12. August 2010

Der deutsche verpixelte Michel

Oh Mann. Deutschland im Hochsommer 2010. Die Regierung macht Urlaub, ein Zustand, der niemandem auffällt, und dann plötzlich ist das Thema da. Nein, es ist nicht die Frage, wie wir unser Rentensystem so umbauen können, daß auch unsere Kinder noch eine Rente bekommen, mit der sie Leben können, es ist auch nicht die Frage, warum wir auch 2010 wieder über den Atomausstieg debattieren müssen, es ist auch nicht die Frage, wie Deutschland im Wachstumsbereich Internet international wieder Anschluß finden kann, halt, vielleicht doch. Denn das große Thema des Augusts ist die Ankündigung von Google, jetzt auch in Deutschland Streetview einführen zu wollen. Die Kripo warnt also davor, daß Kriminelle künftig Google nutzen werden und darf mit dieser Feststellung die Titelseite des Hamburger Abendblattes schmücken und deutsche Politiker sehen nur eine Möglichkeit, Google Streetview Paroli zu bieten: die Forderung nach Verpixelung des eigenenes Haus, Hofs und Gartenzwergs.

In der irrigen Annahme, dass der Hauptzweck von Google Streetview sei, sich die Anwesen von Provinzpolitikern im Internet anzugucken und mit einer gehörigen Portion Anspruchs an die eigene Wichtigkeit verkennen viele Politiker, was sie mit ihrer Forderung wirklich ausdrücken: sie haben es nicht verstanden. Sie haben nicht verstanden, daß Offenheit und Transparenz durch das Internet möglich gemacht wird, daß eine neue Art der Öffentlichkeit entsteht und daß diese nützlich sein kann. Wat de Bur nicht kennt, dat frett he nich, sagt ein altes plattdeutsches Sprichwort. Leider sieht man diese Ablehnung bei zu vielen sogenannten Entscheidern in Deutschland, weswegen die Zukunftsfähigkeit Deutschlands in einem extrem schnell agierenden Markt leichtfertig verspielt wird.

Ich verstehe, daß Menschen sagen, ein Dienst wie Google Streetview gehört eigentlich in die öffentliche Hand. Allerdings sehe ich nicht, wo in Deutschland eine Kommune oder ein Land einen finanziellen Spielraum hat oder sieht, sich wirklich mit Themen wie Open Data oder ähnlichen Ideen auseinanderzusetzen und daher Schnittstellen für Daten aus der Verwaltung anbietet, damit auf kommunaler Ebene Dienste entstehen, die nützlich und Internet-basiert sind. Das vorherrschende Mindset ist noch tief im 20. Jahrhundert verwurzelt und von Abschottung geprägt. Das Internet ist immer noch dieser seltsame Dienst, den einige Bürger nutzen wollen, weswegen man sich halbherzig damit auseinandersetzt, um zeigen zu können, wie zukunfts-orientiert man doch sei. Doch damit springen Politiker und auch viele Manager deutlich zu kurz. Lippenbekenntnisse reichen nicht aus, will man die Vorteile des Internet nutzen können.

Das Internet ist eine tiefgreifende Revolution der Kommunikation und dadurch wird unser Denken und Handeln massiv beeinflusst. Ein Opt-Out durch erzwungene Verpixelung des Eigenheims wird nicht dazu führen, daß die Auswirkungen des Internets auf die Gesellschaft zurückgedreht werden können. Es lässt lediglich erkennen, wo diffuse Ängste vor rationalen Gedanken eine Entscheidung bewirkt haben.

Ich freue mich auf die Rückkehr von Frau Aigner aus dem Urlaub, falls sie gerade weg sein sollte, denn dann wird die Schutzpatronin des deutschen verpixelten Michel sich mit voller Kraft gegen die heranstürmenden amerikanischen Google-Kamera-Autos zur Wehr setzen und die Herrschaft über den deutschen Gartenzaun sichern.

Es ist eine Ironie, dass das Wort Verpixelung für eine Masse von Menschen plötzlich etwas Positives darstellt, sorgt doch eigentlich die Verpixelung von Websites für das Generieren von User-Profilen. Aber so ein Thema ist natürlich viel zu komplex für Politiker, da ist die Sorge um den Gartenzaun greifbarer und leichter politisch zu nutzen.

