Deutschland läuft digital hinterher

Nico —  3.03.2010

Der von mir sehr geschätzte Stefan Glänzer vertritt in der FAZ den Standpunkt Europa hat in der digitalen Medienwelt den Anschluss verpasst. Stefans Artikel kann ich vollumfänglich unterschreiben, dennoch will ich den Kern seiner Aussage hier noch einmal anführen, um dann noch einige ergänzende Punkte hinzuzfügen:

Um in der digitalen Welt Erfolg zu haben, sind fünf Dinge nötig: Gründer, Universitäten, Investoren, große Webfirmen und die Möglichkeit, erfolgreiche Firmen zu verkaufen. Alle diese Faktoren liegen im Silicon Valley auf wenigen Quadratkilometern dicht beieinander. Diese Nähe werden wir niemals herstellen können in Europa.

Sicherlich werden wir nicht das Silicon Valley nachbauen können, aber ich glaube auch nicht, daß es so sehr darauf ankommt. Viel mehr brauchen wir an aller erster Stelle einen Gründer-Spirit, der dafür sorgt, daß junge Menschen sich nicht überlegen, bei welcher großen Firma sie nach dem Studium unterkommen, sondern wie sie selber ihre Ideen verwirklichen können. Aus Ideen entstehen die großen Dinge, nicht weil man mit einem tollen Multiple die Firma nach wenigen Jahren „flippen“ will. Die große Zurückhaltung der Investoren, auch in Deutschland wirklich neue Ideen zu finanzieren, führt ja letztendlich dazu, daß der Proof-of-Concept bei Startups gleich mitgeliefert wird, indem eine Kopie eines amerikanischen Startups entwickelt wird. Diese Kopien haben nahezu immer das Problem, daß sie im Vergleich zum Original wenig attraktiv sind und die Innovationsgeschwindigkeit des Originals nur schwer mitgehen können. Wenn man das dann noch mit dem Fehlen eines M&A-Marktes paart, der eigentlich die Exits ermöglichen soll, die VC-getriebene Unternehmen verlangen, dann sieht man einen deutlich dünneren Markt als in den USA, der kaum Firmen von internationalem Kaliber hervorbringen wird.

Das Internet tickt global, es werden global die Maßstäbe gesetzt und diese werden durch die über Startups erfolgende Disruption auch immer wieder neu definiert. Ein europäischer Fokus wäre in der Tat spannend, aber den sehe ich aktuell abgesehen von ein paar Ausnahmen überhaupt nicht. Der deutsche Markt entwickelt sich zu einem Markt, bei dem einige wenige Akteure mit wenig Kapital ausgestattet auf globale Entwicklungen reagieren und somit dem Markt hinterherlaufen.

5 responses to Deutschland läuft digital hinterher

  1. Sowas hier wäre auch mal für Deutschland interessant: http://startupvisa.com

    Was ist eigentlich aus der deutschen Greencard geworden? Gibt’s das noch?

  2. Stimme Dir zu, Nico. Es kommt nicht auf die Nähe an. Europa hat dafür ganz andere Qualitäten, auch für Gründer. Gerade in Zeiten des Internet spielen Standorte eine weit geringere Rolle als früher. Im Gegenteil, die Leute suchen sich viel eher aus, wo sie leben möchten, da der Standort nicht mehr so wichtig ist für viele Firmen. Ich denke auch, dass es eher am Gründergeist mangelt und nicht zuletzt die Deutschen sehr sicherheitsorientiert ist. Die Bedingungen hier sind gar nicht mal so schlecht, in UK etwas besser als in Deutschland, aber das ist meine subjektive Sichtweise.

    Ich war gerade fast einen Monat lang im Silicon Valley. Das ist sicher ideal für Leute, die sich nach der Uni 10 Jahre nur um ihre Firma kümmern wollen, im Büro pennen und eine Armee an Entwicklern brauchen. Den interessiert dann auch nicht, dass San Francisco doch recht weit weg ist und um 22 Uhr in Mountain View und Sunnyvale die Bürgersteige hochgeklappt werden.

    Es wäre wirklich wichtig, Leuten überhaupt erst einmal aufzuzeigen, dass es die Option „Ich gründe eine Firma“ gibt und wie das zu erreichen ist. Ich habe in der Schule nichts davon gehört, dass man sich selbstständig machen kann. Ich habe nur gelernt, wie man Bewerbungen schreibt.

    Und Deutschland hat nach wie vor ein Bürokratie-Problem, das viele Leute abschreckt und dringend behoben werden muss. Wer mal nur eine Firma gegründet hat, weiß von was ich spreche. In England dagegen eine Ltd zu gründen, war wirklich Kindergartenniveau. Diese Aspekte schrecken viel mehr Leute ab und verbauen einem Land weit mehr Chancen als die Frage, ob man in einem Glaskomplex in Sunnyvale oder in Berlin-Mitte sitzt.

    • ich glaube, das Grundproblem hängt damit zusammen, daß man jungen Menschen immer nur erläutert, wie sie sich zu bewerben haben, aber ihnen eben nicht klar macht, daß man auch selber eine Firma gründen kann.

      • Stefan Glaenzer 3.03.2010 at 22:10

        Nico,

        agree – nicht nur bewerben, gruenden. Ist eh die bessere Alternative

  3. Ja, das Silicon Valley nachzubauen wäre der falsche Ansatz.

    Wer wirklich inspiriert ist, kann seine Internetfirma auch in einem Dorf gründen. Entscheidend ist die Mentalität, daran hakt es in Deutschland zuallererst.

    Bewerbungen: Ist das so? Also das Thema Bewerbungen oder überhaupt die Arbeitswelt kamen bei mir in der Schule gar nicht vor, so weit ich mich erinnere.

    Grundwissen zu wirtschaftlichen Themen zu vermitteln, wäre auch schon mal wichtig.