Die Revolution wird nicht im Fernsehen übertragen

In den letzten Tagen wurde auf Twitter anhaltend über Ägypten getwittert. Links von Al Jazeera wurden gepostet, CNN-Beträge geretweetet und natürlich auch Richard Gutjahrs Tweets und Twitpics wurden aufmerksam inhaliert. Ganz oft wurde darauf hingewiesen, wie wichtig Twitter und Facebook für die Verbreitung von Inhalten sei, indem ganz einfache Bürger, die an Demonstrationen in Ägypten teilnahmen, sofort ihre Eindrücke über Twitter und Facebook mit ihren Freunden bzw. der Öffentlichkeit teilen konnten. Man hatte aufgrund der Fülle von Inhalten oftmals das Gefühl, sehr genau zu wissen, wie es gerade in Kairo aussieht.

The Revolution will not be televised. Neben dem Song gibt es mittlerweile auch ein Buch von Joe Trippi, einem der Internet-Strategen von Howard Dean, mit dem Untertitel: Democracy, the Internet, and the Overthrow of Everything. Unzählige Male wurde in den letzten Jahren in Blogs und auf Twitter diskutiert, daß die herkömmlichen Medien bei plötzlich entstehenden Massenbewegungen ins Hintertreffen geraten und die sozialen Medien eine sehr schnelle und direkte Verbreitung der Inhalte ermöglichen.

Dennoch gibt es seit Tagen auf Twitter und anderswo ein Wehklagen, daß ARD und ZDF eklatant versagt haben sollen. Der Tenor ist stets der gleiche: mit GEZ-Milliarden finanziert, kommen die Öffentlich-Rechtlichen ihrem Grundversorgungsauftrag nicht nach, während Al Jazeera und CNN live senden und eine Sondersendung der nächsten folgt.

Das finde ich paradox.

Diejenigen, die auf Twitter, Facebook und Blogs seit Jahren fabulieren, wie sich Journalismus verändert und wie die Medienrezeption dazu führt, daß traditionelle Medien immer mehr in Bedrängnis geraten, die gleichsam in ihrer Mediennutzung dem großen Teil der Bevölkerung weit vorraus sind und sich ihre Inhalte selber zusammenstellen können, beklagen jetzt, daß sie nicht rund um die Uhr mit Live-Bildern aus Kairo versorgt werden. Abgesehen vom Thema der Effizienz, weswegen ich generell nicht nachvollziehen kann, warum man sich in epischer Länge Live-Übertragungen von Demonstrationen angucken sollte, verstehe ich nicht, wieso man einem alten Rundfunk-Medium wie dem Fernsehen so viel Wichtigkeit zubilligt.

Ich gucke nahezu kein frei empfangbares Fernsehen. Ich höre gelegentlich NDR Info und nutze das Web. Und fühle mich mehr als ausreichend informiert. Als Beispiel wären da die Beiträge über Ägypten auf NDR Info (die ersten Suchergebnisse sind irritierend, danach wird es passender) in den letzten Tagen, da waren viele umfangreiche Beiträge dabei, auch auf Plattdeutsch oder mit Berichterstattern vom Balkon des Hotels am Tahir-Platz. Auch die letzten 100 Beiträge des ZDF über Ägypten bieten einiges an Informationen, um sich ein Bild von den Geschehnissen in Ägypten zu machen. Hinzu kommen unzählige Tweets, Retweets, Facebook Shared Items und Status Updates sowie Blogposts und Shared Items in Google Reader, die ein umfassendes Bild der Revolution in Ägypten liefern.

Wieso also die Aufregung, daß ARD und ZDF nicht mindestens 24 Stunden am Tag live senden? Das war doch klar. Die Revolution wird nicht im Fernsehen übertragen

6 Antworten auf „Die Revolution wird nicht im Fernsehen übertragen“

  1. Hihi. Mir geht es ähnlich, aber was folgt daraus? Wenn Du ARD und ZDF aus der Verantwortung entlässt, die Veränderung der Welt zu zeigen, dann bitte sei auch so konsequent, ihre Abschaffung zu fordern.

    Oder?

    1. @Gunnar hmm. ich finde es anachronistisch, bei ARD und ZDF nur an TV-Sender zu denken, das werden Medienhäuser, genauso wie Verlage eben auch – nur daß wir ARD/ZDF durch die GEZ finanzieren. Das heisst aber noch lange nicht, daß Dauerlivesendungen im TV stattfinden müssen.

  2. Nur weil’s klar ist ist es doch noch lange nicht gut. Deswegen die Aufregung.

    1. @markusandrezak aber wer soll das denn alles gucken im TV? Die Informationen sind doch online locker zu finden.

    2. @NicoLumma Zum einen wird ja selten beklagt, dass die „Revolution“ nicht den ganzen Ta zu sehen ist, sondern dass eben z. Bsp. Kernmomente wie etwa Mubaraks Rede nicht mal zu sehen sind. Da haben sich ARD und ZDF einfach amateurhaft angestellt. Sie waren nicht da.Und das ist schon erbärmlich.

      Aber selbst wenn man mal deine überspitzte Wahrnehmung ernst nimmt, dass gefordert würde, die „Revolution“ solle den ganzen Tag gesendet werden: ARD und ZDF haben inzwischen so viele Kanäle auf denen so viel Nebensächliches gesendet wird: einen davon den aktuellen Ereignissen zu widmen – sollte doch kein Problem sein.

      Kannst Du Dich noch erinnern wie es war als Boris Becker und Stefi Graf gespielt haben – da war jede Woche irgendein Turnier in voller Länge – auch von den Nebenplätzen zu sehen. da soll es jetzt zu viel sein, Ägypten zu zeigen?

    3. @markusandrezak abgesehen davon, daß ich glaube, daß es weniger gefährlich war, Boris Becker und Steffi Graf beim Tennis zu filmen als jetzt Live-Berichterstattungen in Kairo zu unternehmen, glaube ich eben nicht, daß die Sender mit einer Dauerberichterstattung aus Kairo besser gefahren wären. Wozu? Wir haben doch das Internet und können Informationen dort viel besser zur Verfügung stellen.

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