Früher nannten wir es Winter

Nico —  17.12.2010

Ich kann es nicht mehr hören. Sobald in Norddeutschland mehr als eine Flocke Schnee fällt, drehen alle unrund und fangen an, irgendetwas vom Schneechaos zu faseln. Auch wenn dieses Posting jetzt ein wenig nach „Opa erzählt vom Krieg“ klingt, ich erinnere mich wie Wolfgang noch gut an den Winter 1978/79, da hatten wir richtig Schnee und zwar ordentlich. In unserem Ort wurde ein Fahrverbot verhängt und alles war eingeschneit, für uns Kinder war es herrlich.

Mittlerweile hatten wir etliche sehr milde Winter nahezu ohne Schnee und jetzt wird immer gleich so getan, als ob wir im Chaos versinken würden, nur weil bis zu 20 cm Neuschnee erwartet werden. Das Abendblatt wollte dann gestern live dabei sein und aus dem Katastrophengebiet berichten: +++DER LIVETICKER ZUM SCHNEECHAOS+++. Panikmache pur, vielleicht steigert das ja die Auflage. Auch Christoph Ahlhaus gibt sicherlich insgeheim die letzte Hoffnung nicht auf, daß er als Bürgermeister die eingeschneiten Hamburger aus einer riesigen Schneewehe freibuddeln wird, um doch noch die Wahlen zu gewinnen. Das wird nicht passieren. Wir reden hier über maximal 20cm, nicht über 1,50m oder ähnliches. Wir haben leichte Minusgrade und etwas Schneefall. Aufregend ist das ehrlich gesagt überhaupt nicht, sondern naheliegend in den Monaten Dezember bis März.

Vermutlich würden die Reportagen aus dem Schneegebiet Norddeutschland in anderen Breitengraden als Satire durchgehen, so absurd sind die Meldungen oftmals. Es scheint, dass der gesunde Menschenverstand aussetzt, sobald eine Schneeflocke sich auf den Weg macht. Natürlich muß man vorsichtiger fahren, natürlich bekommt man vielleicht mal kalte Füße, manchmal ist es rutschig, dafür ist es ja auch Winter. Ich kann auch nicht nachvollziehen, daß bei diesen Witterungsverhältnissen Flughäfen geschlossen werden müssen oder die bahn nicht fährt. Es gibt Wetterberichte, die helfen eigentlich recht gut beim Antizipieren von Witterungsverhältnissen.

Wir haben kein Schneechaos, keine Schneekatastrophe, wir haben Winter. Geht Rodeln.

15 responses to Früher nannten wir es Winter

  1. SebastianHerold 17.12.2010 at 10:14

    „Geht Rodeln“ ist der Appell der Stunde. Die Presserorgane buhlen um die Gunst des Konsumhirns, vielleicht braucht es da die Schneechaos-Liveticker mittlerweile, um sich überhaupt noch Gehör zu verschaffen.

  2. OliverWagner 17.12.2010 at 10:15

    und da scheinbar alle ihre Autos zuhause lassen, sind die Straßen in Hamburg so gut zu befahren wie noch nie. Ein Traum!

  3. Kuschelbratwurst 17.12.2010 at 10:49

    Off topic, aber „Gedöhns“ ist ein großartiges Wort. Ich finde das sollte man viel öfter gebrauchen.

    Und ja, es ist einfach nur Winter. Aber wg mir kann der auch bald wieder aufhören, so nach Weihnachten vielleicht?

  4. signifikanten 17.12.2010 at 11:04

    In diesem Zusammenhang empfehle ich ein Posting auf den Nachdenkseiten: http://www.nachdenkseiten.de/?p=7694

    • @signifikanten Was die nachdenkseiten und auch Nico hier ein wenig vernachlässigen:

      Wir leben inzwischen in einer Just-In-Time-Gesellschaft, wo immer mehr Dinge unseres täglichen Lebens davon abhängen, dass sie rechtzeitig antransportiert werden und die Transportanschlüsse mit sehr geringer Toleranz pünktlich getaktet sein müssen, damit das alles klappt.

      Ich bilde mir ein, dass es in den 70ern noch nicht so krasse Folgen hatte, wenn ein paar Tage die LKWs nicht rollten oder die Züge mal ein wenig zu spät kamen. Einfach weil JIT noch nicht so relevant war wie heute.

      Inzwischen haben wir uns daran gewöhnt, dass alles so eng getaktet genau rechtzeitig bei uns ankommt, wenn wir es brauchen, so dass die Fragilität dieser Planung erst dann auffällt, wenn mal was dazwischenkommt. Ein Winter, zum Beispiel.

    • @hzulla @signifikanten ja – nur das Besondere hier ist ja, dass das nicht mal passiert, weil überhaupt gar keine Probleme da sind. oder jedenfalls fast keine. Oder?

