Grünes Astroturfing am Fahrradweg

Nico —  10.08.2011 — 21 Comments

Die Berliner Grünen haben ein Mitmach-Tool für den Wahlkampf gestartet, unter dem wohlklingenden Namen “Da müssen wir ran!” – Bürger sind aufgerufen, Aufgaben an die Politik zu formulieren. Derartige Tools bieten sich natürlich wunderbar an, wenn man in der Opposition ist. Um dem ganzen Thema Nachdruck zu verleihen, wird dann auch im Wahlkampf-Blog der Berliner Grünen das Thema aufgegriffen:

Dieses Thema ist den Berlinerinnen und Berlinern ein Herzensanliegen: mehr Sicherheit für Radfahrer im Straßenverkehr schaffen. Die große Relevanz des Themas drückt sich in zahlreichen Aufgaben auf der Mitmach-Karte von „Da müssen wir ran“ aus – und der großen Unterstützung, die diese erfahren. Auch Andreas Gebhard, Geschäftsführer der Netzagentur Newthinking aus Prenzlauer Berg hat die Möglichkeit des Mitmach-Tools genutzt, um die Politik auf dringenden Handlungsbedarf hinzuweisen. Auf http://gruene-berlin.de/da-müssen-wir-ran beschreibt er seine Aufgabe so: „Da die Verkehrsführung an der Kreuzung Torstraße/Schönhauser Allee unübersichtlich ist, kommt es fast täglich zu Unfällen. Die Autofahrer kommen nicht damit klar, dass Radler aus zwei Richtungen kommen.“ Die Aufgabe hat innerhalb weniger Stunden mehr als 50 UnterstützerInnen gefunden. Damit ist klar: Da müssen wir ran!

Ah, ein interessierter Bürger, noch dazu ein Geschäftsführer, das ist ja prima, die Plattform kommt also an bei den Bürgern, dies suggeriert der Text. Sebastian Koch hat sich die Aktion mal etwas genauer angeguckt und in seinem Beitrag Von der Schwierigkeit eines Online-Wahlkampfes dargelegt, daß der interessierte Bürger Andreas Gebhard in seiner Funktion als Geschäftsführer der NewThinking GmbH und damit Geschäftspartner von Netzlobbyist Markus Beckedahl verantwortlich für die Entwicklung des Mitmach-Tools “Da müssen wir ran!” ist. Kein Wort davon im Text der Berliner Grünen.

Ich war sehr erstaunt, daß NewThinking derartig agiert und habe als Response von Andreas Gebhard per Twitter folgenden Kommentar erhalten:

@Nico sorry. du jazzed da was hoch – hier methode vorzuwerfen ist abseitig. aber mehr transparenz ist immer drin da geb ich dir recht.

Olaf Kolbrück hat das Thema unter dem süffisanten Titel Von der Graswurzelbewegung zur Kunstrasenbewegung noch einmal aufgegriffen und das Astroturfing thematisiert. Heute dann hat Andreas Gebhard im Blog von NewThinking noch einmal nachgelegt:

Was war also passiert? Wahlkampf ist immer ein schmutziges Geschäft. Im Nachhinein hätte ich wohl besser darauf verzichtet, auf das Problem hinzuweisen, an dem Treffen vor der Tür teilzunehmen und das Problem mit lösen zu wollen, um keine Angriffsfläche zu bieten. Wir sind zwar nur Technologieagentur und nicht Kreativagentur, die sich Strategien in diesem Wahlkampf ausdenkt, aber in der Öffentlichkeit wird das gerade etwas vermischt.

Halten wir also mal fest: wenn ein Politiker eine unglückliche Formulierung sagt, wird im NewThinking-Blog Netzpolitik.org zur Attacke geblasen und versucht, ein Shitstorm herbeizuschreiben. Wenn ein Geschäftsführer von NewThinking gegen die eigenen Transparenz-Gebote verstösst, dann kann das mal passieren. Interessant.

Interessant ist auch das Thema Lobby-Transparenz beim NewThink-Ableger Digitale Gesellschaft e.V., denn dort steht:

Wer spielt welches Spiel? Wir wollen Licht ins Dunkel bringen. Eine Vielzahl an Unternehmen und Verbänden werben auf nationaler und europäischer Ebene für ihre Einzelinteressen in der Netzpolitik. Ob in Berlin oder in Brüssel: Wirtschaftsunternehmen und Verbände nehmen Einfluss auf Politik und Verwaltung. Weil es kein Lobbyregister gibt, das diesen Namen verdient, weiß niemand, wer Einfluss nimmt.

