26. Dezember 2009

Was erlauben ARD?

Das Jahr 2009 klingt aus mit dem Backlash der Printfetischisten, erst das Leistungsschutzrecht für Verlage und jetzt: iPhone-Anwendung: Staatsminister lehnt gratis “Tagesschau”-App ab . Weil angeblich neue Geschäftsmodelle privater Anbieter gefährdet seien, lehnt Kulturstaatsminister Bernd Neumann (CDU) die von der ARD geplante iPhone-App ab. Überraschen tut mich das nicht, aber glauben mag ich es dennoch nicht.

Ich habe sicherlich in diesem Jahr die Tagesschau keine fünf Mal um 20 Uhr gesehen, auch die Tagesthemen nicht, von der heute-Sendung um 19 Uhr oder dem heute-journal will ich gar nicht erst reden. Aber online gucke ich die Nachrichtensendungen, oder die für mich relevanten Teile, durchaus häufig, natürlich insbesondere dann, wenn mein soziales Umfeld Beiträge verlinkt. Eine iPhone-App würde durchaus dazu führen, daß ich meine Sehgewohnheiten in Richtung iPhone und damit einer mobilen Nutzung verlagern würde. Man könnte meinen, daß damit dem öffentlich-rechtlichen Anspruch einer Grundversorgung Rechnung getragen werden würde. Die Medienlandschaft hat sich verändert und die ARD tut gut daran, sich an die veränderten Rezeptionsgewohnheiten zu gewöhnen. Sicher, Verlage, die sich mittlerweile Medienhäuser nennen und ebenfalls im Bewegtbildsegment im Internet einen Teil ihrer Zukunft sehen, finden dies nicht so prickelnd, aber das sind nunmal die Marktbedingungen. Aus Sicht eines Gebührenzahlers finde ich, daß die ARD ihrem Auftrag nachkommen sollte, und dazu gehören mittlerweile sicherlich auch Apps, facebook-Präsenzen oder ähnliches.

Ich halte es allerdings für generell sinnvoll, über das Thema GEZ und öffentlich-rechtliche Grundversorgungen einmal ausführlicher zu diskutieren, denn die ständigen Versuche, die öffentlich-rechtlichen Sender bei der Verbreitung ihres Angebots über das Internet beschränken zu wollen, lassen darauf schließen, daß hier Klärungsbedarf besteht. Fernsehen wird sich noch mehr ins Internet bewegen, hier gesondert über mobile Anwendungen zu diskutieren, finde ich wenig zielführend. Die Lobby-Kanonen der Printbranche sind in Position gebracht für 2010 und die Union lässt sich mühelos von den ersten Salven beeindrucken.

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Die App heute wird morgen den Grund dafu00c3u00bcr liefern, dau00c3u009f man sein Mobiltelefon bei der GEZ anmelden muu00c3u009f.

Und weil das zu einer weiter sinkenden Akzeptanz der GEZ Gebu00c3u00bchren fu00c3u00bchren wird, wird sie ein Wegbereiter der Haushaltsabgabe werden.

Genau die scheinst Du auch zu meinen wenn Du schreibst es wu00c3u00a4re 'u00c3u00bcber das Thema GEZ und u00c3u00b6ffentlich-rechtliche Grundversorgungen einmal ausfu00c3u00bchrlicher zu diskutieren'.

Ich bin davon nicht begeistert. Mir ist das alles jetzt schon zu viel. Jeder Sender einen eigenen Internetauftritt. Jedes Radioprogramm noch einmal als Stream; vielleicht - wie bei MDR-Sputnik - auch gleich vier Radiostreams! Jeder Beitrag noch mal als Podcast. Von Rote Rosen und zdf_neo gar nicht zu reden!

Aber die Gebu00c3u00bchren werden unter der Fu00c3u00bchrung von Kurt Beck steigen und bleiben so beliebt wie die SPD.

Und, das gebe ich gerne zu, mich nervt der iPhone Hype.Es gibt wirklich keinen Grund, dau00c3u009f die ARD auf diesen Zug nun auch noch aufspringen muu00c3u009f.

Sich ausgerechnet auf die App der "Tagesschau" einzuschieu00c3u009fen, halte ich auch fu00c3u00bcr vu00c3u00b6llig verfehlt.

Ganz richtig: Das Fernsehen wird immer mehr im Internet stattfinden. Jeder Anbieter von Medieninhalten sollte das volle Spektrum (soweit aus seiner Sicht sinnvoll) anbieten ku00c3u00b6nnen, von diesen Beschru00c3u00a4nkungen halte ich nichts.

