Ein langer Gedanke zur Next11

So, die Next11 ist vorbei und ich weiss nicht genau, wie ich die Konferenz zusammenfassen soll. Also schreibe ich einfach mal meine Eindrücke runter. Der Veranstaltungsort ist viel zu riesig, die Vortragsräume bieten neben den Stuhlreihen genug Fläche für Rollhockey, der Innenbereich heizt sich bei minimaler Sonneneinstrahlung auf wie ein Troparium, die Toiletten sind gefühlt 500m weiter am Ende eines Heizungstunnels, ja alles toll, Berlin und so, aber die Räumlichkeiten sind zu groß. Wir haben dieses Jahr den Track Branding als Sponsor kuratiert und habe daher eine ziemlich gute Vorstellung, wie schwierig es ist, gute Redner zu bekommen, aber ich war teilweise erschüttert von der Qualität der Vorträge insgesamt. Wenn man sich schon die Mühe macht, eine Präsentation vorzubereiten, oder sich auch noch als Sponsor betätigt und damit quasi einen Redebeitrag bekommt, dann sollte man diese Zeit nicht sinnlos vergeuden mit einem Vortrag, der eher auf dem betonungslosen Ablesen von Powerpoint-Charts beruht. Ich bin nicht der weltbeste Redner, aber meine Güte, es ist doch verschwendete Zeit für alle, wenn ein Redner nicht weiß, was er eigentlich für eine Story erzählen könnte über seine Firma, seine Idee, odersein Projekt. Ich bin aus mindestens fünf Vorträgen sofort herausgegangen, weil ich mir das Trauerspiel nicht angucken konnte. Überhaupt, der erste Tag war inhaltlich schwach, der zweite Tag dafür umso besser und leider für mich äusserst unpraktisch konfiguriert, da die Themen Social und Branding zeitgleich waren. Schade, das. Was ich vermisst habe, auch in unserem Track, ehrlich gesagt, waren richtig gute Diskussionen. Es gab nur Vorträge, nur selten mal ein paar Fragen und Antworten, oder gar Diskussionsrunden. 1600 Leute waren in Berlin. Viele, viele bekannte Gesichter. Und viele junge Leute, da es auch ein Juniorenticket gab, was ich auch angeregt hatte. Es fehlten aber völlig die Entscheider aus den Firmen, die neue Technologien einsetzen, Werbespendings vorhaben, oder sich irgendwie mit den Themen auseinandersetzen. Ein Rolf Schmidt-Holtz reicht nicht aus, wo waren denn alle seine Kumpels oder Leute von ähnlichem Kaliber? Auf der DLD sicherlich. Aber warum nicht auf der Next11? War das Thema zu nerdy, das Setting zu seltsam? Die Next11 hatte stellenweise den Charakter einer Jugendnachhilfeveranstaltung. Data Love ist ein sehr passendes Thema gewesen, dringend überfällig in Deutschland, aber irgendwie fehlte das Thema Next, wir haben maximal über den Status Quo geredet, aber nicht über die heisse Scheisse von übermorgen und die Diskussion, ob es jemals so kommen wird oder doch anders, und was das alles für uns bedeutet und überhaupt. Ich bin underwhelmed nach dieser Veranstaltung und immer noch genervt, daß wieder der Kardinalfehler aller Konferenzparty-Organisatoren gemacht wurde: viel zu laute Musik, wenn Leute doch nur reden wollen. Abgesehen davon war der Raum zu groß und alles wirkte leer, siehe oben. Mir fehlten die Rockstars dieses Jahr, die alten Rocker genauso wie die jungen Punks, mir fehlten Visionen, mir fehlte eine Stimmung, eine Schwingung, ein Aha-Moment oder einfach nur irgendwas Neues. Next eben. Die Next11 blieb hinter dem von mir gesetzten Anspruch deutlich zurück. Dennoch war es schön, alle mal wieder gesehen zu haben und ich mag die Next. Nächstes Jahr würde ich gerne über die Zukunft und die daraus resultierenden Möglichkeiten reden, was gestern war und heute ist, findet man auch so heraus.

