14. September 2010

Wo sind die bundesdeutschen Politikblogger?

Gestern abend war ich in Berlin beim Sommerfest des Vorwärts. Eine der meistgestellten Fragen, abgesehen von “Du siehst so verdammt gut aus, wie machst Du das nur?” war die Frage nach den Politikbloggern in Deutschland. Ob es welche gäbe, und ob die relevant seien.

Hmm, fiese Frage. Nach 7 Jahren extensiver Beschäftigung mit Blogs in Deutschland kann ich nicht aus dem Stehgreif mehr als nur eine Handvoll Blogs aufzählen, die ich als relevant oder gar lesenswert für den Bereich Politik ansehen würde. Carta, Sprengsatz, klar, dann noch irgendwelche Verschöwrungsblogs und abstruse Blogs am linken und rechten Rand, und auch einige eher parteipolitisch orientierte Blogs, aber keine Blogs, die aus dem Berliner Politikalltag nicht mehr wegzudenken wären. Sicher, Netzpolitik.org hat viele Leser, aber letztlich doch nur ein sehr spezielles Thema, insofern “zählt” das meiner Meinung nach nicht. Politik-Blogs fehlen.

Woran liegt das? Warum bloggt niemand irgendwelche Berliner Politik-Themen, gespickt mit Interna und Indiskretionen? Liegt es an der Berliner Politik-Szene? Gibt es keine Themen? Oder keine Journalisten, die sich einen Namen erschreiben wollen? Gibt es keine Lücke, die gut informierte Blogger füllen können? Liegt es nur an finanziellen Fragen, die bei eher reichweiten-armen Blogs zu eher wenig lukrativen Erlösmodellen führen würden? Oder ist das politische Berlin einfach zu langweilig? Oder deckt die Hauptstadt-Journaille bereits alles ab? Wieviel Resonanzboden bieten Twitter, Facebook und Co. für professionelle Politikblogs abseits der eher parteilichen Jubelblogs?

Ich frage mich das ernsthaft. 80 Millionen Menschen, aber niemand, der sich dermaßen mit Politik beschäftigen will, daß daraus ein gutes, intensives Politikblog wird?

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wolfwitte 5 pts

Ich finde auch: es fehlen Fakten - kommentierende Blogs gibt es bereits in u00c3u00bcbergrou00c3u009fer Zahl. Und wenn es um Fakten geht, dann liegt eine Menge Gelu00c3u00a4nde brach: schlieu00c3u009flich ist das gesamte parlamentarische Geschehen u00c3u00b6ffentlich. Genutzt wird das kaum. Was steht eigentlich in Gesetzentwu00c3u00bcrfen? Oder in den Antworten der Bundesregierung auf Anfragen? Wie positionieren sich Parteien und Fraktionen zu verschiedenen Fragen? Wie argumentieren sie - und was entgegnet die Gegenseite darauf?

Ich glaube, damit kann man eine Menge machen. Ohne Hintergrundkreise und Bundespressekonferenz, allerdings auch ohne Interna und Indiskretionen. Klare, nu00c3u00bcchterne Berichterstattung, die den Fokus legt auf politische Entscheidungen und transparenter macht, wer sich wie zu welchen Themen positioniert. Ob das dann ein Blog ist, weiu00c3u009f ich indes nicht :-)

drbieber 5 pts

eine wirkliche antwort auf nicos frage habe ich leider auch nicht - das "gute" funktionieren der deutschen presselandschaft taugt mE nicht allein als begru00c3u00bcndung. die rolle der NRW-blogs war (bislang) sicher eine ausnahme und hatte zwei gru00c3u00bcnde: zum einen tatsu00c3u00a4chlich die dominanz der WAZ-gruppe und das allmu00c3u00a4hliche ausdu00c3u00bcnnen der regionalen anbieter, zum anderen aber auch die bevorzugung von wir-in-nrw durch die CDU-maulwurfabteilung. aktiv "enthu00c3u00bcllt" wurde da mE nicht sehr viel, das blog wurde va als "sprachrohr" genutzt.

in anderen segmenten funktioniert das modell blog ja auch in deutschland ganz gut, wie das beispiel der modeblogs zeigt (soweit ich das beurteilen kann, liegt die deutsche modepresse nicht zerstu00c3u00b6rt am boden).

