Der deutsche verpixelte Michel

Oh Mann. Deutschland im Hochsommer 2010. Die Regierung macht Urlaub, ein Zustand, der niemandem auffällt, und dann plötzlich ist das Thema da. Nein, es ist nicht die Frage, wie wir unser Rentensystem so umbauen können, daß auch unsere Kinder noch eine Rente bekommen, mit der sie Leben können, es ist auch nicht die Frage, warum wir auch 2010 wieder über den Atomausstieg debattieren müssen, es ist auch nicht die Frage, wie Deutschland im Wachstumsbereich Internet international wieder Anschluß finden kann, halt, vielleicht doch. Denn das große Thema des Augusts ist die Ankündigung von Google, jetzt auch in Deutschland Streetview einführen zu wollen. Die Kripo warnt also davor, daß Kriminelle künftig Google nutzen werden und darf mit dieser Feststellung die Titelseite des Hamburger Abendblattes schmücken und deutsche Politiker sehen nur eine Möglichkeit, Google Streetview Paroli zu bieten: die Forderung nach Verpixelung des eigenenes Haus, Hofs und Gartenzwergs.

In der irrigen Annahme, dass der Hauptzweck von Google Streetview sei, sich die Anwesen von Provinzpolitikern im Internet anzugucken und mit einer gehörigen Portion Anspruchs an die eigene Wichtigkeit verkennen viele Politiker, was sie mit ihrer Forderung wirklich ausdrücken: sie haben es nicht verstanden. Sie haben nicht verstanden, daß Offenheit und Transparenz durch das Internet möglich gemacht wird, daß eine neue Art der Öffentlichkeit entsteht und daß diese nützlich sein kann. Wat de Bur nicht kennt, dat frett he nich, sagt ein altes plattdeutsches Sprichwort. Leider sieht man diese Ablehnung bei zu vielen sogenannten Entscheidern in Deutschland, weswegen die Zukunftsfähigkeit Deutschlands in einem extrem schnell agierenden Markt leichtfertig verspielt wird.

Ich verstehe, daß Menschen sagen, ein Dienst wie Google Streetview gehört eigentlich in die öffentliche Hand. Allerdings sehe ich nicht, wo in Deutschland eine Kommune oder ein Land einen finanziellen Spielraum hat oder sieht, sich wirklich mit Themen wie Open Data oder ähnlichen Ideen auseinanderzusetzen und daher Schnittstellen für Daten aus der Verwaltung anbietet, damit auf kommunaler Ebene Dienste entstehen, die nützlich und Internet-basiert sind. Das vorherrschende Mindset ist noch tief im 20. Jahrhundert verwurzelt und von Abschottung geprägt. Das Internet ist immer noch dieser seltsame Dienst, den einige Bürger nutzen wollen, weswegen man sich halbherzig damit auseinandersetzt, um zeigen zu können, wie zukunfts-orientiert man doch sei. Doch damit springen Politiker und auch viele Manager deutlich zu kurz. Lippenbekenntnisse reichen nicht aus, will man die Vorteile des Internet nutzen können.

Das Internet ist eine tiefgreifende Revolution der Kommunikation und dadurch wird unser Denken und Handeln massiv beeinflusst. Ein Opt-Out durch erzwungene Verpixelung des Eigenheims wird nicht dazu führen, daß die Auswirkungen des Internets auf die Gesellschaft zurückgedreht werden können. Es lässt lediglich erkennen, wo diffuse Ängste vor rationalen Gedanken eine Entscheidung bewirkt haben.

Ich freue mich auf die Rückkehr von Frau Aigner aus dem Urlaub, falls sie gerade weg sein sollte, denn dann wird die Schutzpatronin des deutschen verpixelten Michel sich mit voller Kraft gegen die heranstürmenden amerikanischen Google-Kamera-Autos zur Wehr setzen und die Herrschaft über den deutschen Gartenzaun sichern.

Es ist eine Ironie, dass das Wort Verpixelung für eine Masse von Menschen plötzlich etwas Positives darstellt, sorgt doch eigentlich die Verpixelung von Websites für das Generieren von User-Profilen. Aber so ein Thema ist natürlich viel zu komplex für Politiker, da ist die Sorge um den Gartenzaun greifbarer und leichter politisch zu nutzen.