24 Antworten auf „Ein langer Gedanke zur Next11“

  1. Konferenzformate, bei denen man sich ein Redebeitrag erkaufen kann, haben noch nie für hohe Qualität gesorgt. Für die Next eigentlich ein Unding. Da lobe ich mir das ein oder andere Barcamp, z.B. das nächste UX-Barcamp in Berlin. Oder ein ganz anderen Ansatz wie die nächste Design for Conversion in Köln. Klassische Konferenz-Formate haben das Nachsehen. Der Next würde hier auch ein neuer Ansatz gut tun. Das Grundthema ist ja gut gewählt. In der Umsetzung hapert es dann.

  2. Hm, liest sich fast wie eine invertierte re:publica-Kritik. Allerdings ist das Thema „Rockstar-Redner“ bei beiden wohl zu diskutieren. Ich für meinen Teil brauche keine Chacka-Rhetoriker. Mir macht es mehr Spaß, Menschen beim Denken zuzusehen und gemeinsam etwas zu erarbeiten.

  3. Es muss ja gar nicht so sein, dass gesponsorte Talks scheiße sind. Schließlich sind Talks auch ne PR-Maßnahme. Für mich als Mensch der mit PR zu tun hat (und mit Branchen-Veranstaltungen) bedeutet das übrigens: ich spreche den Vortrag vorher mit dem Redner durch, helfe ihm bei der Gestaltung der Folien, deren Vorlagen ohnehin von einem Designer kommen, ich fahre hin, gucke mir das an und gebe danach kompetent Feedback, um den Rednerpool der Firma gescheit zu pflegen. Gut, kann sich auch nicht jeder leisten, macht aber Sinn. Dennoch: Talks sollten ganz klar als Aushängeschild wahrgenommen werden.

  4. Addendum: ein guter Talk, der die Firma repräsentiert, muss auch in keinster Weise mit Werbung zu tun haben. Kompetent vorgetragene Themen, die echtes Wissen vermitteln, wirken deutlich besser. Auch das verstehen leider nur wenige.

  5. Aus persönlichem Interesse habe ich den Vorlauf der diesjährigen Next verfolgt. Data-love, spannend, es baute sich ein gewisse innere Erwartungshaltung auf, wir machen schliesslich genau das mit „Software Made in Germany“. Da wir in .de wirklich wenig bekannte Kunden haben hatte ich mich schon gefreut unser Datenmanangement, unsere Innovationen, einer breiteren Masse vorzustellen. Wir wissen ja das es klappt, haben gute Usecases unserer Kunden, u.a. Fortune500’er und die heiligste Instanz des Internet, die ICANN, und gewiss einiges „spannend-innovatives“ zu erzählen. Es gab leider keine Anfrage an uns, ich glaube ja das uns die Veranstalter nicht einmal kennen. Der „Fall Next11“ hat meine Eindruck erhärtet das leider jüngere Firmen im deutschen Internet aktuell nur Beachtung erlangen wenn sie durch den Marketing+PR Juice von VC und deren Protege-Portalen gepusht werden oder „Trendy iOS“ Gedöns machen. Schade drum, trotzdem dreht sich das bit weiter um das byte.

  6. Mal ehrlich, Konferenzen sind doof. Kein Professioneller hat das Interesse, andere Menschen schlauer zu machen als man selber ist. Oder den Wissensvorsprung zu vermitteln, den er sich mit viel Wachstumsschmerzen erarbeitet hat. 90% aller Vorträge die ich je sah und bei denen ich nicht einschlief dienten ausschließlich der profilierung der Redner. „Übrigens ich spiele auch auf Ihrer Hochzeit!“. Unser Besuch aus Berlin hat gestern was von halbgeheimen Treffen erzählt, wo sich Marketingmenschen großer (grooooßer) Unternehmen treffen und unter sich Erfahrungen zu SoMe austauschen. Agenturfuzzis oder freie Beraterdings sind nicht eingeladen! So weit ist es also schon gekommen, da kann man sich doch ruhig mal auf die Schulter klopfen, nech? PS: Barcamps sind immernoch super!

