Macht’s gut und Danke für die Revolution

Nico —  2.02.2011

Nachdem mein Artikel vom Montag durchaus eine hitzige Diskussion ausgelöst hat, wurde ich in den Kommentaren gebeten, die Reise von Richard Gutjahr abschliessend zu bewerten. Wir erinnern uns, ich hatte Richard zu viel Selbstdarstellung vorgeworfen, und zwar noch bevor er überhaupt wirklich aus Ägypten berichtet hatte.

Was soll ich zu seinen Tweets und Blog-Artikeln sagen? Richard hat trotz der räumlichen Distanz einen ziemlich guten Eindruck von der Lage vermitteln können, die zurückblickend als die Ruhe vor dem Sturm angesehen werden kann. Der Artikel Die letzte Chance? beschreibt eindrücklich, wie die Stimmung gerade kippt und ich bin froh, daß Richard wieder wohlbehalten am Flughafen angekommen ist, um das Land zu verlassen.

Aufmerksamkeit hat Richard Gutjahr in den letzten zwei Tagen sicherlich gehabt, doch was war das Ziel seines Ausflugs? Hat er Insights vermitteln können, die wir sonst nicht gehabt hätten? Das kann ich nicht abschliessend beurteilen, aber eine hintergründige Recherche konnte ich bislang nicht entdecken, nur Fotos und knappe Interviews. Ich vermute, daß noch mehr Inhalte von Richard geliefert werden, sobald er wieder zuhause ist und erst einmal ausgeschlafen hat. Die Lage in Ägypten konnte er aus nächster Nähe schildern: Das hier ist jetzt unser Facebook!.

War das jetzt mehr Selbstinszenierung oder mehr Reportage? Sieht so der freie Journalist der Zukunft aus?

10 responses to Macht’s gut und Danke für die Revolution

  1. wilde_amazone 2.02.2011 at 18:03

    Erster!

  2. Vielen Dank, ich hatte ja auch u. a. nach Deiner Einschätzung gefragt.

    Ich kann auch kaum beurteilen, ob er Insights vermittelt hat, die wir sonst nicht gehabt hätten. Aber neben dem Live-Ticker der ZEIT und dem Stream von BBC, habe ich vor allem wegen seiner subjektiven Berichterstattung das Gefühl, die Lage wenigstens ein kleines bisschen besser zu verstehen, als es in anderen Fällen der Fall war. Daher bin ich im sehr dankbar.

  3. chSchlesinger 2.02.2011 at 19:34

    Wer auf seine Kosten fährt, will auf seine Kosten kommen. Und dafür, was manch Blogger angeblich beruflich auf die Beine stellt, ist in der Blogosphäre erstaunlich wenig Geld unterwegs, Flattr also kaum eines Blickes wert. Bleibt das Heischen nach Aufmerksamkeit. Wobei es oft genug nur die Aufmerksamkeit virtueller Männerwohnheime zu gewinnen gibt. Dafür seinen Arsch zu riskieren, verdient unbedingte Anerkennung, finde ich. Zumal das Thema hier wie allgemein in der Blogosphäre „durch“ sein dürfte. Zurück bleibt einer, der aus dem brennenden Kairo twittert, während man sich längst wegen gekaufter Links wundkommentiert oder wegen einer Petition der Piratenpartei.

  4. Das Gesamtbild aus den aktuellen Ereignissen in Ägypten ergibt sich aus der Summe aller Berichte von vor Ort, Analysen und weiteren Informationen sowie aus der daraus resultierenden Diskussion.

    Richard Gutjahr hat mit seiner kurzentschlossenen und mutigen Reise in das Auge des Hurrikans gemacht und einen Baustein zu diesem Gesamtbild geliefert. Er hat seine persönlichen und ungefilterten Eindrücke wiedergeben. Das hat er als als gelernter (Tech-)Journalist und in bester Bloggermanier gemacht. Das finde ich gut.

    Das, was der einzelne Medienkonsument und Aktivist nun aus dem Gesamtbild macht, ist jedem selber überlassen. Wenn dabei auch noch etwas Fame für Richard übrigbleibt, ist das ein sehr geringer Lohn für sein Engagement und sei ihm von mir herzlich gegönnt.

    Ich wünschte, es gebe mehr Gutjahrs.

  5. derWebarchitekt 3.02.2011 at 10:39

    Es ist sicherlich schwierig zu sagen, welche Absichten dahinter stehen. Es ist allerdings auch eine Frage, die ich mir nicht stelle. Ich kann mir nicht vorstellen, dass man mit der Absicht auf ein paar Klicks in einen Krisenherd reist.