Wir wollen Licht ins Dunkel bringen und die vielen Player transparent dokumentieren: Wer hat welche Interessen, welche Lobby-Agenturen betreuen welche Kunden, wer ist wie mit welcher Partei verbunden? Wer sitzt welchem Politiker auf dem Schoß? Statt Hinterzimmermauschelei muss Transparenz in die politische Einflussnahme.

Interessant.

Andreas Gebhard posiert für die Berliner Grünen als besorgter Bürger vor den Kameras, ist Teil einer medialen Inszenierung und ist ausserdem Dienstleister für die Berliner Grünen. Der unbedarfte Leser oder Betrachter der Fotos soll denken “mannomann, da haben die Grünen aber eine tolle Idee gehabt, und sogar ein Geschäftsführer macht da mit, dolle Sache, das!” (Fixmystreet ist ein alter Hut, aber egal) und Andreas Gebhard redet sich im NewThinking-Blog mit “Jeder, der den Berliner Wahlkampf näher verfolgt, weiß seit einigen Wochen, dass newthinking mit für den Online Wahlkampf von Bündnis 90 / Die Grünen verantwortlich ist.” – Nö, das wissen nicht alle, wieso auch?

Ich bleibe dabei, es wird nichts gejazzt, sondern NewThinking und die Berliner Grünen verstossen gegen die Transparenzgebote, die sie selber bei anderen einfordern! Das ist lupenreines Astroturfing und kein Anfängerfehler. Sollte Andreas Gebhard ein Anfänger sein, dann stellt sich die Frage nach dem Professionalitätsgrad der NewThinking GmbH und ich fange jetzt gar nicht erst an, mich über die Berliner Grünen aufzuregen, die offenbar so sehr im politischen Mittelmaß angekommen sind, daß sie noch nicht einmal echte besorgte Bürger für ihr Mitmachprojekt vor die Kamera gestellt bekommen. Oder ist das Interesse an den Berliner Grünen in diesem Wahlkampf etwa doch nicht so groß wie erwartet?

21 responses to Grünes Astroturfing am Fahrradweg

  1. PaulaHannemann 12.08.2011 at 13:59

    Lieber Nico, eine transparente Frage: Berätst Du die SPD onlinemäßig im Berliner Wahlkampf – das ein oder andere Mal? Liebe Grüße, Paula

  2. @PaulaHannemann nein.

  3. PaulaHannemann 12.08.2011 at 14:03

    Danke! @NicoLumma

  4. @PaulaHannemann gerne. wieso fragst du?

  5. PaulaHannemann 12.08.2011 at 16:11

    Weil Scholz doch für die SPD arbeitet und weil es mich einfach interessiert hat, ob der Beitrag mit einer solchen Brille geschrieben “hätte sein können ganz evtl.” – bitte an dieser Stelle keine Unterstellung vermuten – deswegen habe ich ja gefragt. … @NicoLumma

  6. @PaulaHannemann Scholz im Sinne von Olaf, oder Scholz im Sinne von & Friends? Ersterer arbeitet sicherlich für die SPD, Scholz & Friends aber nicht. :)

    Ich bin allerdings seit 23 Jahren SPD-Mitglied.

  7. inpressulum 12.08.2011 at 16:22

    http://www.butter.de/ @PaulaHannemann @NicoLumma

  8. inpressulum 12.08.2011 at 16:22

    http://www.butter.de/ @PaulaHannemann @NicoLumma

  9. mathiasrichel 12.08.2011 at 16:26

    @PaulaHannemann Scholz hat und korrigiert mich da wenn ich falsch liegen sollte, noch nicht für die SPD gearbeitet. Wird gemeinhin eher als “schwarze” Agentur gesehen. :D

  10. PaulaHannemann 12.08.2011 at 16:53

    Scolz im Sinne von & Friends. Danke für die Aufklärung. Ich hatte die Zeile hier: http://www.tagesspiegel.de/berlin/internet-aktivisten-erschrecken-spandauer-cdu/4364184.html falsch gelesen… @NicoLumma

  11. PaulaHannemann 12.08.2011 at 16:53

    Scolz im Sinne von & Friends. Danke für die Aufklärung. Ich hatte die Zeile hier: http://www.tagesspiegel.de/berlin/internet-aktivisten-erschrecken-spandauer-cdu/4364184.html falsch gelesen… @NicoLumma

  12. @PaulaHannemann ach so :)

  13. @PaulaHannemann ach so :)

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