  7. dann lass uns die next12 doch wieder in Hamburg machen. Ist für beide gut :)

  8. @SaschaStoltenow Hast du denn einigen Rednern „beim Denken zuschauen können“? Mit ihnen (oder anderen) in und zwischen den Talks progressiv diskutieren können?

  9. Ne, ich war ja nicht da (bei der Next), aber die re:publica fand ich da sehr inspirierend. @jensbest

  10. Barcamps, Hackathons – vielleicht sollten sich Social Media Anzugträger für ihre „Biz-Meetups“ mal dort inspirieren lassen. Dem ein oder anderen hat die Krawatte ja durchaus noch nicht sämtlichen progressiven Gedankenfluß abgeschnürt.

    Und dann noch bitte diesen Anspruch mit „Data Love“ oder ähnlichem fallen lassen – in einer solchen Konstellation geht’s doch nicht um die Philosophie und Bedeutung des Web für die Gesellschaft – Seid für den Anfang einfach mal ehrlich und sagt: „Wir sind hier, um mit diesem innovativen Internet ein paar müde Mark zu verdienen – und wir würden uns freuen, wenn wir das weniger damit tun könnten die Leute (aka „Zielgruppe“) mit PR, Marketing und Werbung weiter zu verarschen, sondern irgendwie ehrlich und mit ’nem wirklichen Nutzen für die Gemeinheit.“

  11. Ich teile deinen Eindruck im Groben. Es gab eine paar gute Ideen, aber richtig gute Talks mit interessanten Themen für die Zukunft habe ich nur im Raum international gesehen, wo die wirklich guten Keynotes allesamt von nicht deutschen waren *hint*. Die Aufteilung im Innenraum habe ich auch nicht ganz verstanden, es gab Stände, aber was genau das sollte erschloss sich mir nicht. Ich hätte mir auch eine stärkere Durchmischung gewünscht, es waren ja nur die Marketingler der großen da und dann halt SinnerSchrader. Nichts dagegen, aber anteilig kam es mir halt doch manchmal vor, als wäre ich auf einer Firmenparty von denen.

    Alles in allem kann ich dem was gutes abgewinnen, weil ich endlich Leute getroffen habe, die ich seit langem mal treffen wollte. Die Veranstaltung an sich war mir dafür aber – besonders für Berliner Verhältnisse – zu teuer und zu oberflächlich. Da müsste nächstes Jahr schon ein anderes Programm geboten werden, damit ich bereit bin das nochmal zu zahlen.

  12. @jensbest naja, gerade Barcamps haben in den letzten Jahren schon auch ziemlich gelitten. Mal ganz abgesehen davon, dass ich auch dort ernsthaft tiefgreifende Debatten eher selten gefunden habe….

  13. Zur Location und den damit verbundenen Unannehmlichkeiten zur Hitze und Größe gebe ich Dir Recht, wenngleich mich das nicht allzu sehr gestört hat. Die Party danach war mehr schlecht als recht. Die Musik war weder tanzbar noch konnte man sich unterhalten. Frühes Heimgehen war daher für mich angesagt. Was ich für mich nicht bestätigen kann ist die Qualität der Vorträge und die der Vortragenden. Viele Präsentationen bei Mobile und International fand ich sehr inspirierend, Social war ein Fehler (kalter Kaffee), Commerce und Brand sind nicht mein Thema und kann ich daher nicht beurteilen. Aber eine wahre Zumutung fand ich NEXT Stage. Unmöglicher Platz für teils wirklich gute Präsentationen. Dass diese im Voting ganz vorne waren und dafür nur 10 – 15 Minuten in Hallenatmosphäre und -lautstärke reden durften, vor einem Publikum, das mehr zufällig auf dem Weg zum Klo oder zurück dort lautschte – ein Unding. Nein, sogar sehr unverschämt. Ein Schlag ins Gesicht für diejenigen, die gevotet haben und respektlos denjenigen gegenüber, die ihre teils guten Beiträge vor 10 müden Gesichtern halten mussten.