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textkoch 5 pts

Ein Teil der Verlogen- und/oder Unwissenheit seiten der Politik zeigt sich auch daran, das z.B seit Jahrzehnten an anderer (privater) Stelle vu00c3u00b6llig unbeachten von Poltik und u00c3u0096ffentlichkeit viel systematischer und weitreichender Gebu00c3u00a4udedaten gesammelt werden. Nur eben nicht mit Fotos und fu00c3u00bcr jedermann zugu00c3u00a4nglich.
http://www.geografitti.de/2010/08/13/gebaudedatenb...

exilgolfer 7 pts

Das Sprichwort ist auch in Ostwestfalen bekannt...

MartinHeyn 5 pts

"Die Regierung macht Urlaub, ein Zustand, der niemandem auffu00c3u00a4llt.." Damit ist alles gesagt, ich bin mal gespannt, was Frau Aigner zum Projekt http://www.sightwalk.de/ sagt...

eric108 7 pts

mmmhhhh. Ich finde ja auch, dass deutsche Politiker da nicht gerade auf der Hu00c3u00b6he der Zeit sind. Andererseits, wenn ich das mal sagen darf: Ist das wirklich so schlimm? Und ist jeder, der etwas gegen die allgemeine Digitalisierung sagt, gleich ein Volldepp? Du schreibst, sie haben es einfach nicht verstanden. Das stimmt schon. Aber du schreibst "Sie haben nicht verstanden, dau00c3u009f Offenheit und Transparenz durch das Internet mu00c3u00b6glich gemacht wird, dau00c3u009f eine neue Art der u00c3u0096ffentlichkeit entsteht und dau00c3u009f diese nu00c3u00bctzlich sein kann."
Also: "nu00c3u00bctzlich sein kann". Das ist ja noch die Mu00c3u00b6glichkeitsform. Vielleicht finden andere es eben nicht nu00c3u00bctzlich und mu00c3u00b6glicherweise gibt es fu00c3u00bcr Bedenken auch Gru00c3u00bcnde?
Und dann schreibst du: "Das Internet ist eine tiefgreifende Revolution der Kommunikation und dadurch wird unser Denken und Handeln massiv beeinflusst." Das sehe ich genauso. Und genau deshalb finde ich es durchaus in Ordnung, wenn hierbei eine Debatte gefu00c3u00bchrt wird und Politiker, die diese Debatte fu00c3u00bchren, nicht mit Totschlagargumenten wie "Sie haben es nicht verstanden" einfach mal als nicht zurechnungsfu00c3u00a4hig aus der Runde der klar denkenden Menschen genommen werden.
Ich bin definitiv kein Freund von Ilse Aigner, ich bin definitiv nicht konservativ aber ich bin definitiv auch nicht der Meinung, dass man alles einfach mal machen muss weil es halt geht. Gerade, weil es um tiefgreifende u00c3u0084nderungen geht, sollte man daru00c3u00bcber diskutieren. Wir sind uns ganz einig, bei deinem Satz: "Lippenbekenntnisse reichen nicht aus, will man die Vorteile des Internet nutzen ku00c3u00b6nnen." Aber das gilt fu00c3u00bcr beide Seiten!
Also: Auf der einen Seite fu00c3u00bcrchten die Menschen eine zu grou00c3u009fe u00c3u0096ffentlichkeit durch eine extrem hohe Verfu00c3u00bcgbarkeit von mehr oder weniger privaten Daten. Auf der anderen Seite wu00c3u00bcnschen sich andere Menschen eben diese hohe Verfu00c3u00bcgbarkeit, weil es das Leben einfacher und spau00c3u009figer macht. Darum geht es doch, oder?
ich gehu00c3u00b6re eigentlich zu der zweiten Fraktion. Aber so, wie die Diskussion von dieser, meinen Fraktion gefu00c3u00bchrt wird (eben wie du mit diesem Beitrag) bin ich mir nicht so sicher, ob ich in dieser Ecke wirklich stehen wil...
Wu00c3u00bcrde mich u00c3u00bcber eine richtige Diskussion wirklich freuen.
eric

NicoLumma 42 pts

eric108 ich finde auch, dass eine richtige Diskussion hier gefu00c3u00bchrt werden sollte, weil die gesellschaftlichen Auswirkungen riesig sein werden.

