CeBIT – in Zukunft ohne mich

Nico —  9.03.2009

Beim Lesen dieser Zeilen sollte man sich im Hintergrund immer dieses mega-schwülste „Time to say good-bye“ von Sarah Brightman & Andrea Bocelli vorstellen, damit auch die richtige Stimmung gesetzt wird.

durch diese hohle Gasse...Ende der 90er Jahre war die CeBIT für mich und meine Freunde ein immens wichtiges Ereignis. Wir sind fast täglich von Göttingen nach Hannover gependelt, was ziemlich gut in ein Studenten-Budget passte, da die Züge so voll waren, daß die Schaffner überhaupt nicht durchkamen, so daß man locker mit einem Rückfahrticket die ganze Woche pendeln konnte. Aber nicht nur die Züge waren voll, sondern auch die Hallen und die Messestände. Es gab wirklich etwas zu sehen und überall waren Neuigkeiten, es lag eine Atmosphäre in der Luft, die Innovationen suggerierte und man hatte das Gefühl, daß für eine gute Woche der Fokus der Technikwelt komplett auf Hannover lag. Wir sind von Stand zu Stand gepilgert, immer mit dem arroganten Anspruch, daß wir Bescheid wissen, was gerade abgeht („wir hätten gerne jemand aus der Technik gesprochen, nicht nur irgendjemanden aus dem Marketing, der keine Ahnung vom Produkt hat!“), abends dann wurden Standparties mitgenommen und mit dem letzten Zug sind wir nach Göttingen zurückgefahren. Those where the days, aber für uns war die CeBIT damals wirklich ein Großereignis, das wir nicht verpassen wollten. Ich könnte jetzt unzählige Sätze mit „ich weiß noch, damals…“ anfangen und von Jon „Maddog“ Hall und den OpenSource-Ständen erzählen, von Standparties bei Tobit, vom ersten Besuch amerikanischer Google-Mitarbeiter auf der CeBIT, und so weiter und so fort.

einmal M3 extrascharfMittlerweile ist es anders. Es gibt nichts Neues zu sehen. Nirgends. Hallen mit Schaltschränken, USV-Anlagen, Bankautomaten, eGovernment-Initiativen oder ähnlichem wirken nur noch wie ein lose zusammengewürfeltes Sammelsurium von Technik-Themen, die kein verbindenes Element mehr haben. Die Hallen sind leer, noch nicht einmal Beutelratten sind unterwegs, um die letzten aufblasbaren Gadgets abzugreifen.

Johnny AnimateurDie vielfachst gepriesene Webciety ist ehrlich gesagt auch nicht mehr als eine weitere reingewürfelte Themenwelt, die überhaupt nicht zum Rest der Veranstaltung passt. Das Konferenzprogramm mag recht nett sein, aber ich glaube nicht, daß das wirklich Leute aus den anderen Hallen anzieht. Die schwarzen Waben waren auch nicht so der Brüller (sorry, Cedric) und die vorhandenen Stände waren abgesehen vom Highlight Yeebase (free Wlan und Timo Heuer live und in Farbe, die ungekrönte Nr. 1 eines jeden Web2.0-Gettogether-Wikis) auch eher unspektakulär. Die pre:publica war eine nette Idee, aber wenn ich die Hälfte der Leute im Publikum bereits kenne, dann ist es auch eher Preaching to the Choir denn das Vermitteln neuer Ideen an interessiertes CeBIT-Publikum. Überhaupt, 20% weniger Besucher dieses Jahr waren durchaus deutlich sichtbar, aber ich würde gerne mal wissen, wer überhaupt noch eine Karte gekauft hat dieses Jahr. Ich kenne keine einzige Person.

Die Zeit der großen, universellen CeBIT ist vorbei. Es wird Zeit für andere, speziellere Formate.

15 responses to CeBIT – in Zukunft ohne mich

  1. Ein bemerkenswertes Fazit. Es dürfte aber nicht nur für die CeBIT gelten, sondern für andere Messen auch. Alles Neue erscheint heute zuerst im Internet, angefangen mit Twitter, über Blogposts bis zu Videos und Screencasts. Das Internet ist heute die permanent laufende Messe für Neuheiten. Auf den Messen selbst bleibt somit nur noch der persönliche Kontakt. Das ist nicht wenig, aber es ist halt nicht mehr so wie früher.

