Das Internet an sich und die Bandbreite dazu

Nico —  26.08.2011 — 3 Comments

Auf der Strecke Hamburg-Berlin wird mir jedes Mal wieder deutlich gemacht, wie seltsam es doch ist, wenn man keinen Zugang zum Internet hat. Irgendwie hat man in den letzten Jahren DSL als gegeben akzeptiert, hat sowohl zuhause und im Büro genügend Bandbreite zum Arbeiten, mobil ist das Smartphone dabei entweder mit 3G unterwegs oder per WLAN verbunden. Eigentlich ist es ganz leicht, connected zu sein. Ich jedenfalls habe mich daran gewöhnt, daß der limitierende Faktor eher die Akku-Laufzeit als die Connectivity ist. Bis man dann in diesem Zug sitzt, der einen schlagartig wieder in die Mitte der 90er Jahre versetzt. Ich hatte 1995 ein 19.6er Modem, ein 22.8er war zu teuer, und die Verbindung hielt stabil von 12 bis Mittag. Man tippte schnell, bevor man wieder aus der Leitung flog. An die Kosten mochte ich damals gar nicht denken, die Telefonrechnung war jedenfalls nicht tauglich für das Budget eines Studenten.

Wieso sind wir so bequem geworden? Warum ist VDSL der Goldstandard geworden und man akzeptiert Züge ohne wirkliche Internet-Verbindung? Jaja, offline ist auch mal ganz schön und ich sollte mal abschalten, klar, aber das entscheide ich gerne selber. Wir reden seit Jahrenden von Always-on, aber die Realität ist doch, daß wie uns eher im Bereich Joghurt-Becher plus Schnur bewegen. Wo sind eigentlich irgendwelche groß-angelegten Fiber-to-the-Home (FTTH) Projekte, wie sie Google derzeit in Stanford bzw. Palo Alto realisiert? Müssen wir uns eigentlich damit abfinden, daß auch 2011 flächendeckend kein Breitband vorhanden ist? Warum definiert die Bundesreagierung die Breitbandziele eigentlich so zögerlich und nimmt als Grundversorgung 1 mbit/s an? Was soll denn das?

Weil es reicht, kann nicht die Antwort zu sein. Alle Netzanwendungen werden breitbandiger und was heute an Bandbreite reicht wird trotz Optimierungen nächstes Jahr vielleicht nicht mehr reichen. Deutschland wird immer für die Infrastruktur gerühmt, alle Welt kennt die Autobahn und auch die Deutsche Bahn ist eigentlich eine wundervolle Einrichtung, wenn diese merkwürdigen Bürokraten-Ansagen nicht wären. Aber beim Thema Bandbreite, da haben wir uns vor 10 Jahren irgendwie davon verabschiedet, daß es mehr als DSL geben könnte. Wieso, reicht doch? Eben nicht. Entwickelt mal Phantasien, denkt mal über Video nach, über große Echtzeit-Anwendungen, dann reicht die Bandbreite längst nicht aus. Die USA kann da übrigens nicht Benchmark sein, wir sollten uns eher an Südkorea orientieren und uns fragen, warum wir nicht Glasfaser überall haben und warum LTE immer noch ein Fremdwort ist.

Bandbreite ist für mich wie Strom und Wasser, eine Commodity. Abgesehen von Orten weit jenseits der Zivilisation, ja sogar noch schlimmer als Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern in Nähe der Bahntrasse, erwarte ich mindestens UMTS für mobile Verbindungen und verfügbare stationäre Bandbreite im Bereich von 50 Mbit/s. 100 Mbit/s sollte normal sein und 1 Gigabit/s erschwinglich.

Was ist nur aus uns geworden? Wo ist der Bandbreiten-Hunger hin? Warum sind wir mit so wenig zufrieden? Warum geben wir uns immer noch damit zufriende, daß sich eine Website im Browser aufbaut, anstatt sofort dazu sein? Alle reden über die Cloud, aber die Bandbreite fehlt. O tempora, o mores.

3 responses to Das Internet an sich und die Bandbreite dazu

  1. Weil wir eben nicht in einem Technologie-, sondern einem Technokratenstaat leben. Infrastruktur interessiert hier niemanden, so lange alles funktioniert, so einigermassen. Die Bahn schliesst immer mehr Strecken und konzentriert sich auf ICE-Transferlinien, Stromkonzerne jammern, sie müssten das Netz ausbauen wenn die alternativen Energien kommen sollen, Telcos haben es in all den Jahren nicht geschafft die Funklöcher in Deutschland zu stopfen. Infrastruktur kostet Geld, das kein schnelles ROI bringt, wie soll man das den Shareholdern erklären?

    Mein Lieblingsbeispiel, vor 10 Jahren in the f***ing middle of nowhere in Skandinavien einfach so das Mobiltelefon benutzt, kaum über die Grenze gefahren, unweit von HH wieder ein schönes großes Funkloch…

  2. Ich finde es erschreckend, wenn man mal in den Nachbarländern unterwegs ist und sieht, wie selbstverständlich dort mit dem Thema umgegangen wird. In den Bergen in der Zentralschweiz am Hang habe ich schnelleren Netzzugang als in Brandenburg bei meinen Eltern. DSL gibt es da garnicht, der mobile Zugang erreicht vielleicht ISDN-Geschwindigkeit. Im Ausland ist WLAN im Hotel oft kostenlos, in Deutschland hat man das Gefühl, man mietet einen eigene Standleitung im Jahresabo.

    Was unterscheidet uns von unseren Nachbarn? Man bekommt manchmal das Gefühl, dass wir ein Entwicklungshilfeland sind.

Trackbacks and Pingbacks:

  1. Ein schwarz-gelber Tag für das Internet in Deutschland - 27.10.2011

    [...] der Markt den Infrastruktur-Ausbau schon irgendwie selbst regeln wird. Was für ein Trugschluß! Internet ist wie Strom und Wasser, hier muß der Staat regelnd eingreifen und Vorgaben machen!Ich gehe soweit, daß ich eine Trennung [...]

Los, kommentier das mal!