. At the same time, people also want to be able to bring the information others have shared with them—like email addresses, phone numbers, photos and so on—to other services and grant those services access to those people’s information. These two positions are at odds with each other. There is no system today that enables me to share my email address with you and then simultaneously lets me control who you share it with and also lets you control what services you share it with.
Es wäre ja alles so einfach, würde es nur um unsere persönlichen Daten gehen, aber das Austauschen und Verteilen von Inhalten stellt den Umgang mit Privatsphäre vor völlig neue Herausforderungen. Insbesondere wenn man Verfahren finden will, die auch für normale User praktikabel sein sollten, die sich keine Gedanken über theoretische Implikationen ihres Handels machen wollen, sondern einfach nur den Button suchen, mit dem sie einmal Geschriebenes wieder aus dem Netz bekommen, bzw. ändern können.
Aus dem stets ge- und befürchteten Überwachungsstaat ist eine User-generierte, privatwirtschaftlich-organisierte verteilte Variante entstanden. Es liegt jetzt an uns, den Umgang mit Privatsphäre neu zu definieren und stets im jeweiligen Kontext neu zu bewerten.



[...] Privatsphäre ist auch nicht das, was es mal war Nico schreibt über die Terms of Service Änderungen bei Facebook und darüber, was Privatssphäre im digitalen Zeitalter bedeutet. (tags: privatssphäre gesellschaft internet socialweb web2.0) [...]
[...] Auch die Diskussion “Wem gehören meine Daten auf Facebook – Marc Schwieger oder Mark Zuckerberg? passt in diesen Zusammenhang. Die juristischen Regeln setzten fest, was die User untereinander nicht regeln können. Die Nutzung von privaten Inhalten online geführter Gespräche in einem womöglichen kommerziellem Zusammenhang außerhalb meiner virtuellen Privatsphäre widerspricht unserem intuitiven Gefühl für das Private und das Öffentliche. [...]
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