Die Facebook-Falle – das Interview dazu

Letzten Sommer hat Sascha Adamek ein längeres Interview mit mir über Facebook geführt, um zu erfahren, warum Facebook für Werbetreibende relevant ist. In seinem Buch Die facebook-Falle: Wie das soziale Netzwerk unser Leben verkauft beschäftigt sich Sascha Adamek mit dem größten sozialen Netzwerk und sieht dabei insbesondere die Monetarisierung der Nutzerdaten sehr kritisch. Ich habe Sascha mal ein paar Fragen zu seinem Buch gestellt.

Sascha, Du hast gerade das Buch „Die Facebook-Falle – Wie das soziale Netzwerk unser Leben verkauft“ veröffentlicht. Was war Deine Motivation für dieses Buch?

Ende 2009 erhielt ich immer wieder sogenannte Einladungen von Facebook und stellte fest, dass diese gar nicht bewusst von Facebook-Mitgliedern abgesendet worden waren. Dann wurden mir auch noch Kontakte von Menschen genannt, mit denen ich Jahre zuvor beruflich kurzen E-Mail-Kontakt hatte. Facebook animiert uns, unsere E-Mail-Adressbücher hochzuladen. Dabei würden wir selbst unserer Freundin oder unserem Freund nicht das Passwort geben. Bei Facebook tun das aber viele und der Konzern generiert die Daten von Nichtnutzern dann, um diese aggressiv anzuwerben. Für Journalisten, die auch davon leben, ihre Quellen zu schützen, geht das zu weit. Aus meinem Ärger wurde dann zunehmend Neugier: wie gelingt es einem Konzern so viel über Hunderte von Millionen Menschen herauszufinden? Außerdem interessierte mich die gesellschaftliche Sogwirkung für immer mehr Menschen, ohne die diese atemberaubende Expansion von Facebook gar nicht möglich wäre. Und nicht zuletzt wollte ich herausfinden, was ein so eng gestricktes digitales „Freundes“-Netzwerk aus unseren analogen Freundschaften macht.

Meinst Du nicht, daß den Nutzern klar ist, daß Facebook ein Wirtschaftsunternehmen ist und mit der Plattform auch Geld verdienen will?

Ich denke, viele ahnen das. Aber die wenigsten lesen die ellenlange Datenschutzerklärung durch, und noch weniger Menschen die Aufforderung von Facebook an Werbekunden, doch Zielgruppen herauszufinden, deren „Lebensstil“ zu ihren Produkten passt. Und Facebook hat nicht umsonst hinter dem Rücken der Mitglieder 2009 die Geschäftsbedingungen geändert. Das bis dahin geschlossene „Freundesnetzwerk“ wurde plötzlich googlebar. So etwas macht man unter Freunden nicht, denn Freundschaft und Kommunikation leben von Vertrauen. Die hohe Usability von Facebook und der daraus resultierende Spaßfaktor lenken aber von dem Milliardengeschäft dahinter ab. Und das sage ich durchaus mit Respekt vor dieser Innovation.

Wie verkauft denn Facebook unser Leben? Der reisserische Titel führt bei mir zur Vorstellung, dass Kofferweise ausgedruckte Profildaten den Besitzer wechseln, aber wie sieht es in Wirklichkeit aus?

Das Leben verkaufen, klingt vielleicht negativ, ist es aber auch. Facebook animiert uns im Netz und sogar bis ins analoge Leben (Places), unsere Gewohnheiten digital zu dokumentieren. Klar freue ich mich, von Freunden zu einem Theaterstück eingeladen zu werden. Klicke ich aber auf Annehmen, wird mein Interesse genauso gespeichert wie beim Liken. Je enger dieses Raster meiner Person wird, desto zielgenauer kann Facebook Werbeanzeigen verkaufen. Jeder User bringt dem Unternehmen schon heute eine Wertschöpfung von geschätzten 14 Dollar. Und ich finde, der Spaßfaktor hört vollends auf, wenn ich plötzlich selbst zur Werbe-Ikone im eigenen Freundeskreis gemacht werde und das mit jeder Regung. Manche Leute wollten kürzlich einfach nur die blödsinnige Guttenberg-Fan-Seite ansehen und mussten dafür liken. Durch pure Neugier werden wir zu Teilnehmern einer halbseidenen Online-Abstimmung. Ich denke, weniger wäre hier mehr, aber Facebook braucht immer mehr, um besser zu monetarisieren. Das könnte aber langfristig auch Verdruss schaffen – selbst bei den eher konsumorientierten Nutzern.

Benötigen wir ein neues Verständnis für unsere personenbezogenen Daten und den Umgang damit?

Ich denke, hier erfüllt Facebook eine gute Funktion. Niemandem gelang es bislang, uns so nachhaltig zu animieren, so viel wie möglich preiszugeben und je häufiger Menschen dabei auf die Nase fallen, desto schneller wird sich in der Community ein Umdenken durchsetzen. Ich glaube nicht, dass die Nutzer wirklich auf ihre Privatsphäre pfeifen. Sie haben nur noch nicht alle gemerkt, dass sie sie gefährden. Insofern glaube ich auch nicht, dass Zuckerbergs Vision von der einen Identität in Erfüllung gehen wird. Nur ein Beispiel: Mich hat eine Dimap-Studie im Auftrag des Bundesverbraucher-Ministeriums überrascht. Nur knapp die Hälfte der Unternehmen, die Bewerber im Netz checken, stört, wenn sie online entdecken, dass ein Bewerber ein Partylöwe ist. 76 Prozent störte aber wenn sich Arbeitnehmer im Netz negativ über Arbeitsbedingungen geäußert haben. Man sieht: Unternehmen halten nichts von Demokratie und freier Meinungsäußerung im Netz. Das ist schade, denn vor fiesen Arbeitgebern könnten gerade im Netz nachhaltig gewarnt werden. Auch im Facebook-Zeitalter bleiben wir gezwungen, uns zu überlegen, wem wir was wann wie vertraulich mitteilen.