    • @luebue @signifikanten Nicht?

      Wieviel bedeutender ist z.B. der Flugverkehr für Privat- und Geschäftsleute heute im Vergleich zu den 70ern? Ein Kollege steckt gerade in München fest. Vor vierzig Jahren wäre der für sein Meeting nicht mal eben per Flieger in den Süden und zurück gehopst und ein geschlossener Flughafen hätte keine so weitreichenden Auswirkung gehabt wie heutzutage.

    • @hzulla @luebue @signifikanten Ich glaube es ist eine Mischung aus Beidem. Zum einen wir unsere Wahrnehmung von Wetter durch die massive mediale Beschleunigung kräftig verstärkt, zum anderen sind wir tatsächlich stärker Betroffen als früher.
      Man kann es vielleicht ganz gut an der Story des mark heising vor ein paar Wochen verdeutlichen. Zum einen wäre er vermutlich vor 20 Jahren gar nicht UK gewesen. Zum zweiten hätte er vor 20 Jahren im Falle massiver Störungen im Flugverkehr einfach ein Hotel in London genommen und ein paar Tage überwintert. Und zum dritten hätte kaum jemand von uns sein Schicksal überhaupt mitbekommen.
      Und es gibt noch etwas, was sich verändert hat: Wir haben eine ganze neue Einstellung zum Risiko. Wenn vor 20 Jahren ein Schulbus in den Graben gerutscht ist, dann war das eben so. Heute muss dafür sofort jemand den Kopf hinhalten. Der zuständige Entscheider, vielleicht gleich ein Landrat oder jemand bei dem Busunternehmen.
      Aus Angst vor diesen Konsequenzen, wird oft übervorsichtig agiert. Bspw. Schulfrei schon ausgerufen, wenn der Schnee – laut UWZ (auch die ist neu) – nur droht zu fallen.

  5. SonjaGreye 17.12.2010 at 11:53

    Da kann ich nur zustimmen. Ist doch jedes Jahr das gleiche…ganz überraschen fällt im Dezember Schnee. Und wenn er es nicht tut ist es auch nicht gut….Das Wetter ist und bleibt eines der bliebtesten Mecker-Themen….

  6. Treffen sich zwei Schneeflocken. Sagt die eine: „Komm, wir legen den Frankfurter Flughafen lahm!“ Sagt die andere: „Nee, das schaffst Du schon alleine, ich kümmer mich um Hamburg.“

  7. Na ja… Ich habe zwar 1978/79 nur den Kindergarten um wenige Tage verpasst, und es war damals in Niedersachsen auch nicht halb so schlimm Schnee wie in S-H, aber: Damals hatte noch jeder einen Schneeschieber und ein kleines Eimerchen mit Salz-/Sand-Gemisch hinter der Tür stehen. Die Fenster waren noch einmalverglast und bei unter 8 Grad (wie jetzt gerade) gab es Eiskristalle am Glas. Vor allem gab es noch fünfmal so viele Bauernhöfe wie jetzt, auch in Stadtnahen Gegenden (Stichwort „Strukturwandel“) die zur Not mit dem Traktor Leute aus der Schneewehe ziehen konnte.
    Ich habe außerdem den Eindruck, dass zu viele Leute Winter „verlernt“ haben. Angefangen bei der Bahn: Früher hatten die 10 Leute in jedem Stellwerk, die im Winter Urlaubsserre und Bereitschaft hatten, um die Weichen zu warten und die Bahnhöfe zu streuen. Heute steht im Stellwerk nur noch der Computer und der Operator, und die können beide keine Weichenheizungen mehr anschmeißen. Und zu den Unfällen: Ich wurde von meinen Eltern vor 17 Jahren verdonnert, gleich nach meinem Führerschein ein Fahrsicherheitstraining zu machen – nachdem es meinen damaligen Freund mit frischem Führerschein und Sommerreifen bei Eis fast in einer Kurve zerrissen hätte…

  8. Moin Nico, mit „in unserem Ort“ meinst du wahrscheinlich Mölln und das war echt eingeschneit! Gerade weggezogen aus der Waldstadt in das sogenannte Känguruh-Viertel (große Sprünge und nichts im Beutel) gezogen, weiß ich noch, dass wir zum „neuen, großen“ Supermarkt Multi (später Eurospar, heute Famila, aber die Bushaltestelle heißt immer noch Multi; falls sich jemand mal gefragt hat, warum die Multi heißt, jetzt weiß er/sie es) mit dem Schlitten gefahren sind, weil es keine andere Möglichkeit gab. Und, ja Nico, es klingt wie Opa erzählt aus dem Krieg, aber deine Kinder schauen dich bestimmt auch so an, wenn du ihnen erzählst, dass du früher Pong, Pac-Man oder Donkey Kong gespielt hast.

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