15 Antworten auf „Der deutsche verpixelte Michel“

  1. mmmhhhh. Ich finde ja auch, dass deutsche Politiker da nicht gerade auf der Höhe der Zeit sind. Andererseits, wenn ich das mal sagen darf: Ist das wirklich so schlimm? Und ist jeder, der etwas gegen die allgemeine Digitalisierung sagt, gleich ein Volldepp? Du schreibst, sie haben es einfach nicht verstanden. Das stimmt schon. Aber du schreibst “Sie haben nicht verstanden, daß Offenheit und Transparenz durch das Internet möglich gemacht wird, daß eine neue Art der Öffentlichkeit entsteht und daß diese nützlich sein kann.”
    Also: “nützlich sein kann”. Das ist ja noch die Möglichkeitsform. Vielleicht finden andere es eben nicht nützlich und möglicherweise gibt es für Bedenken auch Gründe?
    Und dann schreibst du: “Das Internet ist eine tiefgreifende Revolution der Kommunikation und dadurch wird unser Denken und Handeln massiv beeinflusst.” Das sehe ich genauso. Und genau deshalb finde ich es durchaus in Ordnung, wenn hierbei eine Debatte geführt wird und Politiker, die diese Debatte führen, nicht mit Totschlagargumenten wie “Sie haben es nicht verstanden” einfach mal als nicht zurechnungsfähig aus der Runde der klar denkenden Menschen genommen werden.
    Ich bin definitiv kein Freund von Ilse Aigner, ich bin definitiv nicht konservativ aber ich bin definitiv auch nicht der Meinung, dass man alles einfach mal machen muss weil es halt geht. Gerade, weil es um tiefgreifende Änderungen geht, sollte man darüber diskutieren. Wir sind uns ganz einig, bei deinem Satz: “Lippenbekenntnisse reichen nicht aus, will man die Vorteile des Internet nutzen können.” Aber das gilt für beide Seiten!
    Also: Auf der einen Seite fürchten die Menschen eine zu große Öffentlichkeit durch eine extrem hohe Verfügbarkeit von mehr oder weniger privaten Daten. Auf der anderen Seite wünschen sich andere Menschen eben diese hohe Verfügbarkeit, weil es das Leben einfacher und spaßiger macht. Darum geht es doch, oder?
    ich gehöre eigentlich zu der zweiten Fraktion. Aber so, wie die Diskussion von dieser, meinen Fraktion geführt wird (eben wie du mit diesem Beitrag) bin ich mir nicht so sicher, ob ich in dieser Ecke wirklich stehen wil…
    Würde mich über eine richtige Diskussion wirklich freuen.
    eric

    1. @eric108 ich finde auch, dass eine richtige Diskussion hier geführt werden sollte, weil die gesellschaftlichen Auswirkungen riesig sein werden.

    2. @NicoLumma Na dann ;-)
      Ich bin ein Grüner, du ein Sozi. Das sind doch schon mal keine schlechten Voraussetzungen, da beide Parteien noch ein wenig Kompetenz-Spielraum nach oben haben aber (hoffentlich) nicht ganz so verknöchert wie die Regierungsparteien und die Linke sind. Die ersten Fragen sind meiner Meinung nach:
      – Ist es ein Unterschied, ob Google oder sightwalk Straßen abfotografieren?
      – Ist Privatsphäre ein schützenswertes Gut?
      – ist meine Hauswand bzw. der Vorgarten überhaupt Privatsphäre?
      – Wer entscheidet das? Oder ist das eigentlich schon entschieden bzw. kann das überhaupt pauschal entschieden werden?
      – Wer hat von Streetview eigentlich welchen Nutzen? Und mit welchen weiteren Entwicklungen hängt so etwas zusammen? (also: Wie sehen wir die Diskussion rückblickend in zehn Jahren?)
      – Und überhaupt: Stimmt es, dass Deutschland sich tatsächlich von der weltwirtschaftlichen Zukunftsentwicklung abnabelt, wenn neuen Technologien eine gewisse Skepsis entgegen gebracht wird? Oder wäre ein geschickter (!) Umgang eben damit nicht sogar ein Vorteil?
      – Und ganz grundsätzlich: Ist das – und das meine ich ganz in deinem Sinne – nicht Ablenkung von eigentlich wichtigen Themen? Lieber die Streeview-Soapopera gucken statt des abendfüllenden Thrillers “Showdown im Golf von Mexiko” oder der deutschen Drama-Dokumentation “Pflegestellen ohne Zivis – wie geht es weiter, wenn die Wehrpflicht fällt?”

      Ich bezweifle zwar, dass wir hier eine gesellschaftliche Diskussion vom Bloggerzaun brechen. Aber ich habe zumindest mal einen kleinen Teil dazu beigetragen. ;-)

      eric

  2. Pingback: CARTA

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