und wenn Zeitungen sterben?

Nico —  28.06.2011

Wir erinnern uns, in einem Advertorial in der Süddeutschen sieht Springer-Chef Döpfner mit der Tagesschau-App eine rote Linie überschritten und holt weit aus mit dem Bedrohungsszenario, das er durch die Tagesschau-App entstehen sieht.

Wegen einer kostenlosen App können also Medienhäuser im App-Store nicht mehr erfolgreich sein und dadurch würde den Verlagen die Existenzgrundlage entzogen werden.

Jetzt mal ehrlich, habe ich etwas verpasst, oder haben Verlage eine Bestandsgarantie für ihre Businessmodelle erhalten? Wenn ja, von wem?

Der technische Fortschritt hat schon immer dafür gesorgt, daß neue Branchen entstanden sind und florierten, während es anderen Branchen nicht so gut ging, bzw. sie obsolet wurden. Das ist mit dem Internet nicht anders und ob man es nun gut finden wird, oder auch nicht, Tageszeitungen werden massive Probleme haben in den nächsten Jahren. Das Vorhandensein einer kostenlosen Tagesschau-App wird daran nichts ändern.

Klar, Zeitungen sind ein Kulturgut, sind wir alle mit aufgewachsen, verstehe ich ja alles, sind auch nette Menschen mit Familien, die bei Zeitungen arbeiten, aber es ist dann doch eher so wie mit dem Bergbau in Deutschland: ein Ende ist absehbar und wer sich nicht umorientieren kann oder will, der muß sehen, wie er oder sie in den nächsten Jahren über die Runden kommt. Das Mediennutzungsverhalten verändert sich so rasant, Tagesschau-App hin oder her, daß die Leser von Tageszeitungen perspektivisch einfach wegsterben. Und machen wir uns nichts vor, das Angebot vieler Tageszeitungen ist so blass, da wird man kaum etwas vermissen, oder liest jemand ernsthaft länger als 5 Minuten an einer üblichen Tageszeitung (FAZ, SZ & Co mal ausgenommen)? Eben.

Sicher, Zeitungen sind wichtig, denkt an die Kinder, die Demokratie, die freiheitlich-demokratische Grundordnung, alles ist in Gefahr, weiss ich alles, glaube ich aber nicht dran. Seriöse Inhalte kann man auch ohne Papier vermitteln, das ist keine Frage des Mediums. Das Einzige, worauf wir uns in Zukunft verlassen können, ist eine Beschleunigung der Veränderungen, die auf uns einprasseln. Mediale Pluralität wird anders aussehen als insbesondere die Älteren unter uns es gewohnt sind.

In den USA haben bereits einige Zeitungen ihre Distribution im Papierformat einstellen müssen. Das wird in Deutschland auch kommen. Und es liegt nicht an der Tagesschau-App. Die Meta-Ebene spricht deutlich gegen die Verlage und ihre Zeitungen, da hilft auch der Nebenkriegsschauplatz Tagesschau-App nicht.

11 responses to und wenn Zeitungen sterben?

  1. jenshoffmann 28.06.2011 at 15:10

    Allerdings folgt das Verhalten und Gebaren der Zeitungsverlage einem bislang erfolgreich eingeübtem Muster deutscher Industrien: Metallindustrie solange subventioniert, bis wirklich nichts mehr ging, Automotive gestützt durch Abwrackprämien, Steueranreize etc., Kohlebergbau immer noch subventioniert, Landwirtschaft ….

    Wenn man nur laut genug schreit, dann wird man auch in Berlin gehört. Und schreien können ja die Medienfritzen.

  2. Ich hoffe auch Du zahlst brav Deine stetig steigende GEZ? Denn aus dieser werden nun auch Geschäftsmodelle subventioniert, die IMHO nichts mit dem Auftrag der öffentlich rechtlichen Medien zu tun hat.

    Nichts gegen den Eingriff der öffentlich rechtlichen Sender in „fremde“ Marktumfelder, wenn sie dabei ausschließlich dem freien Wettbewerb unterliegen.

    Gruß

    Claas

    PS: Wer war schon mal auf ndr2.de? ;-)

  3. @claas weder höre ich ndr2, noch gehe ich auf ndr2.de, aber ich habe mich schon mal dabei ertappt, dass ich nach einem radio-beitrag auf ndr info in der tat online noch etwas nachgelesen habe. Die große Frage ist doch: ist es noch zeitgemäß, die öffentlich-rechtlichen Sender nur als Sender zu begreifen, oder müssen wir da nicht einen breiteren Medienbegriff nutzen, wenn wir wollen, daß aus unseren GEZ-Gebühren auch eine Nutzung finanziert wird. Die Nutzerströme wandern ab aus den klassischen Kanälen, dann wäre es doch widersinnig, ARD/ZDF dorthin zu verbannen. oder?

  4. sebastiankeil 28.06.2011 at 15:48

    Immerhin gibt es die tagesschau app – wenigstens eine Sache die ich nutze, die mit meinen GEZ-Gebühren finanziert wird

  5. @NicoLumma @claas Dein Argument ist: Wenn schon GEZ, dann in die richtigen Kanäle. Ok! Aber dann gefälligst:

    1. die alten Kanäle hart kürzen – es gibt zig hörerlose Radiosender im ARD-Verbund – Wieso gibt es zig Spartenkanäle (ZDF-Theaterkanal) die keiner sieht.

    2. und das Geld Wettbewerbskonform in neue Medien investieren, um die verzerrung möglichst gering zu lassen.

    So werden die GEZ-Gebühren nur stetig steigen.

  6. @claas @NicoLumma Meine Mutter guckt den ZDF Theaterkanal. So.

  7. @hzulla @claas ich habe letztens zdf kultur geguckt. so.

  8. FriedrichB 28.06.2011 at 21:03

    Alle Welt spricht von opendata in Bezug auf öffentliche Institutionen. Mittlerweile gibt es auch ein Informationsfreiheitsgesetz. Nur seltsam, dass ich als Bürger nicht mehr die Möglichkeit habe auf Inhalte der öffentlich-rechtlichen Anstalten zugriff zu haben, die älter als 1 Jahr sind.

    Aber wie claas sagt , das liegt alles am freien Wettbewerb :-)

    Im übrigen als GEZ Zahler habe ich doch wohl Anrecht auf diese Informationen!!

  9. springfeld 1.07.2011 at 9:48

    @claas Man kann den ÖR ihren Auftrag absprechen, den sie mit den Spartenkanälen erfüllen. Dann sollte man aber auch so konsequent sein, und den Tageszeitungen ihr MwSt-Privileg (=Subvention) entziehen, Scheindebatten wie die zu Apps und Web 2.0 beenden und das Presserecht verschärfen: i.) So etwas wie BILT darf nicht den selben Schutz durch das Grundgesetz genießen wie die Tagesschau, ii.) Verfehlungen müssen und müssen hart bestraft werden. So lang vom „freien Markt“ nur noch Müll rüberschwappt, braucht man sich über eine Gleichbehandlung nicht unterhalten.

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