  2. Das erste politisch-unkorrekte Fazit der Messe (soweit ich gesehen habe). Danke, Nico, für diese Unangepasstheit.

    Es ist ja gar kein Cebit-Bashing, wie auch mein Vorkommentator Matthias bemerkt. Ob Traditions-Messe oder Barcamp (ohoh – bitte jeder nur einen Stein ;-) … solange hauptsächlich gleichgesinnte Altbekannte zusammenkommen , kann keine Innovation entstehen. Das allerdings ist das Los eines jeden erfolgreichen Event-Formats: Es wiederholt sich – und irgendwann ist es obsolet. Nur durch permanentes Neugestalten könnte man diesem Automatismus entrinnen.

    Aber: sind wir ehrlich zu uns selbst: wir wollen es doch alle schön heimelig, oder?

  3. Ja, es ist richtig. Das Zeigen spielt keine Rolle mehr. Wichtig sind die Gespräche. Also braucht es einen Ort, eine Gelegenheit, die richtige Organisation. Messen sind also Vergangenheit, Gespräche die Zukunft. Und es ist nie gut, wenn sich viele vom gleichen Haufen auf dem gleichen Haufen treffen. Die Zukunft sind die kleinen Fachmessen, auf denen sich dann auch die 2.oer gesellen. Da müsst ihr hin. Ich geh‘ dann mit.

  4. Da schwurbel ich mir einen ab um mein dumpfes Gefühl messehallenleeren Egals in Worte zu fassen (http://www.opensourcepr.de/2009/03/06/webciety/) und Nico packt’s in ein deutlich weniger Zeilen. Ich treff euch trotzdem gern bei allerlei Ringelpiezveranstaltungen! Wir sehn uns! :-)

    Den einzigen wirklich guten Satz bracht Gunter Dueck im Gespräch mit Johnny Haeusler: „Innovation passiert, wenn man ein paar Verrückte einfach machen lässt.“ (sinngemäß) Und dafür brauchte ich sogar nur die Aufzeichnung des Streams zu gucken. War ein bisschen wie Mondlandung, hätte auch im Studio stattfinden können…

  5. agree.

    man könnte behaupten dass, seit http://www.messebabes-server.de/ kein update mehr gefahren hat, die Qualität der Messe von Jahr zu Jahr massiv abgenommen hat. Zufall? :-)

  6. Das ist kein bemerkenswertes Fazit, sondern konsequent für jeden, der sich das Trauerspiel dieses Jahr angesehen hat.

    Die Leere auf der Messe war erschreckend. Lange Wege, bei denen man an großzügigen Flächen mit Stehtischen vorbeikommt, an denen niemand steht. Bei den großen Firmen Standpersonal, die keine Ahnung von dem hatten, was sie da zeigen sollten – und keine Lust.

    Webciety in aller Ehren. Aber diese dunkle Ecke mit den zusammen gewürfelten Ständen und lahmen Präsentationen/Podien, bei denen man den Eindruck hatte, die Teilnehmer waren nicht wegen ihrer Expertise ausgewählt, sondern weil sie dem Netzwerk der Macher entstammen, war kein Lichtblick, sondern fügte sich in die überall zu spürende Ratlosigkeit ein.

    Webciety erschien mir wie eine Art Familientreffen. Inzucht ist nicht gut. Dem Statement: „Die Zukunft sind die kleinen Fachmessen, auf denen sich dann auch die 2.oer gesellen. Da müsst ihr hin. Ich geh’ dann mit.“ stimme ich zu. Über meine Branche wird in der web2.0-Community eifrig diskutiert und es gibt einige Start-Ups und Angebote. Die Protagonisten lassen sich jedoch nicht auf den Branchentreffs blicken. Selbst wenn es um Kommunikation geht – ein Kern des web2.0. Also: Genug gebarcampt und re:publuziert. Es ist Zeit ins reale Business zu gehen und sich zu stellen.

  7. Ja meine Güte, das Format hat sich geändert… wie furchtbar ;) Ist halt so, wer auf der CeBIT nicht mindestens 5 Termine pro Tag im Vorfeld geklärt hat, wird sich langweilen. Weg von der Innovations-Messe, hin zum business get together. Hat doch auch seine Berechtigung, oder?