ich vermute eher, dass die misere der deutschen polit-blogs ihren grund im kurzen wahlkampf-sommer von 2005 hat. vor der damaligen bundestagswahl hatten viele politiker aller parteien blogs als kampagneninstrument eingesetzt - und gleich nach der wahl wieder geschlossen (stichwort: "offline-herbst"). von dieser missachtung eines online-formates durch "die politik" als wesentlicher adressat hat sich die landschaft mE bis heute nicht erholt.

interessant war mE die rolle von blogs im umfeld der bundespru00c3u00a4sidentenwahl dieses jahr: hier hatte ich das erste mal den eindruck, dass man einige blogs gut und dauerhaft wahrnehmen konnte, die meist auch ganz gut im parteienspektrum zu verorten waren: sprengsatz, spiegelfechter, lummaland, fxneumann, till westermayer, homo politicus... CARTA, rivva etc. sind als katalysatoren sind sicher hilfreich, aber zwei handvoll blogs machen noch keinen mediensommer, klar.

die nu00c3u00a4he/ferne (hassliebe?) von blogs und "etablierten" medien ist sicher auch ein thema (man denke nur an die faz-blogs, samt "affu00c3u00a4re"; das "wahlen nach zahlen"-blog auf zeit.de passt auch ins raster) - vielleicht mu00c3u00bcssen wir hierzulande eben noch eine weile warten - bis die situation eskaliert und wirklich mal der ein oder andere printanbieter den laden dicht macht.

NicoLumma 46 pts

drbieber was ich spannend fu00c3u00a4nde, wu00c3u00a4ren eben politikblogs, die nicht eine stark nach aussen getragene parteipolitische pru00c3u00a4ferenz haben, sondern sich themen annehmen und diese recherchieren, dabei aber mu00c3u00b6glichst unabhu00c3u00a4ngig bleiben.

drbieber 5 pts

NicoLumma genau das halte ich aber fu00c3u00bcr ziemlich unwahrscheinlich - "unparteiliche" politik scheint trotz der bekannten schwu00c3u00a4chen der mitgliederparteien in deutschland wenig anreize zu bieten. es ist wohl kein zufall, dass die "piraten" eine "partei" gegru00c3u00bcndet haben. erst mit dieser organisationsform ist "politische" aufmerksamkeit und wahrnehmung gesichert. (und es ist natu00c3u00bcrlich auch kein zufall, dass jetzt alle sofort u00c3u00bcber die chancen einer rechtskonservativen ressentiment-partei (feat. sarrazin, steinbach ua) reden).

Buerger 5 pts

@danielflorian: Dass Politikwissenschaftler, u00c3u0096konomen und Think Tanker mehr bloggen sollten, ist bestimmt wu00c3u00bcnschenswert. Doch diese, so wie sie in den etablierten Medien auftreten, nicht immer objektive Fakten liefern und sehr hu00c3u00a4ufig einer politischen Richtung Richtung angehu00c3u00b6ren. Die Forderung nach mehr Fakten, um sich Urteile zu bilden, kann ich nur unterstu00c3u00bctzen. Aus eigener Erfahrung weiss ich jedoch - ich betreibe ein bescheidenes Politblog in der Schweiz -, dass das Recherchieren nach Fakten sehr zeitaufwu00c3u00a4ndig ist. Nicht nur das: Vielfach stammen die Fakten aus verschiedenen Gebieten. Und ich kenne keinen Blogger, der u00c3u00bcber alle mu00c3u00b6glichen Fakten Bescheid weiss. Gut recherchieren ist Knochenarbeit, und dann habe ich noch lange keinen Blogbeitrage geschrieben.

MarittaStrasser 5 pts

Ich finde Politikblogs mu00c3u00bcssen nicht solche zu allem und jedem sein. Das ist als Einzelblogger auch kaum zu bewerkstelligen. Da wird man sich spezialisieren, und tut der Leserin und dem Leser damit auch einen Gefallen.
Deswegen wu00c3u00bcrde ich netzpolitik sehr wohl als Politikblog bezeichnen. Und mein eigenes kleines Blog http://sprachfaehig.wordpress.com auch.

