Niemand spielt das Check-In Spiel?

Während Foursquare freudestrahlend 3400% Wachstum verkündet, motzt Sebastian wenigstens in der Headline Status Quo: In Deutschland nutzt keine Sau Foursquare! rum.

Da ist etwas dran. Das Erreichen unterschiedlichster Level bzw. Badges beim fröhlichen Check-In irgendwo macht ja durchaus ein klein bißchen Spaß, aber ich kann da keine dauerhaftes Amusement erkennen. Warum sollte man auch an irgendwelchen 08/15-Orten sich einchecken? Aus Sicht der Unternehmen, die Check-Ins anbieten, also z.B. Foursquare, Facebook, Friendticker oder Qype, ist es sehr spannend zu sehen, was die User so treiben und die Möglichkeit, über Location-based Advertising Umsatz zu treiben, ist sehr naheliegend. Aber aus User-Sicht gibt es neben den üblichen Social Status Themen wie pures Angeben, Oversharing oder Neugierde kaum Momente, die für eine wirklich langfristige Nutzung von Check-Ins sprechen.

Es sei denn, man sieht die aktuelle Version der Check-Ins als 1.0 an, quasi um die Grundlagen zu legen und Plätze auf die Karten zu bringen, die von Usern genutzt werden können.

Ich finde beispielsweise die Lösung von Instagram sehr nett, daß User dort ein Foto nicht nur schnell bei Twitter oder Facebook sharen können, sondern auch eine Location auswählen können, die zu dem Foto passt. Auf einmal haben die Foursquare Venues einen Kontext, in dem sie total Sinn machen. Das ist nur ein Beispiel, Couponing ist ein weiteres, und wenn man ein wenig nachdenken mag, fallen einem weitere Szenarien ein.

Check-Ins an sich werden nur durch den speziellen Kontext für die Freunde relevant. Foursquare wird also Teil der Web-Infrastruktur werden, oder einem größeren Facebook-Angebot weichen. Check-Ins an einer Tankstelle bleiben weiterhin egal. Nur wenn jemand mir den Titel des Mayor beim Starbucks Eppendorf streitig machen will, dann werde ich fuchsig.

Bericht vom Netzcamp der SPD Hamburg

Heute fand im betahaus hamburg das erste Netzcamp der SPD Hamburg statt, organisiert von Hansjörg Schmidt und mir, unterstützt von Mathias Büttner.

Irgendwie hätten wir eine derartige Veranstaltung eigentlich schon öfter machen sollen, fällt mir bei der Rückbetrachtung auf. Grundidee für das Netzcamp war, in einer sehr Dialog-orientierten Veranstaltung Politiker und Interessierte aus der digitalen Wirtschaft zusammenzubringen. In Hamburg ist gerade Wahlkampf und am 20. Februar wird die Bürgerschaft neu gewählt, aber für uns war wichtig, daß wir nicht eine reine Wahlkampfveranstaltung machen, sondern es schaffen, Themen zu diskutieren, die auch über den 20. Februar hinaus Bestand haben werden. Ich denke, daß ich in aller Bescheidenheit sagen kann, dass uns das Netzcamp ziemlich gut gelungen ist. Aber es ist immer noch sehr viel Verbesserungspotential vorhanden.

Geplant waren mehrere Tracks mit unterschiedlichsten Themen, wobei wir vor allem auf Beiträge aus dem Publikum gehofft hatten. Das hat nicht ganz so gut geklappt. Dafür war aber das erste Thema “Herausforderungen für den Internetstandort Hamburg”, bei dem eine Diskussion zwischen Stephan Uhrenbacher, dem Gründer von Qype, und Olaf Scholz, dem SPD Spitzenkandiat, auf dem Programm stand. Stephan hat aus der Sicht eines Unternehmers geschildert, was er von der Politik erwartet, wobei einerseits die mangelnde Bekanntheit im internationalen Vergleich ein Nachteil beim Anwerben von Fachkräften darstellt, andererseits aber auch zu hohe Büromieten die Ansiedlung von jungen Unternehmen in Hamburg erschweren würden. Olaf Scholz stellte seine Forderung nach mehr bezahlbaren Wohnraum kurz da und erläuterte die generelle Problematik von Politik und Verwaltung, daß die Zyklen zu lang sind und dadurch Lösungen präsentiert werden, die nicht nicht mehr zu den Problemen von Unternehmen passen würden. Viele Wortbeiträge zeigten, daß bezahlbare Büros für kleine Firmen als ein wichtiges Thema gesehen werden. Interessant war auch, daß Subventionen und Förderungen nicht auf der Agenda stehen, sondern eher angemerkt wurde, daß man sich einen besseren Zugang zur Politik wünschen würde, damit die Rahmenbedingungen verbessert werden können. Olaf Scholz hat deutlich gemacht, daß ein von ihm geführter Senat nicht nur die Hafenwirtschaft im Blick haben wird, sondern auch die digitale Wirtschaft als einen wichtigen Eckpfeiler für Hamburg ansieht.