  14. An dem Tag, an dem sich alle Branchenexperten einige sind, etwas wirklich Visionäres gehört zu haben, ist der Kontakt zu Debütanten auf Entscheiderebenen verloren gegangen – glaube ich. An dem Tag, an dem die Toiletten gepolstert und Werkshallen aus der Gründerzeit vollklimatisiert sind, die nativ sprechenden Redner nach jedem Satz von einer berauschten Zuhörerschaft Szenenapplaus erhalten und jeder Besucher in der Meeting-Area ein mit schicken Liegesesseln, Couch, Bar, schalldichten Stellwänden, Kühlschrank und individuellem Turbospeed WLAN Netzanschluss ausgestattetes, personalisiertes Separee erhält, müssen Interessenten für ihr NEXT-Ticket Kredite aufnehmen und entsprechend der Vorbereitungen findet die NEXT nur noch alle fünf Jahre statt. Kritik – vor allem wenn sie, wie im voranstehenden Artikel immer auch Selbstkritik impliziert – ist wichtig für die Entwicklung einer solchen Veranstaltung! Allerdings sehe ich hier hinsichtlich der Bedeutung einzelner Kritikpunkte so große Unterschiede, dass ich mir mehr… Raum dazwischen gewünscht hätte. Ja, ich fand die Band – so gut wie sie war – auch räumlich und zeitlich falsch platziert und ebenso viel zu laut. Das haben Bands so an sich. Aber dann gehe ich einfach mal zu einem der Organisatoren und sage ihm, dass ich zum Networken nur noch die Chance sehe, die Veranstaltung zu verlassen. Ob es an mir lag, weiß ich nicht, aber gefühlte 10 Minuten später hatte die Band vorläufig aufgehört zu spielen und es war Ruhe. Punkt. Den Weg zu den Toiletten zu monieren, nur weil er statt gewünschten 30 Sekunden vielleicht zwei Minuten dauerte, nehme ich nur noch völlig entgeistert zur Kenntnis. Bereits als kleiner Junge habe ich lernen müssen, dass Timing bei der Planung des Urinierens ein wichtiger Faktor ist. Die Vermischung von Kritik an Bequemlichkeitsfaktoren und der Qualität von Beiträgen und Rednern rückt die Veranstaltung aus meiner Sicht in ein zu negatives Licht. Qualitätsunterschiede bei Inhalten und Vortragsarten wird es immer geben – das ist keine Entschuldigung, das ist noch nicht mal ein Grund, das ist Fakt. Abgesehen davon hätte ich mir mehr Mut zu englischsprachigen Vorträgen gewünscht. In allen beteiligten Unternehmen und Agenturen würde ich heute OHNE Englischkenntnisse nicht mal mehr als Hausmeister einen Job finden. Also, bitte – ich habe mich bei meiner Moderation auch nicht entblödet, statt auf Erfahrungen in Deutsch auf Englischkenntnisse im Rohzustand und die Geduld des Auditoriums zu setzen. Da einige Zuhörer geblieben sind und ich nicht ausgepfiffen oder offen belächelt wurde, kann es nicht soooo schlimm gewesen sein. Mehr Mut tut gut (Phrase). Abschließend freue ich mich schon jetzt auf die NEXT12 und – genau wie Sie – über etwas mehr Vorträge zur „Zukunft und den daraus resultierenden Möglichkeiten“. (Ich war für pr://ip und im Auftrag von SinnerSchrader auf der NEXT11 tätig.)

  15. @jensbest Ich habe nicht eine einzige Krawatte gesehen. Aber vielleicht habe ich ja auch einfach nur nicht aufgepasst.

  16. @50hz @jensbest es sind die Krawatten in den Köpfen der Herren, um die es geht.

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