Daniel Florian 5 pts

Ich denke auch, dass Blogs tendenziell ein polarisierendes Medium sind - in den USA kann man den "divide" innerhalb der Blogosphu00c3u00a4re deutlich sehen. Von daher gesehen bin ich auch nicht unfroh daru00c3u00bcber, dass es so wenige Politikblogs hier gibt. Fu00c3u00bcr die politische Kultur ist das nicht immer fu00c3u00b6rdernd (den Spiegelfechter z. B. kann ich nur schwer lesen) ...

Als "Politikjunkie" finde ich das Fehlen einer politischen Blogosphu00c3u00b6re andererseits aber natu00c3u00bcrlich auch schade. Und ich muss luebue rechtgeben, dass Politikblogs v.a. dann funktionieren, wenn man nichts mehr erreichen muss (siehe Sprengsatz).

Ansonsten fehlt mir in der Politik nicht so sehr die Meinung, sondern die Fakten. Und ich wu00c3u00bcrde mir wu00c3u00bcnschen, dass mehr Politikwissenschaftler, u00c3u0096konomen und Think Tanker bloggen und die politische Debatte mit Ideen anfu00c3u00bcttern, nicht mit Meinungen.

Auf meinem Blog http://www.thinktankdirectory.org/blog versuche ich ja schon, mehr Wissenschaftler ins Netz zu bringen ...

Buerger 5 pts

Deine Sorge, dass es mu00c3u00b6glicherweise zu wenige Politblogs gibt kann ich ja verstehen. Aber dass es nur ein paar wenige geben soll, nehme ich Dir nicht ab. Deiner Frage - warum? - kannst Du etwas nu00c3u00a4her kommnen, wenn Du nochmals deine Post durchliest. Beantworte fu00c3u00bcr Dich, was relevant bzw. was lesenswert u00c3u00bcberghaupt ist. Kann es sein, dass Deine Definition eines Politiblogs ein paar Korrekturen bedarf? Vielleicht hast Du ein paar Tipps, wie man Politblogger wird.

50hz 21 pts

1. Der luebue hat natu00c3u00bcrlich mal wieder recht. Und 2.: Wenn Du schon netzpolitik.org als irrelevant runterschreibst, haben die anderen Politblogger vielleicht einfach Angst vor Dir. :p
(u00c3u009cbrigens: Der Berliner Politik- und Medienbetrieb ist ein verdammt eingeschworener Zirkel. Es kostet unglaubliche Mu00c3u00bchen (und Vorsicht), um in die Hintergrundkreise eingeladen zu werden. Und Mitglied der Bundespressekonferenz wird man auch nicht mal eben so.) Blogger haben da vermutlich kaum eine Chance. Was also bliebe, wu00c3u00a4ren Meinungen u00c3u00bcber Mutmau00c3u009fungen oder intensive investigative Arbeit. Ersteres wu00c3u00a4re langweilig, von letzterem kann keiner leben.)

Sachar 5 pts

Nico und ich haben uns gestern gemeinsam dazu Gedanken gemacht. Mein Punkt ist: Brauchen wir wirklich eine Lu00c3u00bccke in der Presselandschaft, damit sich gute politische Blogs entwickeln? Ich meine: Wir sprechen immer daru00c3u00bcber, wie grou00c3u009fartig die Gelegenheit fu00c3u00bcr den Einzelnen ist, Social Media als Personal Branding-Tool zu nutzen. Wieso kommt kein junger Journalist auf die Idee, ein solches Blog zu initialisieren? A. im Hinblick auf eine spu00c3u00a4tere Anstellung und B. um eventuell ein eigenes Geschu00c3u00a4ft aufzuziehen.

luebue 23 pts

Sachar weil 50hz das erklu00c3u00a4rt hat und weil GERADE unter jungen Journalisten das Thema Blogs mit doppeltem Kopfschu00c3u00bctteln betrachtet wird. Das finde ich nicht mal u00c3u00bcberraschend - denn vielleicht wu00c3u00a4ren sie ja Blogger geworden, wenn sie nicht Journalisten geworden wu00c3u00a4ren. Aber da sie ja Journalisten sind, mu00c3u00bcssen sie nicht mehr Blogger sein.

Mal abgesehen davon: Wo sind denn die wirkmu00c3u00a4chtigen Blogger (jetzt nicht dailykos oder HuffPost, die sind eine andere Kategorie und ja nicht eigentlich Blogs) in anderen Lu00c3u00a4ndern? Ist da nicht viel mehr Legende als Wirklichkeit?