Anschließend wurde in einem Gespräch zwischen Gunnar Brune und Nils Henning, dem CCO von Bigpoint, die Relevanz des Themas Gaming für Hamburg erörtert und dargelegt, was für ein massiver Wirtschaftsfaktor die Spielebranche mittlerweile für Hamburg geworden ist.

Darauf folgte ein kurzweiliger Blick auf die netzpolitischen Themen im Bund und Europa, denn dankenswerter Weise hatten sich mit Lars Klingbeil, MdB, Matthias Groote, MdEp und Rainer Hamann, MdBB, gleich drei Fachpolitiker der SPD eingefunden, um über die aktuellen Diskussionen in Berlin, Brüssel und Bremen zu diskutieren. Lars Klingbeil hat mit seinem Ausspruch “Wir brauchen eine Medienpolitik der Befähigung und nicht der ständigen Warnungen!” dabei sicherlich vielen der Anwesenden aus der Seele gesprochen und generell für mehr Verständnis der politischen Entscheidungsprozesse geworben.

Abgerundet wurde die Veranstaltung mit zwei parallelen Sessions zu den Themen Medienkonvergenz in Hamburg und Veränderung der Arbeitswelt. Trotz Ermüdungserscheinungen wurde noch angeregt über Ideen diskutiert, wie z.B. kostenloses WLAN in Hamburg oder eine verbesserte, zielgerichtetere Ausbildung für digitale Berufe.

Ich würde so ein Netzcamp in Hamburg gerne öfter machen, das Realtime-Feedback ist jedenfalls sehr ermunternd. Ich glaube, wir sind uns alle einig, daß Gespräche die Grundlage für eine sinnvolle Netzpolitik sind und daß wir da noch einen Weg vor uns haben. Vielen Dank an alle Teilnehmer für den anregenden Nachmittag!

[ Wir haben auch einen Arbeitskreis bei der SPD Hamburg für diesen Themenkomplex. Wer gerne beim AK Digitales Leben und Arbeiten in Hamburg mitmachen möchte, kann mir einfach eine Email schicken und kommt dann auf den Verteiler, um Einladungen zu den nächsten Treffen zu erhalten und an der Diskussion teilzunehmen. ]

Alles nur laue Pupse

Irgendwie finde ich das goldig. Alle zwei bis drei Monate dreht die versammelte Blog- und Twitter-Szene Deutschlands unrund. Eine kollektive, oftmals sehr selbstgerechte Entrüstung wird in Windeseile von Bloggern und Twitter-Nutzern aufgegriffen. Irgendwie in der Hoffnung, daß man Teil einer großen, disruptiven Bewegung sein könnte. Power to the people, jetzt aber wirklich, volle Pulle, mit meinem Retweet zeige ich es denen aber so richtig!

In der Theorie klappt das ja auch alles ganz toll, nur in der Praxis suchen sich die Protagonisten immer Themen, die nicht wirklich für die massive mediale Verbreitung taugen. Und überhaupt, warum wird bei jedem Aufreger im deutschen Social Web, der dann als Shitstorm tituliert wird, immer sofort auf die sonst so verpöhnten Massenmedien geschielt? Wenn man die Reichweite alleine nicht Zustande bekommt, dann hat das vielleicht auch mit der Relevanz des Themas für die Masse zu tun, oder?