  8. Michael Kausch 10.03.2009 at 15:12

    Die CeBIT ist nicht zu klein geworden, sie ist im Gegenteil zu groß für die neuen Aufgaben die sie übernehmen muss.
    Sie ist groß, weil IT heute längst eine Querschnitttechnologie geworden ist, und sie in ihrem Drang nach Komplettheit kein Thema ausgelassen hat. Wenn die CeBIT 2009 nochmals rund 25 Prozent Aussteller verloren hat, dann diente dies leider nicht der Fokussierung. Es waren wieder alle Bereiche der ITK vertreten, aber keiner war mehr komplett: die Netzwerktechnik ohne den Marktführer Cisco, die Software ohne Oracle, Adobe und Lotus, die IT-Sicherheit ohne Computer Associates, Sophos und Utimaco, die Hardware (fast) ohne Hewlett-Packard, Apple und Sony. Die Funktion einer kompletten Marktübersicht kann die CeBIT also nicht mehr bieten. Dafür ist sie zu klein. Aber für die Funktion auf Trends hinzuweisen ist sie zu groß. Wer schon weiß was er sucht, ist auf der CeBIT gut dran. Aber wer die Branche und ihre Bedeutung für unseren Alltag im Jahr 2009 kennenlernen will, der geht auf 200.000 Quadratmeter verloren.
    Ich denke, den Anspruch die ganze Branche abzubilden, muss sich die CeBIT abschminken. Sie versammelt aber noch immer tolle Innovationen, hervorragende Redner und neuerdings auch vermehrt interessante Debatten. Der Anspruch die ganze Branche abbilden zu wollen, verhindert aber eine stärkere Themenorientierung, eine vernünftige Fokussierung auf große Trends und Themen, eine bessere Übersichtlichkeit, ein vernünftiges didaktisches Konzept, mit dem einer breiten Öffentlichkeit die Bedeutung der ITK-Branche ermittelt werden könnte. Und auch der Fachbesucher wird nur glücklich, wenn er schon vorher weiß, wen er besuchen will.
    Die Alternative besteht nun aber nicht in zahlreichen kleinen Fachmessen in irgendwelchen Städten in der deutschen Provinz. In mittelständischen Unternehmen gibt es nicht je einen Spezialisten für IT-Sicherheit, Mobilkommunikation, SOA und ERP/CRM. Hier wollen Geschäftsführer und IT-Leiter alle IT-relevanten Themen an einem Ort haben. Die Zeit der Generalisten-Events ist keinesfalls vorbei. Aber diese Events müssen übersichtlich und themenorientiert sein. Und sie müssen einfache und preiswerte Präsenzmöglichkeiten für ihre Aussteller und Partner bieten, damit die wichtigsten Player auch vor Ort sein können. Sie müssen mehr auf offene Diskussion und nicht nur auf repräsentative Stände setzen. Die WebCiety war da in gewisser Weise durchaus beispielhaft für die Zukunft der CeBIT.
    Im Blog des SYSTEMS-Nachfolgers discuss & discover findet diese Diskussion gerade auch im Hinblick auf die aktuellen Erfahrungen der CeBIT gerade statt: http://discuss-discover.com/community

  9. bei mir war es auch ein 2-stelliges Cebitjahr und natürlich war es nicht mehr so toll wie früher, aber früher war ja auch die Zukunft viel besser, wie wir von Karl Valentin wissen.
    Ein Jahr ohne Cebit, das geht auch nicht. Ende Februar spätestens beginnt es unter den Fußsohlen zu kribbeln, da wollen sie auf Hallenböden Kilometer fressen.

  10. Die CeBIT tut mir leid. Sie ist jetzt genau in der gleichen Abwärtsspirale, in der sich die SYSTEMS befunden hat: Weniger Aussteller gleich weniger Besucher, weniger Besucher gleich weniger Aussteller. Folglich wird die nächste CeBIT noch kleiner werden. Wir haben daher die Konsequenzen gezogen und mit der discuss & discover etwas Neues geschaffen – als für uns einzig möglichen Ausweg. Aber das ist ein Risiko, das auch schief gehen kann. Und das ist genau das, was sich die CeBIT immer noch nicht erlauben darf. Sie ist zu groß für dieses Risiko und zu wichtig für Hannover. Und so wird sie auch noch weiter fleißig herumexperimentieren, jedes Jahr etwas anderes bieten, aber immer nur irgendwo in einer Halle und immer viel kleiner als man gedacht hat. Webciety ist hierfür ein schönes Beispiel. Künftig braucht die CeBIT vor allem eines: viel Mut. Ich wünsche es ihr.

  11. cebit karten kann man auch kaufen? versteh ich jetzt nicht.

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  1. bastelschubla.de — Ich auch nicht. - 10.03.2009

    […] Nico fährt nicht mehr zur CeBIT. Ob ich nochmal hinfahre, weiß ich momentan nicht. Er fragt, wer überhaupt eine Karte gekauft habe – er kenne niemanden. Ich auch nicht – ich habe weder eine Karte gekauft  (sondern bin mit einem kostenlosen, selbstgedruckten eTicket auf der Messe gewesen), noch kenne ich jemanden, der eine Karte gekauft hat. […]

  2. Felix Braun » Cebit 2009 - nicht mehr das was es mal war - 15.03.2009

    […] meiner Meinung bin ich übrigens nicht allein. Nico zieht ein ähnliches […]