Hexenjagd oder Generationskonflikt?

Nico —  23.02.2010

Sachar Kriwoj hat in seinem Blog die Frage Droht eine neue Hexenverfolgung? gestellt:

So langsam aber müssen sich die Medien und auch die Generation über uns damit abfinden, dass sich der technologische Fortschritt und die damit verbundenen gesellschaftlichen Veränderungen nicht mehr aufhalten lassen. Darum wäre es eminent wichtig, sich mit all diesen Diensten auseinanderzusetzen. Nicht durch aktionistische und an die Hexenverfolgung erinnernde Berichterstattung, sondern in der Praxis. Nur dann kann es einen sachlich fundierten Journalismus, nur dann kann es gesellschaftliche Aufklärung, nur dann kann es Verbesserung beim Datenschutz geben. Alles Andere ist Panikmache und fördert einen echten Generationen-Konflikt, der ausnahmsweise nicht finanzieller sondern gesellschaftlicher Natur ist.

Ich glaube, daß der Kern der Auseinandersetzung in den deutschen 70ern und 80ern zu suchen ist – als man sich in Deutschland entschieden hat, sehr skeptisch zu werden, was Computer-Technologie anbelangt. Insbesondere, wenn es um dieses Internet geht, bei dem es keine Authorität gibt, die alles kontrollieren kann. Der grassierende Luddismus ist ein letztes Aufbäumen bevor man eingestehen muß, daß das Internet die Spielregeln für immer geändert hat. Der Nachteil an dieser eher rückwärtsgewandten Diskussion ist, daß Deutschland immer mehr ins Hintertreffen gerät und die Ausprägungen des Internets nicht aktiv mitgestalten kann, sondern die Richtung diktiert bekommt. Diese Hilflosigkeit kann man in der Diskussion gut beobachten. Es ist an der Zeit, nach Vorne zu gucken und zu gestalten, anstatt zu hoffen, daß die Vernetzung der Gesellschaft zurückgedreht werden kann. Die Welt hat sich technlogisch massiv verändert und ändert sich in den nächsten 10 Jahren schneller als je zuvor, mit allen gesellschaftlichen Auswirkungen, die es zu meistern gilt.

7 responses to Hexenjagd oder Generationskonflikt?

  1. Deutschland ist nach allen englischsprachigen Ländern das Land mit den meisten Twitterusern. Wo genau siehst Du das „Hintertreffen“? Oder redet man dieses Hintertreffen etwa genau in der Branche, die dann als strahlender Retter auftreten kann, auch gerne herbei?

  2. haben wir eine Firma, die das Internet prägt? Die Maßstäbe setzt?

    Die Anzahl Twitter-User ist mir dabei ziemlich egal. Die Spielregeln definieren gerade andere.

  3. Das rückgewandte Denken wird schön durch ein Wort beschrieben: „Besitzstandswahrung“. Das ist ein tief verwurzeltes Prinzip in jeglichem politischen (ob nun Staatspolitik oder Unternehmenspolitik oder Kleingartenvereinspolitik) Handeln in Deutschland. Und wenn es erstmal genug Besitzstände zu wahren gibt, dann macht es jegliche Veränderung nahezu unmöglich.

    So lange wir es nicht schaffen mit dem Prinzip der Besitzstandswahrung zu brechen werden wir nicht in der Lage sein Zukunft zu gestalten und werden immer nur versuchen Symptome der Veränderung von außen auszubügeln.

  4. Auf der einen Seite begrüße ich es, dass wir in Deutschland sehr „verkopft“ sind. Wir laufen nicht jedem Trend hinterher und wägen Fur und Wider ab.

    Auf der anderen Seite laufen wir, wie Nico richtig festgestellt hat, hinterher. Und das in sehr vielen Bereichen. Vor allem, wenn man bedenkt, dass Deutschland einst ein Zentrum der Innovation war, das noch im vergangenen Jahrhundert viele Nobelpreisträger hervorgebracht hat.

    Gegenwärtig sind die Rahmenbedingungen nicht nur in der Forschung mäßig, auch mit dem Internet kann sich unsere kopflastige Gesellschaft nicht anfreunden.

    Ich würde mir wünschen, wir wären wirklich ein „Land der Ideen“ und kein „Land der Bedenken“.

  5. Meine, dass viele Dinge zusammen kommen:
    1. Kritische Haltung zu Datenschutz und Privatsphaere, historisch begruendet und grds zu Recht, insbes. gegenüber Privatunternehmen.
    2. Zu geringes Innovations-Klima. Erschreckend, denn der erste progtammierbare Computer wurde von Zuse gebaut!
    3. Keine Produktkultur. Die meisten US-Online-Produkte sind schlicht besser als deutsche. Copycat-Kultur kommt hinzu, führt auf Weltmaerkten wie sozialen Netzwerken systembedingt zu Platz 2 ff.
    4. Verstaerker-Wirkung destruktiver Argumente wegen mangelnder unternehmerischer Denke. Die konstruktive Frage ist: „Was ist zu tun, damit D führend wird?“
    5. Wer diese Frage 4 stellt, gerät unter Nationalismus-Verdacht. Dabei ist es eine geradezu natürliche Frage, wie man erfolgreich sein kann.
    6. Fehlende Clusterbildung im IT-Umfeld.

  6. PS: Nummer 4 ging an Medien. Sorry, bin unterwegs und mein amerikanisches High-Ende-Touhphone scrollt nicht :-)

  7. Nein, natürlich haben wir keine solche Firma und kein Netzwerk. Woran liegt das? An den Medien, die alles schlecht reden? Ich glaube nicht. Zusätzlich muss man auch festhalten: Es gibt auch sonst kaum ein Land, dass mit Unternehmen in der Liga von Facebook, Google und Co mitspielt, oder?