    Letztlich muss ich sagen hat Richard Gutjahr für mich nicht nur eine knappe Reportage geliefert. Ich denke diese „Aktion“ war mehr. Immer hat hat gestern das größte Boulevardblatt des Landes auf seiner Internetpräsenz damit geworben, dass ein Reporter in Kairo ist und twittert. Man scheint zwar in dem Hause das Medium noch nicht ganz verstanden zu haben, aber immerhin schon zur Nachahmung bereit.

    Ob die Berichterstattung nun qualitativ gewesen ist weiß ich nicht, dass kann ich auch nicht beurteilen. Gutjahr hat es aber geschafft, was Blogger so tun und Journalisten oft fehlt, die Stimmung und emotionale Lage zu transportieren. Er hat platt geschildert, was eigentlich passiert. Ohne Superlativen, ohne laute Worte zu benutzen, einfach „authentisch“ (kanns nicht mehr hören). Wie Kalle so schön sein Kommentar beendete, dafür bin ich ihm dankbar.

  6. OliverGassner 4.02.2011 at 11:22

    HM,
    also ich hab alle Berichte gelesen und kann keine ‚Selbstdarstelling‘ ieS sehen. ein Blog ist _natürlich_ „personal publishing“ und erlaubt einen anderen und subjektivieren Blick. ich muss auch zugeben, dass ich TV-Nachrichten nicht konsumiere und auch die Zeitung eher quer lese.
    „Ägypten“ habe ich teilweise versucht auf Al Jazeera live zu verfolgen, aber neben der Arbeit her blieb da in etwa übrig ‚da laufen Leute und im Studio quasseln Politiker‘.
    INsofern fand ich für mich die Perspektive von RG recht interessant, weil er etwas zeigen konnte das ‚Kameras auf den Dächern‘ eben nicht zeigen konnten. Interessant war für mich auch, dass sein Handy offenbar die ganze Zeit tat und so diverse Abschaltnachrichten konterkarierte. Auch das ‚direkte Reden‘ mit Leuten auf dem Platz und in den Demos fand ich interessant.
    ZU sage ‚das gabs auch anderswo‘ ist glaub ich nicht so spannend, spannender ist doch ‚das gabs AUCH im Blog und auf Twitter‘. Für mich weiß ich jeden falls, welches der Kanal war, den ich wahrgenommen habe. (Und es gibt hier kein funktionierenedes Apple-Gerät mehr im Haus und ich hab auch vorher RGs blog nicht gelesen …;) )

  7. SaschaStoltenow 4.02.2011 at 12:36

    Um mal auf Deine beiden Fragen einzugehen, die ich so richtig finde, wie Deinen ersten Kommentar blöd: Ich glaube, Reportage ist Selbstinszenierung, denn der Reporter nimmt mich idealerweise mit auf seiner Reise. Allerdings – und daher mag das ein oder andere Ungemach kommen – hat sich Richard vorab vor allem in einem anderen Kontext inszeniert und damit eine Rolle/einen Character etabliert, dem mancher verständlicherweise die anders angelegt Rolle in Kairo nicht sofort abnimmt. Bei mir hat quasi synaptisch sofort die Kombi Naher Osten (Tel Aviv) und Social Networks/Techikram eingerastet, weshalb ich es sehr plausibel fand, dass Richard dorthin ist. Außerdem hat er mit seinem Entschluß, Kairo genau dann zu verlassen, als er es getan hat, excellent judgement bewiesen.

    Aber, sieht so der freie Journalist der Zukunft aus? Teils, teils. Ich glaube, der freie Journalist der Zukunft braucht neben den handwerklichen Fähigkeiten und einer gewissen Neugier ein, zwei, drei klare Rollenprofile, auch, um sein Publikum nicht zu irritieren. Richard hat m.E. sein Profil mit der Reise nach Kairo erweitert – durch eine Inszenierung, die gehalten hat, was sie versprochen hat. Eine weitere, bislang nicht gestellte Frage aber ist: Wie sieht die Nachrichtenorganisation, das Medium der Zukunft aus? Auch hier gibt Richard Reise einige Hinweise. Zentral für mich: das Medium der Zukunft bietet vielen Richards eine Plattform, ähnlich wie ein Plattenlabel seinen Künstlern oder ein Theater seinen Schauspielern und Regisseuren. Und: es findet eine überzeugende Antwort darauf, wie es das finanziert. Denn das alle relevanten Themen crowdgesourct funktionieren, da bin ich mit trotz Long Tail nicht sicher. In imperfekten Märkten wird es weiter Intermediäre brauchen. Apple anyone?

  8. Jedes persönliche Blog ist Selbstdarstellung. Lummas Vorwurf ist lächerlich, pardon.

  9. Marco1966_4 5.02.2011 at 18:17

    Man möge Nico danken, dass er Aufmerksamkeit auf Richards Berichte gelenkt hat, diese Diskussion angestossen hat und dabei einen kleinen Shitstorm inkauf genommen hat.