(Und Sprengsatz ist das ideale Beispiel, wo und wie ein politisches Blog "gehen" kann: einer, der schon hundert Jahre vernetzt ist, der nichts mehr erreichen muss, der Zugang hat, der entspannt ist. Kein Wunder, dass es das einizige Polikblog aus der Berliner Blase ist, das ich lesenswert finde)

Sachar 5 pts

luebue 50hz Es gibt in Deutschland gute Blogs zu fast jedem Thema, die sich allesamt u00c3u00bcber eine in ihrer Nische grou00c3u009fer Beliebtheit erfreuen. Ist es nicht bemerkenswert, dass es fu00c3u00bcr den politischen Bereich, ein Thema, das uns wirklich ALLE betrifft, wenig Auswahl gibt.

Zum internationalen Vergleich: Schau nach Frankreich, nach Russland (wo Polit-Blogger u00c3u00bcbrigens als fu00c3u00bcnfte Gewalt bezeichnet werden), durchaus in die USA (ich sage nur "konservative" Blogs), nach UK - dann stellst Du fest, dass wir in Deutschland wieder einmal bei einem digitalen Thema absolutes Entwicklungsland sind.

Und ebenso wie Nico verstehe ich nicht warum.

luebue 23 pts

Sachar Russland, ok, kann ich nicht beurteilen, kann ich nicht lesen, glaube ich dir aber, denn da gibt es ja keine Presse. Frankreich? USA? UK? Politische Blogs jenseits von Propaganda, die nicht von Leuten wie Spreng geschrieben werden? Wo? Ein Beispiel wu00c3u00a4re nett :) Denn Propagandablogs gibt es auch hier zur Genu00c3u00bcge, von achgut u00c3u00bcber PI etc bis zu Blogs aus den Mitarbeiterumfeldern von Politikern.

Und selbst, wenn es interessante Blogs in den USA gu00c3u00a4be - wu00c3u00a4re ich mir nicht soooo sicher, dass ich die brutal-vergiftete Atmosphu00c3u00a4re der dortigen Politik-Blogs wirklich charmanter fu00c3u00a4nde als die u00c3u0096de hier. Und ja, einer meiner Freunde hat lange eines der "gru00c3u00b6u00c3u009feren" rechten Politikblogs in Washington geschrieben - mit mittlerem Mobilisierungsimpact und null Politikimpact (im Hauptberuf war er Politikberater).

flotei 5 pts

"The European" bietet wenigstens Meinung, wenn auch nicht investigativen Journalismus.

luebue 23 pts

Mein Verdacht ist ja, dass zum einen "die Presse" trotz aller Defizite bei uns noch weit besser funktioniert als in vielen anderen Lu00c3u00a4ndern - insofern wohl tatsu00c3u00a4chlich keine echte Lu00c3u00bccke ist. Dass zum anderen Politik durch die faktische Ununterscheidbarkeit und Mutlosigkeit der beiden Parteien, die den Anspruch haben, Kanzlerin oder Kanzler zu stellen, langweilig ist. Und dass es zum dritten einige Onlineangebote von NGOs gibt (Greenpeace, campact, LobbyControl), die einen Teil der immer noch denkbaren Transparenzdingens u00c3u00bcbernehmen.
Kulturell denke ich (auch nach den Erfahrungen in einer US-gepru00c3u00a4gten globalen Firma in den letzten Jahren), dass es in diesem Land (noch) weit weniger opportun ist, eine dezidierte politische Meinung u00c3u00b6ffentlich zu haben, wenn man angestellt ist, das ist in manchen anderen Kulturen anders.
Und ganz ehrlich: warum vermisst du solche Blogs u00c3u00bcberhaupt?

quadro 6 pts

In NRW gibt es noch ein paar lesenswerte und relevante Angebote, wie z.B. die Ruhrbarone oder wir-in-nrw-blog.de/. Ist natu00c3u00bcrlich auch der besonderen Dominanz der WAZ-Titel geschuldet, dass es da eine Meinungslu00c3u00bccke gibt. Ich verfolge das als Exil-Revierler mit viel Sympathie und Interesse. Bin mal gespannt, ob solche Angebote dauerhaft Reichweite aufbauen ku00c3u00b6nnen. Eine gewisse Relevanz hatte wir-in-nrw durch sein Enthu00c3u00bcllungen im Wahlkampf in jedem Fall.

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