Richtig wu00c3u00a4re - aber welcher Politiker wu00c3u00bcrde sich das trauen? - das Modell des u00c3u00b6ffentlich-rechtlichen Rundfunks generell infrage zu stellen. Das muss nicht gleich auf eine Abschaffung hinauslaufen, obwohl ich der Meinung bin, dass diese Diskussion ohne Tabus gefu00c3u00bchrt werden sollte.

Je mehr die Grenzen der Mediengattungen verschwinden, werden die u00c3u00bcber zwangsweise (ich bitte das nicht negativ wertend zu verstehen) erhobenen Gebu00c3u00bchren finanzierten Anbieter zum Problem fu00c3u00bcr die privat finanzierten Anbieter.

Gu00c3u00a4be es das (von mir durchaus geschu00c3u00a4tzte) grou00c3u009fe Informationsangebot von ARD und ZDF nicht, ku00c3u00b6nnte ein Sender wie N24 Marktanteile erreichen, die den Betrieb eines Nachrichtensenders profitabel machen wu00c3u00bcrden.

Schlimm genug, wie schwer es qualitativ hochwertiges Privatfernsehen (und Radio) dadurch immer hatte. Doch nun werden die u00c3u00b6ffentlich-rechtlichen Anbieter mehr und mehr zum Problem fu00c3u00bcr die Zeitungsverlage.

@Nico: Der Auftrag beschru00c3u00a4nkt sich schon seit Jahren nicht mehr allein auf Grundversorgung, sondern auf Vollprogramm inkl. Brot und Spielen. Das Argument "Grundversorgung" ist eine beliebte Nebelkerze einschlu00c3u00a4gig interessierter Lobbyisten ;)

@Casi: Wo genau wird das Gebu00c3u00bchrenmodell deiner Meinung nach wem nicht gerecht? Findest du, dass alle zahlen sollen? Auch die Internetzler? Oder nur die, die tatsu00c3u00a4chlich nocht u00c3u00b6ffentlich-rechtlichen Rundfunk schauen? Welche Reform schwebt dir vor? Eine allgemeine Medienabgaben? PayTV auf PPV-Basis?

Mit dem letzten Absatz hast Du einen wichtigen bzw den wichtigsten Punkt genannt. Es sollte weniger darum gehen, der ARD eine Tagesschau-App pauschal anzukreiden, sondern mehr darum, diesen GEZ-Dinosaurier abzuschaffen. Das Gebu00c3u00bchrenmodell wird der heutigen Zeit und den Sehgewohnheiten nicht mal mehr im Ansatz gerecht und gehu00c3u00b6rt abgeschafft bzw reformiert. Dann wu00c3u00bcrden auch automatisch die Kritiken aus den "Medienhu00c3u00a4usern" verstummen, denke ich...

Das hast Du super geschrieben und schlieu00c3u009fe mich Deiner Meinung voll an.

Trackbacks

  1. [...] iPhone-Apps: Was erlauben ARD? (Lummaland) – Nico Lumma äußert sich zu den abstrusen Vorwürfen mancher Politiker gegen die geplante Tagesschau-App für das iPhone. [...]

  2. Social comments and analytics for this post…

    This post was mentioned on Twitter by mobil_tipps: RT @nico Was erlauben ARD? Ein paar Anmerkungen zur geplanten iPhone-App der Tagesschau: http://bit.ly/7ZVGzv...

  3. [...] Das Neue ist jetzt, dass nicht mehr nur die privaten TV-Sender und Radiosender die öffentlich-rechtliche Konkurrenz spüren, sondern durch die Online-Angebote von ARD und ZDF sich die Zeitungsverlage nun ebenfalls in einer Konkurrenzsituation wiederfinden. Beschränkungen der Online-Aktivitäten von ARD und ZDF sind meiner Meinung nach jedoch absolut nicht zukunftsweisend, weil die Grenzen zwischen den Mediengattungen immer weiter verschwimmen. Gut auf den Punkt bringt das übrigens Nico Lumma in seinem Blog. [...]

  4. [...] iPhone-App der altehrwürdigen Tagesschau schlägt hohe Wellen. Im Lummaland findet sich ein sachlicher und richtiger Kommentar dazu, dessen – für mich – entscheidenden Satz ich hier zitieren [...]