Bob Dylan live, damals.

Nico —  24.05.2011

Eine der für mich tollsten Errungenschaften der späten 80er Jahre in den USA war die Mitgliedschaft im Schallplattenclub Columbia House. Wenn man die richtige Promotion abgewartet hatte, bekam man 18 Langspielplatten für 1$ und musste sich dann verpflichten, monatlich weitere Langspielplatten zu kaufen. Wenn man nur ein Jahr in den USA bleiben wollte, dann war das ein überschaubares Risiko, auch wenn natürlich noch Jahre später meine Gasteltern Post von Columbia House bekommen hatten. Bob Dylan gehörte zu den Küsntlern, deren Platten ich mir auf diese Weise besorgt hatte und die in einer Endlosschleife liefen. Ich trug damals längere Haare und Batikshirts, hörte Doors, Creedence Clearwater Revival, Grateful Dead und eben Bob Dylan. Ich habe mich also kaum verändert in all den Jahren.

Anfang 1990 wurde dann eine kleine Sensation angekündigt: Bob Dylan sollte ein Konzert in Iowa spielen und es hiess, dieses Konzert würde innerhalb kürzester Zeit ausverkauft sein, denn es könnte seine letzte Tour sein, Bob Dylan sei ja schon älter. Also bin ich mit meinem Kumpel Wade in aller Frühe an einem trüben, naßkalten Samstag in ein eher nicht so schönes Viertel am anderen Ende der Stadt gefahren, wo zwischen trostlosen Drive-Thrus und Discountmärkten ein unscheinbares Büro von Ticketmaster versteckt war. Wir hofften, daß wir dadurch nicht in einer Schlange stehen müssten und einen der wenigen Plätze für das Konzert im Adler Theatre in Davenport, IA am 10. Juni 1990 ergattern würden, denn Ticketmaster war die einzige Verkaufsstelle für die begehrten Tickets. Und so war es auch, nur eine Handvoll älterer Menschen, die man als Ex-Hippies bezeichnen würde, standen mit uns in der Schlange. Wir waren 17 Jahre alt. Das Konzert war rasant schnell ausverkauft und es sollte noch etliche Wochen dauern, bis wir die lange Fahrt nach Davenport antraten.

Das Konzert im Adler Theatre war für mich eher unüblich, ich war damals eher so bei irgendwelchen schraddeligen Punkkonzerten, mal abgesehen vom REM-Konzert 1989, aber das war Zufall, ich kannte die nicht und sollte mitkommen, war aber ziemlich cool, und daher fand ich das Setting in einem kleinen Theater mit 2500 Sitzplätzen eher merkwürdig. Den Altersdurchschnitt konnten wir nur marginal senken, alle waren mindestens doppelt so alt wie wir. Viele hatten verblichene T-Shirts an mit Tourdaten aus den 60ern und 70ern von Bob Dylan oder den Grateful Dead. Ich fühlte mich so ein wenig wie auf einem Klassentreffen von alternden Ex-Hippies. Geraucht wurde natürlich auch. Die Setlist war ok, einige meiner Lieblingssongs wie „It’s All Over Now, Baby Blue“ oder „All Along the Watchtower“ wurden gespielt, aber leider nicht „The Times They Are A-Changin'“ – ich weiss noch, daß ich echt eine Gänsehaut hatte, als Bob Dylan auf die Bühne kam, weil ich dachte, daß ich ihn wahrscheinlich nie wieder spielen sehen können würde, denn wer käme denn in so einem hohen Alter noch nach Europa, und insofern war ich ziemlich hin und weg. Allerdings auch etwas deprimiert, als das Konzert ohne große Zugaben zügig vorbei war.

Bob Dylan ist heute 70 Jahre alt geworden. Ich dachte damals, er wäre kurz vorm Karriere-Ende. Naja, leicht verschätzt. Aber seine Songs mag ich noch immer. The Times They Are A-Changin‘.