eric108 7 pts

NicoLumma Na dann ;-)
Ich bin ein Gru00c3u00bcner, du ein Sozi. Das sind doch schon mal keine schlechten Voraussetzungen, da beide Parteien noch ein wenig Kompetenz-Spielraum nach oben haben aber (hoffentlich) nicht ganz so verknu00c3u00b6chert wie die Regierungsparteien und die Linke sind. Die ersten Fragen sind meiner Meinung nach:
- Ist es ein Unterschied, ob Google oder sightwalk Strau00c3u009fen abfotografieren?
- Ist Privatsphu00c3u00a4re ein schu00c3u00bctzenswertes Gut?
- ist meine Hauswand bzw. der Vorgarten u00c3u00bcberhaupt Privatsphu00c3u00a4re?
- Wer entscheidet das? Oder ist das eigentlich schon entschieden bzw. kann das u00c3u00bcberhaupt pauschal entschieden werden?
- Wer hat von Streetview eigentlich welchen Nutzen? Und mit welchen weiteren Entwicklungen hu00c3u00a4ngt so etwas zusammen? (also: Wie sehen wir die Diskussion ru00c3u00bcckblickend in zehn Jahren?)
- Und u00c3u00bcberhaupt: Stimmt es, dass Deutschland sich tatsu00c3u00a4chlich von der weltwirtschaftlichen Zukunftsentwicklung abnabelt, wenn neuen Technologien eine gewisse Skepsis entgegen gebracht wird? Oder wu00c3u00a4re ein geschickter (!) Umgang eben damit nicht sogar ein Vorteil?
- Und ganz grundsu00c3u00a4tzlich: Ist das - und das meine ich ganz in deinem Sinne - nicht Ablenkung von eigentlich wichtigen Themen? Lieber die Streeview-Soapopera gucken statt des abendfu00c3u00bcllenden Thrillers "Showdown im Golf von Mexiko" oder der deutschen Drama-Dokumentation "Pflegestellen ohne Zivis - wie geht es weiter, wenn die Wehrpflicht fu00c3u00a4llt?"

Ich bezweifle zwar, dass wir hier eine gesellschaftliche Diskussion vom Bloggerzaun brechen. Aber ich habe zumindest mal einen kleinen Teil dazu beigetragen. ;-)

eric

MartinHeyn 5 pts

"Die Regierung macht Urlaub, ein Zustand, der niemandem auffu00c3u00a4llt.." Damit ist alles gesagt, ich bin mal gespannt, was Frau Aigner zum Projekt http://www.sightwalk.de/ sagt...

Trackbacks

  1. [...] “Director Social Media” bei Scholz & Friends bloggt unter der Überschrift “Der deutsche verpixelte Michel” sehr zornig vor sich hin. Er sieht in Google Streetview DAS Sommerlochthema vor Rentenreform [...]

  2. CARTA sagt:

    “Wie konntet Ihr Euch damals, 2010, von Google so dermaßen austricksen lassen?”…

    Wie konnte es dazu kommen, dass 2010 das “Schminternet” eingeführt wurde? Wie konnte uns Google mit dem PR-Trick “Street View” so auf’s Kreuz legen? – Ein Blick in die Zukunft…….

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  4. [...] Der deutsche verpixelte Michel “Ich verstehe, daß Menschen sagen, ein Dienst wie Google Streetview gehört eigentlich in die öffentliche Hand. Allerdings sehe ich nicht, wo in Deutschland eine Kommune oder ein Land einen finanziellen Spielraum hat oder sieht, sich wirklich mit Themen wie Open Data oder ähnlichen Ideen auseinanderzusetzen und daher Schnittstellen für Daten aus der Verwaltung anbietet, damit auf kommunaler Ebene Dienste entstehen, die nützlich und Internet-basiert sind. Das vorherrschende Mindset ist noch tief im 20. Jahrhundert verwurzelt und von Abschottung geprägt.” [...]

  5. [...] und mir war klar: irgendetwas läuft in meinem Heimatland falsch. Was alles falsch läuft, können Nico Lumma, Sascha Lobo und Martin Vogel besser als ich [...]

  6. [...] weitere schöne Beiträge dazu habe ich bei Nico Lumma und Martin Thielecke gefunden. var flattr_wp_ver = '0.9.11'; var flattr_uid = '11651'; var [...]

  7. [...] erhob Nico Lumma, er ist bei Scholz & Friends wohl der Social Media Motor, das Wort und schleuderte mir seinen [...]

  8. [...] View” gesprochen. Verbraucherschutzministerin Ilse Aigner hat eine Meinung dazu, genauso wie viele viele Blogger [...]