Die Shitstorms der letzten Jahre waren allesamt laue Pupse, nicht mehr. Anders ausgedrückt: Berlin Mitte ist nicht Deutschland, es gibt anderswo oft noch wichtigere Themen als irgendeine Tigerkralle oder ein amüsierendes Weblog, das offline gegangen ist. Wo ist eigentlich der Shitstorm zur Hartz IV Erhöhung? Oder der Shitstorm zum Dioxin-Skandal? Der Shitstorm gegen die schwarz-gelbe Bundesregierung?

Die Selbstüberschätzung einiger Protagonisten aufgrund irgendwelcher PageImpressions, Verlinkungen oder Retweets ist gigantisch, die tatsächliche Reichweite geht über die eines erweiterten Stammtisches nicht hinaus. Substanz entscheidet, nicht das Vervielfältigen einer Meldung durch möglichst viel Followerclickvieh.

Mein Wunsch für 2011: mal ein richtiger Shitstorm. Über den die Menschen morgens in der Ubahn reden, der abends beim Sport diskutiert wird und dann Thema beim Wort zum Sonntag wird. Nicht immer diese Pillepalle-Themen, die nur die Nische Social Web manifestieren.

Netzcamp der SPD Hamburg am 22.1.

Welche Auswirkungen hat das Internet auf die Gesellschaft? Wie verändert das Internet die Wirtschaft und wie können wir die Potentiale nutzen? Was bedeutet die veränderte Mediennutzung für unsere parlamentarische Demokratie? Im letzten Sommer habe ich einige Gespräche mit Olaf Scholz geführt und dabei wurden u.a. auch diese Fragestellungen erörtert. Wir haben danach entschieden, daß diese Themen wichtig auch für die SPD in Hamburg sind und haben daher, in guter sozialdemokratischer Sitte, einen Arbeitskreis gegründet. Damit wir auch ein wenig inhaltlichen Anspruch im Titel verankern, haben wir dem Arbeitskreis den unglaublich sperrigen Namen “AK Digitales Leben und Arbeiten in Hamburg” gegeben, abgekürzt AK DLAH. Die Idee hinter dem AK DLAH ist, die netzpolitische Kompetenz innerhalb der Hamburger SPD zu bündeln und relevante Themengebiete inhaltlich zu erschliessen.

Eigentlich wollten wir 2010 locker mit dem AK DLAH starten, um dann in 2011 Fahrt aufzunehmen und im Wahlkampf 2012 gut aufgestellt zu sein. Aber der schwarz-grüne Senat hat uns den Gefallen nicht getan, worüber wir uns wiederum nicht beschweren wollen.

So viel zur Vorgeschichte. Wir haben uns überlegt, wie wir eine netzpolitische Veranstaltung im derzeitigen Bürgerschaftswahlkampf stattfinden lassen können, die zum einen zeigt, daß das Internet für die SPD in Hamburg ein relevantes Thema darstellt, zum anderen genug Raum für Diskussionen und zum Mitmachen lässt. Insofern ist das Setup für die Veranstaltung sicherlich etwas unüblich, aber das finde ich sehr charmant.

Das Netzcamp der SPD Hamburg am 22.1.im betahaus beginnt um 13:30 und wird um 14 Uhr mit einem Grußwort von Olaf Scholz eröffnet. Im weiteren Verlauf wird Lars Klingbeil, MdB, einen Blick auf die netzpolitische Debatte in Berlin werfen, Matthias Groote, MdEP, wird eine europäische Perspektive einbringen, darüber hinaus dürften wir über das Internet als wichtigen Wirtschaftsfaktor für die Stadt Hamburg diskutieren und uns über neue Formen der Arbeit unterhalten. Noch ist alles im Entstehen und wir freuen uns über Anregungen in den Kommentaren. Anfang nächster Woche werden wir die Agenda konkretisieren und Updates posten. Das Netzcamp wird also Elemente eines Barcamps verbinden mit einer Wahlkampfveranstaltung – mal sehen, wie das funktionieren wird. Zum Abschluß gibt es dann einen Umtrunk ab 18 Uhr, da sind wir dann wieder ganz traditionell.