Wie verändert Facebook den Umgang der Menschen mit Öffentlichkeit und Privatheit?

Bei einer Lesung fragte mich neulich ein empörter Zuhörer, er sei auf einem Empfang der Landesregierung Baden-Württembergs fotografiert und auf Facebook gepostet worden und ob er dagegen vorgehen könne. Ich sagte ihm, das sei eine öffentliche Veranstaltung und somit hätten Facebook-Mitglieder die gleichen Rechte, ein Foto zu veröffentlichen wie analoge Medien auch. Ähnlich ist es für mich mit der Google-Street-View-Hysterie. Häuser sind Häuser sind Häuser. Aber die gleichen Politiker, die gegen Google wettern oder andere, die gegen die Vorratsdatenspeicherung zur Bekämpfung wirklich schwerer Kriminalität protestieren, twittern selbst locker, dass sie ihre Zigaretten in ihrer WG vergessen haben. An solchen Dingen kann man doch ablesen, dass sich unser Verhältnis zum Datenschutz verändert – auch in Deutschland. Die urbane Bevölkerung wird lockerer bei der Veröffentlichung privater Daten. Aber die Häuslebauer-Fraktion findet das Online-Stellen des eignen Jägerzauns genauso ärgerlich wie ein Bikini-Foto der Gattin auf der Terrasse. Diese langsamen Veränderungen geben aber den kommerziellen Datenkraken nicht das Recht, alles zu tun und zu lassen, was ihren Profiten nutzt.

Kann man sich Facebook noch entziehen, oder geht das gar nicht mehr? Du hast ja selber auch ein Facebook-Account.

Ich dachte, ich kann nicht über Fußball schreiben, wenn ich nicht mal die Abseits-Regeln kenne. Facebook dient mir bis heute zur Recherche, denn ich will wissen, was Facebook verändert. Kürzlich wollte ich einem Freund, übrigens ein echter Facebook-Enthusiast, einen Link schicken von Youropenbook.org, eine datenschutzkritische Suchmaschine, mit der man in Echtzeit lesen kann, was Leute zu bestimmten Themen posten. Leider hat Facebook meine Facebook-Nachricht geblockt und zensiert. So etwas kann ich nur herausfinden, wenn ich mich auf Facebook bewege. Übrigens hat Facebook die monatelange Zensur wenige Tage nach einem Interview, das ich einer Nachrichtenagentur hierzu gab, wieder aufgehoben. Privat habe ich dort kaum Kontakt und sogar neulich eine Party verpasst. Ein Freund hatte die Einladung einen Tag vorher gepostet, ich hatte aber zwei Tage nicht hereingesehen. Andere Leute hatten eine normale E-Mail bekommen. Das Beispiel zeigt: wenn man erst mal drin ist, muss man dranbleiben. Aus Freiwilligkeit wird Zwang. Immer mehr Menschen haben einen beruflichen Nutzen, PR und Marketing sind ohne Facebook nicht mehr machbar.

Was müsste Facebook tun, damit Du es nicht mehr als „Facebook-Falle“ ansehen würdest, sondern als eine gute Sache?

Das Unternehmen müsste sich einfach an die Gesetze halten und seine User nicht hintergehen. Und dazu gehört auch, dass sie das tun, zu dem sie uns permanent auffordern: Sich offen machen. Sie sollten offen sagen, wie sie unsere Daten verarbeiten und diese ständige Geheimnistuerei beenden. Jüngstes Beispiel: die umgehende Personalisierung (Firmen, die ich like, können direkt mein Profil abgreifen). Facebook schaltet das Tool in Deutschland frei, behauptet aber, es hier nicht zu nutzen. Selbst staatliche Datenschützer können nicht nachprüfen, ob Facebook nun seinen Partner-Unternehmen den direkten Zugriff auf unsere Persönlichkeitsdaten ermöglicht. Wenn Facebook sich offen macht, hätten auch die positiven Effekte ein anderes Gewicht: der Kontakt zu entfernt lebenden Freunden, die unmittelbare Kritik, die wir dort äußern können an Produkten, aber auch an Politikern.

Was kommt nach Facebook?

Ich fürchte erst mal lange nichts. Zum einen integriert Facebook immer mehr Internettools, wie die Suchmaschine oder die Facebook-Mail, die es für den Nutzer überflüssig machen, Facebook zu verlassen. Zum anderen kommt ein psychologisches Moment hinzu: Wer lässt schon gern seine „Freunde“ im Stich? Aber vielleicht setzt sich eines Tages bei einer breiten Masse von Nutzern der Gedanke durch hat, dass Facebook die Vielfalt des Internets bedroht und uns damit ärmer macht. Dann haben vielleicht nicht-kommerzielle Plattformen wie Diaspora eine nachhaltige Chance.

4 Antworten auf „Die Facebook-Falle – das Interview dazu“

  1. Schön schön .. ich habe das Buch zum Geburtstag bekommen und bin gerade im ersten Drittel.
    Sobald ich durch bin, werde ich mich zu einigen Punkten ausführlich äußern.

  2. „Zum anderen kommt ein psychologisches Moment hinzu: Wer lässt schon gern seine „Freunde“ im Stich? Aber vielleicht setzt sich eines Tages bei einer breiten Masse von Nutzern der Gedanke durch hat, dass Facebook die Vielfalt des Internets bedroht und uns damit ärmer macht.“

    Ich :)
    Siehe http://de.redir.ed/FBdeath

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